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Verpatzter Börsenstart: Facebook und Nasdaq sind blamiert

Von , New York

Die Turbulenzen beim Facebook-Börsengang haben ein Nachspiel. "Das war nicht unsere beste Stunde", entschuldigt sich der Chef der Nasdaq, auch die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Analysten sehen die Facebook-Aktie zudem weit unter dem Ausgabepreis - es droht ein Kurssturz.

Nasdaq-Monitor kurz vor Börsenschluss am 18. Mai: Facebook-Aktie am Ende leicht im Plus Zur Großansicht
REUTERS

Nasdaq-Monitor kurz vor Börsenschluss am 18. Mai: Facebook-Aktie am Ende leicht im Plus

So schnell geht das. Am Freitag noch stand Robert Greifeld strahlend neben Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, als der die Glocke der Nasdaq läutete. Anlässlich des Facebook-Debüts an der Tech-Börse hatte deren Chef extra seinen Wall-Street-Maßanzug zu Hause gelassen und gegen die Uniform des Silicon Valleys getauscht - Jeans und graues T-Shirt.

Zwei Tage später jubelte Greifeld nicht mehr. Im Gegenteil: "Das war nicht unsere beste Stunde", gestand er am Sonntag in einer Konferenzschaltung mit Reportern. Die Nasdaq habe sich bei der Sache blamiert.

Diese Sache ist der Facebook-Börsengang, dem, trotz aller Vorab-Manie, im Nachhinein nun das Etikett "verpatzt" anhaftet. Zum einen gab es haarsträubende Pannen bei der Nasdaq selbst: Deren Software war dem Ansturm von Investoren nicht gewachsen, fror ein und ließ viele Händler lange zwangsweise tatenlos rumsitzen.

Zum anderen entpuppte sich die Facebook-Aktie als derart überbewertet, dass nur eine dramatische Rettungsaktion der Großbank Morgan Stanley Chart zeigen, die als Konsortialführer das Listing koordinierte, einen Absturz kurz vor Handelsschluss verhindern konnte. Allein dadurch könnte Morgan Stanley Abermillionen Dollar verlieren.

Schon ermittelt die Börsenaufsicht SEC. Düpierte Broker-Häuser wollen die Facebook-Transaktionen anfechten. Zumal die Unregelmäßigkeiten den Preis der Facebook-Aktie am Eröffnungstag stundenlang verzerrt haben. Will heißen: Diese Woche besteht Gefahr, dass sie in den Keller rutscht - was wiederum nicht nur die Banken belasten dürfte, sondern vor allem auch die Kleinanleger, die sich von dem Facebook-Hype so viel erhofften.

Ernüchterung nach dem großen Hype

Alles in allem: Nach monatelangem PR-Getöse hat die Facebook-Show an der Wall Street viel Ernüchterung hinterlassen.

Das Facebook-Listing, wettert Kolumnist Dana Blankenhorn vom Börsendienst "The Street", sei nicht nur eine "große Lüge" gewesen, sondern "einer der größten Betrügereien der US-Geschichte", verübt am einfachen Investor. Denn Facebook sei "lange nicht das wert, was die Broker beanspruchten", glaubt er: "Dieser neue Technologie-Kaiser hat keine Kleider."

Dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging, ließ sich schon am Freitag schnell erahnen. Denn eigentlich sollte die Facebook-Aktie ab 11.00 Uhr Ortszeit notiert werden. Aber dann verzögerte die Nasdaq den Einstieg um eine halbe Stunde, ohne dafür Gründe zu nennen.

Doch das war, wie sich seither herausgestellt hat, erst der Anfang. "Schlechtes Design" der Nasdaq-Software habe das überlastete Computersystem einfrieren lassen, räumte Greifeld am Sonntag ein. Auch nachdem die erste Transaktion schließlich getätigt worden sei, habe es weiter Probleme gegeben: Die Nasdaq sei nicht in der Lage gewesen, die Geschäfte dann auch zu verbuchen.

Händler bestätigen das: "Buy"- und "Sell"-Order seien nicht erfüllt und Stornierungen seien ignoriert worden, zitierten das "Wall Street Journal" und die "New York Times" anonyme Trader. Sprich: Die Protagonisten des Milliardenmarkts blieben im Ungewissen.

Die Börse sah sich gezwungen, auf manuelle Transaktionen umzusteigen. Manche Händler, die im Auftrag großer Hedge- und Investmentfonds engagiert waren, mussten demzufolge mehr als zwei Stunden auf Bestätigung warten. Einige seien schließlich ausgestiegen, weil sie nicht genau gewusst hätten, was sie gekauft oder verkauft hätten.

Die spätere Datenanalyse zeigte, dass es dank der Funkstille vorübergehend sogar einen bizarren "crossed market" gab: Die Verkäufer schienen einen niedrigeren Preis zu fordern, als die Käufer zu zahlen bereit waren. Zeitweise war die Aktie offenbar sowohl für 38 Dollar zu haben, den Einstiegspreis, wie auch für 42 Dollar, fast den Höchstwert - zur gleichen Zeit.

