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Kommunikationspanne: EZB schafft Vorabinformationen für Journalisten ab

Die EZB will Anleihen früher kaufen als ursprünglich geplant: Diese lukrative Information erhielt zunächst nur ein kleiner Kreis von Finanzmanagern. Strengere Regeln sollen solche Pannen künftig verhindern - sie treffen allerdings nur Journalisten.

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EZB-Zentrale in Frankfurt: "Kardinalregel wurde verletzt"

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird Redetexte ihrer Ratsmitglieder ab sofort nicht mehr vorab mit Sperrfrist an Journalisten verteilen. Das kündigte die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt an. Die EZB gab an, die Änderung sei seit Monaten diskutiert worden. Sie dürfte damit aber auch auf eine aktuelle Kommunikationspanne reagieren.

EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré steht wegen eines Abendessen am Montag in London in der Kritik. Dort kündigte er vor Vertretern von Hedgefonds wie Brevan Howard und großen Banken wie Goldman Sachs Chart zeigen und Citi Chart zeigen an, dass die EZB einen Teil der milliardenschweren Wertpapierkäufe vorziehen werde. Damit hatte eine kleine Schar von Finanzmarktakteuren einen zeitlichen Vorsprung vor allen anderen Marktteilnehmern.

Coeurés Rede veröffentlichte die EZB erst am nächsten Morgen. Doch schon während der Veranstaltung war der Euro-Kurs zum Dollar deutlich gefallen. "Der plötzliche Kursrückgang des Euro zeigt, dass jemand aufgrund der Anmerkungen Coeurés gehandelt hat", sagte Ashraf Laidi, Chefstratege bei der City Index in London. "Die Kardinalregel, Zentralbankkommentare direkt zu veröffentlichen, wurde verletzt."

Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, forderte eine transparente Kommunikationspolitik der EZB bei solchen informellen Veranstaltungen. Die EZB machte einen "internen Prozess-Fehler" für die verspätete Veröffentlichung der Rede verantwortlich.

Die Reaktion der EZB dürfte nun aber ebenfalls für Kritik sorgen. Denn durch die Sperrfristen für Journalisten soll eigentlich gerade sichergestellt werden, dass Medien zeitgleich berichten und kein Marktteilnehmer einen Informationsvorsprung erhält. Bei dem Essen mit Coeuré waren Medien zudem überhaupt nicht zugelassen.

In den USA wurden kürzlich tatsächlich ein Insiderhandel nachgewiesen, der offenbar auf Vorabinformationen für Journalisten beruhte. Bis Oktober 2013 hatten Journalisten die Mitteilungen der Fed in einem Presseraum des US-Finanzministeriums erhalten und mussten sich verpflichten, die Sperrfrist zu respektieren. Mittlerweile sind Mobiltelefone tabu und die Internetverbindungen wurden gekappt.

dab/Reuters/dpa

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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


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