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Facebook-Börsengang: Mark Zuckerbergs größte Show

Von , New York

Amerika und Investoren weltweit fiebern dem Börsengang von Facebook entgegen. Er könnte den Wert des sozialen Netzwerks auf mehr als 100 Milliarden Dollar treiben. Doch bei Profianlegern und Werbekunden wächst die Skepsis. Droht vielleicht sogar ein Flop?

AFP

Mark Zuckerbergs Lieblingsbeschäftigung als Kind war "Civilization". In dem populären Computerspiel geht es darum, ein Weltreich zu schaffen, in Konkurrenz mit anderen Völkern. Der Sinn des Spiels ist es, besser, größer, langlebiger zu sein als alle Rivalen und sich so ein Imperium zu errichten, "das vor der Geschichte besteht".

Es war, so sagte ein Freund Zuckerbergs der "New York Times", "seine Probe für Facebook".

Jetzt nähert sich Zuckerberg dem Ziel seines Spiels. Der Facebook-Gründer steht kurz davor, sein virtuelles Weltreich in ein fassbares Imperium zu verwandeln - besser, größer, langlebiger als alle Rivalen, so jedenfalls die Strategie. Facebooks Mammut-Börsengang am Freitag könnte den Wert des sozialen Netzwerks über Nacht auf mehr als 100 Milliarden Dollar treiben. Teurer als Amazon Chart zeigen, McDonald's Chart zeigen, die Citigroup Chart zeigen oder die Bank of America Chart zeigen.

Kaum ein Börsengang hat einen so großen Hype losgetreten. Und kaum einer solch vehement-widersprüchliche Reaktionen, schon vorab. Wird es ein historischer Flop, eine klassische Silicon-Valley-Selbstüberschätzung, der Beginn einer neuen Börsenblase? Oder ein Mega-Erfolg, der die Wirtschaftsordnung umschreibt?

Mit einer landesweiten PR-"Roadshow" hat Facebook in den letzten zehn Tagen versucht, Investoren und Banken vom letzteren Szenario zu überzeugen. Das Echo war verdächtig zwiespältig, die Sache bleibt also spannend.

Wenigstens bis zum Freitagmorgen. Dann soll Zuckerberg die symbolische Eröffnungsglocke an der New Yorker Computerbörse Nasdaq "läuten" - per ferngesteuertem Knopfdruck aus der Facebook-Zentrale in Kalifornien, so berichtet es zumindest die US-Wirtschaftspresse.

Dass sich der 28-Jährige nicht mal zur Nasdaq am New Yorker Times Square bequemt, wäre typisch. Beinahe hätte er ja sogar den Auftakt der Facebook-"Roadshow" sausen lassen, die in einem Sheraton-Hotel unweit der Börse stattfand. Dann kam er aber doch - und zeigte allen, wer der Boss ist. Denn statt der üblichen Wall-Street-Uniform (Maßanzug, gestärktes Hemd) trug er seine eigene Faceook-Uniform: Jeans, T-Shirt, Kapuzenpulli und Turnschuhe.

Geladene Kunden durften insgesamt nur fünf Fragen stellen

Spätestens da ahnten die Banker, dass dieser Börsengang anders wird als alle anderen, nicht nur von den Dimensionen her. Allein die sind irrwitzig. Zumal Facebook in letzter Minute noch mal draufgeschlagen hat, offenbar der enormen Nachfrage wegen: 421 Millionen Aktien will das Unternehmen jetzt ausgeben, zu einem Preis von 34 bis 38 Dollar. Das würde den Börsengang zu einem der größten der Geschichte machen und könnte den Wert von Facebook auf 104 Milliarden Dollar aufblähen - gerade mal acht Jahre nach seiner Gründung.

Auf der "Roadshow" haben sich Zuckerberg und seine Leute - Finanzchef David Ebersman, Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und der telegene Vizepräsident Chris Cox - bemüht, solche gigantischen Summen zu rechtfertigen. Doch trotz eines 31-Minuten-Werbevideos gelang das nicht immer.

Das begann schon damit, dass Zuckerberg die 600 Gäste des ersten "Roadshow"-Termins im Sheraton-Ballsall warten ließ - während er auf der Toilette weilte. Auch danach kamen die geladenen Kunden, die zuvor draußen eine Stunde lang Schlange gestanden hatten, wenig zum Zuge: Insgesamt durften sie nur fünf Fragen stellen.