Das ist mehr als nur ein Patzer für die Nasdaq, die sich mit der rivalisierenden New York Stock Exchange (NYSE) einen aggressiven Kampf um das begehrte Facebook-Listing geliefert hatte. Ob sein Job sicher sei, musste sich Greifeld bei der Schaltkonferenz fragen lassen. Seine Antwort: "Ich hoffe doch sehr."

Greifeld verneinte, dass die Pannen den eigentlichen Preis der Aktie beeinflusst hätten. Aber wieso stürzte der Kurs dann zum Ende des Handelstages so dramatisch ab?

Sicher ist: In den letzten 20 Minuten vor Börsenschluss musste Morgan Stanley mit massiven Aktienkäufen eingreifen, um zu verhindern, dass Facebook unter 38 Dollar fiel - eine wichtige psychologische Hemmschwelle. Nach Berechnungen der Finanzagentur Bloomberg wechselten zu dem Zeitpunkt rund 50 Millionen Aktien den Besitzer - also fast zwei Milliarden Dollar.

Das wäre eine enorme Summe, die Morgan Stanley investiert hätte, nur damit Facebook das Gesicht wahren konnte. Sollte der Kurs diese Woche nur um ein paar Dollar fallen, würde die Bank zugleich mehr verlieren, als sie Gebühren für das Geschäft eingestrichen hat.

"Der Montag wird interessant werden"

Das könnte durchaus passieren. "Der Montag wird interessant werden", prophezeit der prominente Ex-Trader und Börsenblogger Henry Blodget. Manche Analysten sehen den Preis der Facebook-Aktie weit unter 38 Dollar.

"Die Aktie ist enorm überbewertet", sagt Brian Wieser (Pivotal Research Group), der Facebook bei 30 Dollar avisiert. Die Turbulenzen vom Freitag hätten gezeigt, "dass die Investoren sich des Risikos bewusst sind, dass das Umsatzmodell weiter unbewiesen ist, dass die Betriebskosten hoch sind und ansteigen".

Die "Kavallerie", die Facebook am Freitag gerettet habe, werde "in einer Woche, in zwei Wochen, in ein paar Monaten" nicht mehr anreiten, unkte auch Hedgefonds-Manager Eric Jackson im TV-Sender Bloomberg Television: "Dann wird es stürmische Gewässer geben."

Facebook dürfte das nicht stören. Das gerade mal acht Jahre alte soziale Netzwerk nahm durch den Börsengang 16 Milliarden Dollar ein. Allein Zuckerberg vermehrte sein Vermögen auf geschätzte rund 19 Milliarden Dollar - gerade rechtzeitig für seine Hochzeit.

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insgesamt 170 Beiträge
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1. ...
lhr 21.05.2012
Sehr sehr lustig. I like it.
2. Kein Wert
Wilhelm Klaus 21.05.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Turbulenzen beim Facebook-Börsengang haben ein Nachspiel. "Das war nicht unsere beste Stunde", entschuldigt sich der Chef der Nasdaq, auch die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Analysten sehen die Facebook-Aktie zudem weit unter dem Ausgabepreis - es droht ein Kurssturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,834102,00.html
Das ist doch wieder eine Blase. Dieser Betrieb stellt nichts her, außer Computer, Möbel etc. besitzt er auch nichts.
3. sehr gut
chinataxi 21.05.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Turbulenzen beim Facebook-Börsengang haben ein Nachspiel. "Das war nicht unsere beste Stunde", entschuldigt sich der Chef der Nasdaq, auch die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Analysten sehen die Facebook-Aktie zudem weit unter dem Ausgabepreis - es droht ein Kurssturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,834102,00.html
hoffentlich leutet der börsengang das ende von facebook ein. dieser datenkrake mit seinen mafiösen strukturen gehört längts abgeschafft. für mich ist es nicht nachvollziehbar warum fb hier in de und europa nicht abgeschaltet wird, und zwar so lange bis sich facebook an datenschutzbestimmungen hält.
4. Ein Hoch auf die freie Marktwirtschaft
der.letzte.dodo 21.05.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Turbulenzen beim Facebook-Börsengang haben ein Nachspiel. "Das war nicht unsere beste Stunde", entschuldigt sich der Chef der Nasdaq, auch die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Analysten sehen die Facebook-Aktie zudem weit unter dem Ausgabepreis - es droht ein Kurssturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,834102,00.html
Jetzt braucht man dringend noch genügend Deppen für die Endlagerung der "Wert"-Papiere
5. optional
schreiberling12000 21.05.2012
tja mit kids die sich noch sms schreiben wenn sie nebeneinander sitzen ist nun mal kein geschäft zu machen. und wer einigermaßen kaufkräftig und intelligent ist hat seinen facebook account längst wieder gelöscht. traurig nur, dass diese seiofenblase als eines der teuersten unternehmen der welt verkauft wird. verzeiht die polemik: sch...ist doch gut - millionen von fliegen können sich nicht irren.
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Rang Firma Jahr Volumen in Mrd Dollar Land
1. General Motors 2010 23,1* USA
2. AgBank 2010 22,1 China
3. AIA (Versiche- rer) 2010 22,0 Hongkong
4. ICBC (Bank) 2006 21,97 China
5. Visa (Kredit- karten) 2008 19,65 USA
6. NTT Mobile 1998 18,05 Japan
7. Enel (Energie) 1999 16,59 Italien
8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland
* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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