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Geldschwemme der EZB: Wie Draghi die nächste Immobilienblase aufpumpt

Eine Kolumne von

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REUTERS

EZB-Präsident Mario Draghi

Im Kampf gegen sinkende Preise will die Europäische Zentralbank voraussichtlich noch mehr Geld in die Märkte pumpen. Ein gefährliches Experiment, das zu neuen Krisen führen kann.

Wir sind auf dem Weg in ein wirtschaftliches Paralleluniversum, in eine Welt, in der Gewohntes nicht mehr gilt, in der sich vieles ins Gegenteil verkehrt: Aus Plus wird Minus, aus Gut wird Schlecht, aus Richtig wird Falsch. Eine Anti-Ökonomie.

Die Frage ist, ob wir diesen Weg tatsächlich gehen müssen - oder ob wir gerade dabei sind, uns immer weiter zu verirren. Bei seiner Sitzung am Donnerstag wird der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) an einer weiteren Weggabelung stehen - und vermutlich den Pfad ins wirtschaftliche Schattenreich nehmen.

Bei der Reise in die Tiefen der Anti-Ökonomie zeigen die wirtschaftspolitischen Navigationsinstrumente seltsame Dinge an: Aus Inflation wird Deflation. Aus Wachstum wird Schrumpfung. Aus Sparzinsen werden Strafgebühren. Aber es gibt auch gegenteilige Signale, übersprudelnde Immobilienmärkte beispielsweise.

Obwohl die EZB immer mehr Geld in die Märkte pumpt, sinken die Konsumentenpreise: Die Inflationsrate in der Eurozone lag im Februar bei minus 0,2 Prozent. Selbst wenn man Öl und andere Rohstoffe herausrechnet, beträgt die Preissteigerung nur noch 0,7 Prozent - weit unterhalb der angepeilten Rate von knapp zwei Prozent.

Auch die langfristigen Inflationserwartungen fallen immer weiter. Das Wachstum ist so schwach, dass die Eurozone immer noch nicht das Produktionsniveau erreicht hat, das vor der Krise herrschte. So durchleidet etwa Italien einen schleichenden Niedergang. In vielen Ländern Europas ist die Arbeitslosigkeit immer noch ungewöhnlich hoch.

Die Spätfolgen des Booms der Nullerjahre

Was nun? EZB-Chef Mario Draghi hat immer wieder verkündet, die Zentralbank werde nicht klein beigeben. Es ist erst drei Monate her, seit sie zuletzt ihr Programm zum Aufkauf von Anleihen noch mal aufgestockt hat, auf ein Gesamtvolumen von rund 1,5 Billionen Euro. Außerdem werden Banken, die bei der EZB überschüssiges Geld parken, mit immer höheren Strafgebühren belastet: Der negative Einlagezins liegt seit Dezember bei minus 0,3 Prozent.

Bei seiner Sitzung am Donnerstag dürfte der Rat der Zentralbank noch mehr von alldem beschließen: Noch mehr Anleihen vom Markt kaufen, die Strafgebühr auf Einlagen noch weiter erhöhen, vielleicht auch die Banken im Euroraum noch gezielter dazu anregen, mehr Unternehmensinvestitionen zu finanzieren.

Meine Befürchtung ist, dass solche Maßnahmen die Reise ins Schattenreich beschleunigen.

Um zu verstehen, auf welchem Irrweg wir uns befinden, muss man ein wenig zurückschauen: Die aktuellen wirtschaftlichen Probleme der Eurozone sind eine Spätfolge des Booms der Nullerjahre. Damals stieg die Menge des im Umlauf befindlichen Geldes viel schneller, als es die EZB eigentlich für gut hielt.

Ausschlaggebend ist dabei die sogenannte Geldmenge M3, wozu grob gesagt all das gehört, was als Bargeld vorhanden ist oder auf Giro- und Sparkonten herumliegt. Erklärtes Ziel der Zentralbank ist es, dass diese Geldmenge pro Jahr im Schnitt um rund 4,5 Prozent wächst. Die Idee dahinter: Der Wirtschaft soll gerade so viel Geld zur Verfügung stehen, wie Verbraucher und Unternehmen für ihre Transaktionen mit Gütern und Dienstleistungen benötigen. Nicht mehr, damit es nicht zu übermäßiger Nachfrage und steigenden Inflationsraten kommt. Aber auch nicht weniger, damit die Wirtschaft nicht durch ein zu enges Korsett erdrosselt wird.

In der Realität ließ es die EZB damals aber zu, dass M3 viel schneller wachsen konnte als angepeilt, in manchen Jahren sogar zweistellig. In der Spitze, 2008, waren ein Fünftel mehr liquide Mittel im System, als eigentlich nötig gewesen wären - rund zwei Billionen Euro zu viel.

