Facebooks Börsencrash Doch verwundbar

Riesige Zuwächse bei Umsätzen und Gewinnen - trotzdem hat Facebook in den USA den größten Aktiencrash der Geschichte erlitten. Grund: Die Rendite könnte bald "nur" noch bei 30 Prozent liegen. Investoren finden das zu mickrig.

Mark Zuckerberg im Fernsehen an der New Yorker Börse
AFP

Mark Zuckerberg im Fernsehen an der New Yorker Börse

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Marketingchefs von Unternehmen ersinnen gerne eine Story für ihre Anleger. Die Geschichte von Facebook ging bisher so: Das Unternehmen von Mark Zuckerberg, 33, ist zu groß, zu schnell, zu wandelbar, nicht zu fassen für Konkurrenten oder Regulierer.

Nichts schien die große Geldmaschine zum Stocken bringen zu können, weder das Auftauchen neuer Widersacher wie die Junge-Leute-App Snapchat noch der Datenskandal um die zwielichtige Kampagnenfirma Cambridge Analytica. Facebook wirkte praktisch unverwundbar.

Am Mittwoch, den 25. Juli, nahm die Anleger-Story eine dramatische Wendung.

In nur wenigen Stunden rauschte der Aktienkurs um bis zu 24 Prozent ab. Das Unternehmen verlor an der Börse zwischenzeitlich 151 Milliarden Dollar an Wert. Laut der Finanzagentur Bloomberg war das der größte Kursverlust in der Geschichte der US-Börse.

Ein Grund für das historische Minus waren sogenannte Gewinnmitnahmen. Der Kurs des IT-Konzerns war zuletzt sehr stark gestiegen. Viele Investoren entschieden sich, ihre Aktien zu verkaufen und Kasse zu machen.

Ein anderer Grund waren neue Erkenntnisse über den Zustand des Unternehmens, die in einer Telefonkonferenz am Mittwoch bekannt worden, als Zuckerberg, Finanzvorstand Dave Wehner und Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg Analysten die aktuellen Quartalsergebnisse erläuterten.

Der Umsatz war zwischen April und Juni im Jahresvergleich um 42 Prozent gestiegen, auf über 13 Milliarden Dollar. Der Gewinn hatte im selben Zeitraum um 31 Prozent zugenommen, am Ende stand ein Plus von 5,1 Milliarden Dollar.

Gemessen an normalen Unternehmen sind das sehr gute Ergebnisse. Gemessen an den astronomischen Erwartungen der Investoren an Facebook nicht.

Als die Telefonkonferenz begann, war Facebooks Aktie bereits zehn Prozent im Minus. Die Analysten wollten Erklärungen für das aus ihrer Sicht nicht ausreichende Wachstum. Was die Konzernchefs dann erzählten, besänftigte die Investoren keineswegs. Es provozierte nur noch weitere Aktienverkäufe. Der Kursrutsch wurde zum Kurscrash.

Die Aussagen der Facebook-Manager zeigten zweierlei: Bekannte Baustellen des Unternehmens sind größer als gedacht. Und es gibt noch weitere Probleme, die bislang die wenigsten auf dem Schirm hatten.

1. Die Grenzen des Wachstums

Bekannt war, dass Facebook sich immer schwerer tut, neue Nutzer zu seinen 2,23 Milliarden bereits registrierten Kunden hinzuzugewinnen. Das monatliche Wachstum betrug im zweiten Quartal nur noch 1,5 Prozent. Es ist der niedrigste Wert in der Geschichte des Unternehmens. In den vergangenen Jahren waren Wachstumsraten von drei bis vier Prozent die Norm.

Ein Grund für die Flaute könnte sein, dass Facebook nach den Skandalen um massenhaft abgeflossene Daten und die fast unkontrollierte Verbreitung von Fake News an Attraktivität für Neukunden eingebüßt hat.

