Von Marc Pitzke, New York
Michael Grimes' Facebook-Profil lässt nichts erahnen von dem elitären Kosmos, in dem er sich bewegt. Das Hauptfoto zeigt ihn beim Wasserskifahren. Er abonniert Aktualisierungen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, diversen Sportstars und Tech-Kolumnisten. Er postet Heimvideos: Football, Leichtathletik, Volleyball.
Doch hinter der normalen Online-Fassade steckt ein Mann, der Milliarden bewegt - zuletzt bei Facebook. Dort hat sich der 45-jährige Banker gerade den wichtigsten Auftrag seiner Karriere geangelt: Die US-Bank Morgan Stanley, deren Tech-Investments Grimes managt, hat die begehrte Rolle als Konsortialführer des Facebook-Börsengangs ergattert und damit den Erzrivalen Goldman Sachs ausgestochen. "Big Winner" nannte der TV-Sender CNN Grimes.
Dabei ist Facebook nur der jüngste in einer langen Kette von Börsengängen aus dem Silicon Valley, die Grimes dem Geldkonzern gesichert hat. Dank seiner exzellenten Verbindungen in der US-Internetszene hatte Morgan Stanley die Federführung bei den lukrativen Börsengängen von LinkedIn, Pandora, Groupon, Zynga - und allen voran Google. Die 1,9 Milliarden Dollar, die die Suchmaschine bei ihrem Börsengang einsammelte, dürfte Facebook jedoch locker in den Schatten stellen: Der Konzern rechnet mit einem Erlös von rund fünf Milliarden Dollar.
Kein Wunder, dass sich die ganze Wall Street um einen Platz bei Facebook riss. Insider tippten jedoch von Anfang an darauf, dass der öffentlichkeitsscheue Grimes auch diesmal den Zuschlag bekommen würde. Als Co-Chef von Morgan Stanleys Westküsten-Büro, in Menlo Park nur sechs Kilometer von der Facebook-Zentrale entfernt, gilt er als einer der am besten verdrahteten Veteranen des Silicon Valley. Der Dotcom-Crash vor zwölf Jahren ließ die meisten seiner Ex-Kollegen aus der kalifornischen Hightech-Region südlich von San Francisco abwandern. Grimes blieb - und begann bald zu kassieren.
"Er ist der letzte Überlebende der neunziger Jahre", sagte Ken Goldman, Finanzchef der Tech-Firma Fortinet, dem Wirtschaftsdienst von Bloomberg. Im November 2009 steuerte Grimes, flankiert von JPMorgan Chase und der Deutschen Bank, Fortinet an die Technologiebörse Nasdaq. Der Gang aufs Parkett war einer der erfolgreichsten des Jahres.
Kronjuwel einer Karriere
Zwischen den Computerfreaks des Silicon Valley und den Bankern der Wall Street liegen nicht nur 5000 Kilometer, sondern auch geistige Welten. Hier technikverliebte Tüftler, dort hungrige Dealmaker. Doch Grimes schafft es, diesen Gegensatz zu überbrücken. Den Valley-Unternehmern gilt Grimes als einer der ihren. Zum Gründungsteam von Google etwa pflegte Grimes bereits seit 1999 ein enges Verhältnis - der Lohn kam fünf Jahre später beim Börsengang der Suchmaschine. Und auch in Sachen Facebook begann alles mit alten Verbindungen: 2001 lernte Grimes auf einer der allgegenwärtigen Silicon-Valley-Cocktailpartys Sheryl Sandberg kennen, die Ex-Stabschefin von Bill Clintons Finanzminister Lawrence Summers. Sandberg suchte damals einen Job. Sie ging als Vizepräsidentin zu Google, arbeitete dort mit Grimes beim Börsengang zusammen und wechselte 2008 zu Facebook.
Grimes war nicht der einzige, der Facebook via Sandberg anbaggerte. Auch JPMorgan-Chef Jamie Dimon, ein alter Freund Sandbergs, antichambrierte bei ihr. Um ihre Chancen auf den Auftrag zu mehren, richteten sich viele Banker sogar persönliche Facebook-Profile ein, obwohl ihnen das per Dienstordnung ihrer Institute untersagt ist.
Am Ende sicherte sich Grimes - der bereits seit 2007 bei Facebook postet - die Führung beim Börsengang. Goldman Sachs muss sich mit einer Assistentenrolle begnügen, obwohl das Institut im Januar 2011 1,5 Milliarden Dollar in Facebook investiert hatte.
Die geistige Nähe zum Valley könnte darin begründet liegen, dass Grimes seine Karriere selbst mit einem kurzen Gastspiel als Software-Ingenieur begonnen hat. Anschließend landete er erst beim Investmenthaus Salomon Brothers, danach bei Bear Stearns. 1995 heuerte ihn der legendäre Banker Frank Quattrone bei Morgan Stanley an. Kurz darauf liefen Quattrone und fast seine gesamte Tech-Abteilung zur Konkurrenz über.
Grimes blieb. Es war sein Glück: Quattrone geriet später ins Kielwasser von Insiderhandel-Ermittlungen. Es kostete ihn Jahre, um sich zu rehabilitieren. Sein einstiger Angestellter hingegen dominiert heute das Geschäft mit Tech-Börsengängen in den USA. Und zwar dank genau jenen Eigenschaften, die Investmentbankern gemeinhin abgesprochen werden: Verlässlichkeit, Bescheidenheit und eine gewisse Langfristorientierung, die nicht nur auf den schnellen Dollar setzt.
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