Hätten die Notenbanker ihre eigene 4,5-Prozent-Regel ernst genommen, sie hätten eine Menge Probleme verhindern können. Denn das Spiegelbild der Geldmenge M3 ist die Verschuldung. Wo die Banken Kredite vergeben, entsteht neues Geld. Und das geschah damals mehr als reichlich.

Entsprechend gab es Jahre, da nahmen Bürger und Unternehmen in einigen Ländern Kredite in Höhe von mehr als einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts auf. Gelder, die überwiegend für Hauskäufe eingesetzt wurden. Der Geldüberhang produzierte eine galoppierende Immobilieninflation: In Spanien, Irland oder Frankreich stiegen die Wohnungspreise binnen weniger Jahre um mehr als die Hälfte.

Auch in Deutschland pumpt sich eine Immobilienblase auf

An den Folgen dieser Irrungen leidet die Eurozone bis heute: Die privaten und staatlichen Schulden sind immer noch hoch. Das dämpft das Wirtschaftswachstum. Wo die Wirtschaft nicht wächst, wie in Italien, können viele Schuldner ihre Bankkredite nicht mehr bedienen. Kredite werden nicht zurückgezahlt, Banken geraten in Schieflage. Die beste Lösung wäre es, faule Kredite im großen Stil abzuschreiben und damit die Banken auf eine solidere Grundlage zu stellen. Das geschieht aber viel zu schleppend im Euroraum.

Die EZB versuchte in den vergangenen Jahren, die Schmerzen der Krise zu lindern, indem sie den Banken im Euroraum allerlei billige längerfristige Hilfskredite anbot. Nun aber scheint sie den richtigen Ausstiegszeitpunkt zu verpassen: Die Geldmenge wächst wieder mit Raten von mehr als fünf Prozent. In Irland bläht sich die nächste Immobilienpreisblase auf, bei abermals rasch zunehmender privater Verschuldung.

Auch in Deutschland steigen die Häuserbewertungen rasch: In den sieben größten Städten, rechnete kürzlich die Bundesbank vor, sind die Immobilienpreise in den vergangenen fünf Jahren um 45 Prozent gestiegen, in allen mittleren und größeren Städten zusammengenommen um 35 Prozent.

Mag sein, dass die Statistiker bei den Konsumentenpreisen derzeit eine Deflation registrieren. Bei den Immobilien und anderen Vermögenspreisen hingegen herrscht Inflation: der nächste Boom, der den Keim für die nächste Krise in sich trägt.

Aus diesem Blickwinkel wäre es für die EZB allmählich an der Zeit, vom Gas zu gehen. Zumindest wäre es angezeigt, erst einmal abzuwarten, wie die Maßnahmen, die sie im Dezember beschlossen hat, überhaupt wirken.

Risiken und Nebenwirkungen nehmen zu. Dabei ist der Aufkauf von immer mehr Staatsanleihen durch die EZB nicht mal das größte Problem. Negative Einlagezinsen belasten die Ertragslage ohnehin schwächelnder Banken zusätzlich. Nebenbei drücken sie tendenziell den Wechselkurs des Euro. Kurzfristig mögen europäische Exporteure dadurch Vorteile genießen. Allerdings steigt das Risiko von Gegenmaßnahmen seitens wichtiger Handelspartner wie der USA. Das Szenario eines hässlichen Währungskriegs ist keineswegs abwegig.

Der Weg ins Schattenreich der Ökonomie führt durch unkartiertes Gelände. Vieles wird dort in sein Gegenteil verkehrt - vermutlich auch die Wirkung von Notenbankmaßnahmen.

Zusammengefasst: Bei seiner Sitzung am Donnerstag dürfte der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) entscheiden, noch mehr Geld in die Märkte zu pumpen. Doch die Risiken und Nebenwirkungen dieser Geldpolitik nehmen zu: In vielen Länder blähen sich Immobilienblasen auf, auch in Deutschland. Daher wäre es für die EZB eigentlich Zeit, gegenzusteuern.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

MONTAG

Brüssel - Lässt sich die Flüchtlingskrise doch noch lösen? - EU-Gipfel mit Beteiligung der Türkei. Die EU-Kommission will ein neues Konzept vorlegen.

Brüssel - Im Kriechgang - Treffen der Eurofinanzminister. Es geht mal wieder um die Reformen in den Programmländern Griechenland und Zypern.

München - Doppelniere, ganz groß - BMW begeht mit einem Festakt sein hundertjähriges Bestehen. Bayern-Premier Seehofer lässt sich die Glanzgelegenheit nicht nehmen.

DIENSTAG

Peking - Weltwirtschaftssignal - China meldet Zahlen vom Außenhandel im Februar.