Wenn Facebook weniger neue Nutzer wirbt, trübt das auch die Aussicht auf zukünftige Umsatzzuwächse. Das wiederum schlägt auf den Aktienkurs durch, der vor allem die Erwartungen der Investoren für die künftige Entwicklung eines Unternehmens widerspiegelt.

Facebook versuchte, von der Wachstumsflaute abzulenken, indem es kurzerhand eine neue Berechnungsformel für die Nutzerzahl einführte. Die liege inzwischen sogar bei 2,5 Milliarden Menschen, betonte das Unternehmen - so viele Nutzer würden nämlich auf mindestens einen der Dienste des Konzerns zugreifen, also auf Facebook, Instagram oder WhatsApp. Die Investoren ließen sich nicht davon blenden.

2. Datenschutz

Hinzu kommen Probleme in Europa, also in einem der wichtigsten Märkte für Facebook. Dort ist die Zahl der Nutzer gesunken, die sich mindestens einmal im Monat in ihren Account einloggen - von 377 auf 376 Millionen. Bei den täglich aktiven Mitgliedern gab es sogar einen Rückgang von 282 auf 279 Millionen.

Zuckerberg erklärte das unter anderem mit der sogenannten Datenschutzgrundverordnung. Die EU hatte diese Ende Mai eingeführt, was auch Facebook zwang, seine Nutzerbedingungen zu ändern. Außerdem hat die Verordnung zu einer breiten öffentlichen Debatte über Datenschutz im Internet geführt.

Zuckerberg gab keinen Ausblick, wie stark die Datenschutzverordnung das Wachstum in den kommenden Quartalen beeinträchtigen wird. Investoren werteten das als Zeichen, dass sie den Konzern deutlich stärker belastet als bislang angenommen.

3. Werbemarkt

Mit Blick auf den Online-Werbemarkt beschrieb Zuckerberg ein Problem, das bislang weitgehend unbekannt war. Facebooks Mitglieder benutzen inzwischen verstärkt die sogenannte Stories-Funktion - eine multimediale Diashow, die sich nach 24 Stunden automatisch löscht. Dafür veröffentlichen sie weniger Beiträge in der sogenannten Timeline, Facebooks zentralem Kanal.

Stories, genau jene Funktion, die Facebook vom Konkurrenten Snapchat abgekupfert hat, wächst laut Zuckerberg rapide. Er schätze, dass bereits im kommenden Jahr mehr Beiträge über Stories geteilt werden als über die Timeline, sagte er den Analysten.

Die Werbeeinnahmen in Stories sind aber noch sehr viel niedriger als im traditionellen Timeline-Format. Es bestehe das Risiko, dass sich Werbekunden deutlich langsamer auf Stories umstellen als die Nutzer: "Wir wissen ehrlich nicht, wie schnell sich das monetarisieren wird", sagte Co-Chefin Sandberg.

Ausblick

Die Wachstumsflaute bei den Nutzern, die Datenschutzprobleme in Europa, der Erfolg einer Innovation, die weniger Werbegeld generiert: Mark Zuckerbergs IT-Konzern steht vor mindestens drei großen Herausforderungen. Wie belastend das für die Einnahmen ist, erläuterte schließlich Finanzchef Wehner den Analysten in der Telefonkonferenz.

In den kommenden Jahren werde sich das Wachstum deutlich verlangsamen, sagte er. Die Umsatzrendite würde dann "um die 30 Prozent tendieren". Noch vor einem Jahr hatte diese für die Profitabilität eines Unternehmens so wichtige Kennzahl bei 47 Prozent gelegen. Nun aber würden die Kosten steigen - weil Facebook mehr in Datensicherheit, Marketing und Inhalte investiere. Man wolle bis zu 60 Prozent mehr Geld ausgeben.

Es war letztlich diese Ankündigung, die die Aktie zum Absturz brachte. Das Signal, dass die Zeit der märchenhaften Renditen vorbei ist. Das unfreiwillige Eingeständnis, dass die Profitabilität in den vergangenen Jahren gerade deshalb so hoch war, weil Facebook es nicht für nötig hielt, genug in Datenschutz und die Bekämpfung von Fake News zu investieren.

Dass Zuckerberg gerade umdenkt, zeigte sich schon im April, als er wegen des Datenskandals um Cambridge Analytica vor dem US-Senat erschien. Damals wollte ein Politiker von Zuckerberg wissen, ob seine Unternehmensphilosophie noch immer laute: "Beweg dich schnell und zerbrich Dinge" ("Move fast and break things").

Nein, entgegnete Zuckerberg, das sei nicht mehr aktuell. Nun heiße es: "Beweg dich schnell mit einer stabilen Infrastruktur."

insgesamt 34 Beiträge
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muellerthomas 26.07.2018
1.
"Die Rendite könnte bald "nur" noch bei 30 Prozent liegen" Ne, das ist Quatsch. Das Gewinnwachstum hat sich verlangsamt und lag nur noch bei 31%. Das ist etwas komplett anderes. Und die Investoren haben bisher viel für Facebook bezahlt, weil auch zukünftig Gewinnsteigerungen von X% erwartet wurden - diese Erwartung wurde nun enttäuscht, also ist FB nun weniger wert. Das ist eine vollkommen rationale Betrachtung der Investoren.
chrismuc2011 26.07.2018
2.
30% Rendite ist für Investoren zu niedrig? Da dürfen wir ja über Leiharbeitsfirmen, Mindestlohn und für die "wenigen" Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslosen dem lieben Gott für seine Gnade danken. Mit Ü50 gekündigt? Seien Sie froh, woanders wird man wahrscheinlich schon mit 20 Jahren gekündigt, weil man mehr Gehalt nach 4 Jahren haben möchte, um eine Famiie gründen zu können.
muellerthomas 26.07.2018
3.
Zitat von chrismuc201130% Rendite ist für Investoren zu niedrig? Da dürfen wir ja über Leiharbeitsfirmen, Mindestlohn und für die "wenigen" Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslosen dem lieben Gott für seine Gnade danken. Mit Ü50 gekündigt? Seien Sie froh, woanders wird man wahrscheinlich schon mit 20 Jahren gekündigt, weil man mehr Gehalt nach 4 Jahren haben möchte, um eine Famiie gründen zu können.
Der Artikel ist Quatsch. Die Rendite von Facebook beträgt gerade einmal 4,7% (sog. EBIT Rendite) - zum Vergleich Volkswagen: 18,3%, Siemens 6,6%, Lufthansa 29,8%.
omanolika 26.07.2018
4. Mark Zuckerberg beschloss...
mal nach dem Mantra zu leben, Facebook zum Gott zu erheben, doch jetzt ist er ja so stinkreich, dass ihm nur genügt: gottgleich, denn er erlangte riesigen Ruhm, und er "begnügt sich" mit 30% Wachstum. Wem 30% zu wenig sind, in den USA oder hier, der ist anscheinend noch getriebener von Gier, als es der "Facebook-Erschaffer" selbst je war, und so etwas, ist immer eine große Gefahr...
derboesewolfzdf 26.07.2018
5. eh ein Treppenwitz....
ein Unternehmen das im Jahr 20 Milliarden Gewinn macht, soll 500 Milliarden Wert sein. Das ganz beruhte bis jetzt ja nicht auf wirtschaftlichen Kennzahlen, sondern weil Analysten in der Aktie "Phantasie" und "Potential" sehen. Im Grunde ist dann auch so ein Absturz vollkommen ok, mein Mitleid hält sich da sehr in Grenzen. Der Börsenwert vieler Unternehmen hat sich eh von so profanen Dingen wie Vernunft oder Kennzahlen abgekoppelt. Wer glaubt dass solchen Rallyes nicht auch eben solche Baisse folgen, dem ist auch nicht zu helfen.
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