Wiesbaden - Weiter auf dem Rückzug? - Die Industrie schwächelt schon länger. Nun melden die Statistiker Zahlen zur deutschen Industrieproduktion im Januar.

Essen/Darmstadt - Licht, Schatten - RWE und Merck berichten vom Geschäftsjahr 2015.

Wolfsburg - Nach Diesel-Gate - Betriebsversammlung bei Volkswagen - mit vollem Aufgebot (Vorstandschef Müller, Niedersachsens Ministerpräsident Weil und Gesamtbetriebsratschef Osterloh).

MITTWOCH

Genf - Endlich Frieden? - Fortsetzung der Syrien-Gespräche.

Bonn/Essen - Globalisierung - Die Deutsche Post und E.on legen Zahlen vom Geschäftsjahr 2015 vor.

DONNERSTAG

Frankfurt - Extrem locker - Die Europäische Zentralbank entscheidet über weitere Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft.

München - Unendliche Geschichte - Fortsetzung des Prozesses gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen, seine Vorgänger Ackermann und Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstände - wegen des Vorwurfs des versuchten Prozessbetrugs.

München - Jede Menge Gase - Linde bittet zur Bilanzpressekonferenz.

Kassel- Abwasser-Alarm - Der Düngemittelkonzern K+S legt seine Bilanz vor. Gegen Unternehmensspitzen laufen Ermittlungen wegen des Verdachts auf illegale Umweltbelastungen.

FREITAG

Frankfurt/München - Zahlen in Zeiten des Dauerkrisenmodus - Die Größen der deutschen Hochfinanz präsentieren ihre Geschäftsberichte: Deutsche Bank, Commerzbank und die Allianz.

SONNTAG

Stuttgart/Mainz/Magdeburg - Deutsches Beben - Union und SPD verlieren, die AfD gewinnt, Grün triumphiert - so in etwa sieht das Szenario aus, das sich aus Umfragen vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ergibt. Fallen die Ergebnisse entsprechend aus, könnten die Spitzen der Berliner Großen Koalition ins Wanken geraten.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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1.
MatthiasPetersbach 06.03.2016
Warum stoppt denn den niemand? Es ist doch klar, daß das ein Irrweg ist?
2. EZB Draghi
behemoth1 06.03.2016
Kann oder will denn niemand diesen Herrn endlich mal bremsen? Es kann doch nicht sein, dass noch immer mehr Spielgeld auf den Markt gepumpt wird, es bringt doch nichts für die Gesamtsituation, es werden doch nur stets neue Geldblasen produziert, was den Spekulanten an den Börsen nützt, aber die europäische Wirtschaft nicht ein bisschen auf die Beine hilft.
3. Mir ist nicht klar,
Banause_1971 06.03.2016
wo man hier Deflation misst. Brot, Gebäck, Mieten, Strom, Wasser, Abwasser, Krankenkassenbeiträge, Kinokarten, Abfallentsorgung, Versicherungen, Kita-Plätze, Taxi, Bauland, etc. etc. etc. ... ALLES wird teurer. Wo sieht Herr Draghi hier Deflation? Und wo landet das Geld, welches der Ankurbelung des Konsums dienen soll? Bei den Spekulanten an der Börse. Dort spekuliert man mit EZB-Billionen und treibt Preise in die Höhe für: Weizen, Palmöl, Baumwolle, Hafer, Kaffee, Kakao, Fleisch, Milch, Soja, Zucker,... und wer zahlt die höheren Lebenshaltungskosten? Der Steuerzahler, den die EZB mit Negativzinsen auf sein bisschen Geld auch noch zusätzlich bestrafen will. Nieman muss sich wundern, dass Europa so keinen Zusammenhalt findet.
4.
salkin 06.03.2016
Sehr gute Analyse. Neulich gab es doch von Fleischhauer die Kolumne über Merkel in der Groupthink Falle. Bei Draghi ist es ein ähnliches Problem. Die Notenbänker der ClubMed Länder drängen auf mehr Geld damit diese Länder nicht pleite gehen und Draghi überschwemmt die Eurozone weiter mit Liquidität die keiner braucht unter dem Vorwand der Gefahr einer Deflation. Risiken und Nebenwirkungen werden ausgeblendet. Damit kann sich dann der Nachfolger in 4 Jahren herumschlagen. Bis dahin hat die EZB 50% aller Staatsanleihen aufgekauft ohne positive Effekte auf die Wirtschaft. Nur die Staatsschulden wurden weiter massiv ausgedehnt.
5. Vorbild Japan?
NoobNUE 06.03.2016
Wie die WiWo berichtet: http://u.srl/v2hPw Als nächstes kommt "Druckt sich Europa in die Pleite?" Bisher ist aber weder das eine noch andere passiert. Was kommt weiß niemand. 20 Jahre Rezession? 20 Jahre Stillstand? Wir werden sehen.
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