Nicht nur kulinarisch gab es Schonkost (Salat, Eistee, Kekse), wie Teilnehmer der geschlossenen Veranstaltung der "New York Times" berichteten. Zuerst hätten sie das längst bekannte Video ansehen müssen. Dann habe Zuckerberg gesprochen, mit seiner bekannten Mischung aus junger Hybris und Nerd-Charme.

Die Reaktionen waren durchwachsen: "lahm", "nichts Neues", "überbewertet". Das Echo war so schlecht, dass Facebook den zweiten Tag der "Roadshow" in Boston umkrempelte: kein Video, mehr Fragen. Dafür kam Zuckerberg nicht. "Ich bin enttäuscht", sagte der Londoner Portfolio-Manager Mark Hawtin, der extra in die USA gereist war, dem Wirtschaftssender CNBC.

Trotzdem jubelt die US-Großbank JP Morgan Chase, die den Börsengang organisiert, das Listing zum Event hoch, samt Facebook-Flaggen vor ihrer Zentrale. Kein Wunder: Je größer das Volumen, umso höher der Gewinn für JP Morgan und die anderen Wall-Street-Partner wie Morgan Stanley und Goldman Sachs. Kleine Investoren dagegen müssen vorerst warten.

"Da gibt es derzeit kein Wachstum"

Facebook hat eine PR-Firma angeheuert, um die Hypes in den Medien zu steuern. Es gibt viele Zweifel zu zerstreuen. "Zu diesem Preis ist es überbewertet", sagte zum Beispiel der Schweizer Investmentmanager Filippo Garbarino dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. "Die, die Facebook zu diesen Werten kaufen, sind mehr Spekulanten als Investoren."

Umfragen bestätigen diese Skepsis. In einem Bloomberg-Rundruf bei Investoren, Analysten und Händler erklärten 79 Prozent, Facebook sei zu hoch bewertet. Eine CNBC-Umfrage ergab, dass jeder zweite Amerikaner Facebook für eine "vorübergehende Modeerscheinung" hält - wobei sich diese Zahlung zu Gunsten Facebooks verschieben, je jünger die Befragten sind.

Insider stoßen sich vor allem am unklaren Geschäftsmodell des Internetkonzerns. Die Umsatzzahlen überzeugten bisher kaum: Im ersten Quartal 2012 (1,05 Milliarden Dollar) lagen sie sogar unter denen des vorherigen (1,3 Milliarden Dollar). "Da gibt es derzeit kein Wachstum", klagte der IPO-Experte Francis Gaskins auf Yahoo Finance. "Sie versuchen, sich neu zu erfinden, und sagen, vertraut uns."

Vertrauen sollen die Investoren vor allem auf das Facebook-Anzeigenmodell. Doch auch das ist umstritten, ungewiss und wechselhaft - und wurde ausgerechnet kurz vor dem Börsengang zum peinlichen Schwachpunkt für den Konzern.

Diese Woche stoppte der Autobauer General Motors, der drittgrößte Werbeträger der USA, alle seine Anzeigen auf Facebook: Sie würden nicht geklickt, brächten also nichts. Zwar gehen Facebook dadurch nur zehn Millionen Dollar flöten. Doch der Imageschaden ist immens.

Andere schlugen in die gleiche Kerbe. "Ein globaler Konsumgüterkonzern sagte uns neulich, dass Facebook schlechter statt besser dabei werde, Vermarktern zum Erfolg zu verhelfen", schrieb Marktanalyst Nate Elliott (Forrester Research) in seinem Blog. Kunden klagten, "dass Facebook nicht länger der beste Platz für soziale Marketingbudgets sei".

Diese Erfahrung machten auch die Pizzabäcker Michael Friedman und Greg Augarten aus New Orleans. Sie hatten für 240 Dollar Facebook-Anzeigen für ihren Laden "Pizza Delicious" geschaltet. Anschließend fragten sie jeden neuen Kunden, woher er von ihnen gehört habe. Nur ein einziger, so sagten sie dem Radiosender NPR, habe Facebook genannt.

"Ich werde den Facebook-Börsengang aussitzen", verkündete auch Charlie Gasparino, Star des TV-Wirtschaftssenders Fox Business. Es gebe zu viele "problematische Fakten", allen voran der sinkende Umsatz - "ein Zeichen eines gesättigten Unternehmens". Auch habe ihm bisher niemand die doppelte Gretchenfrage beantworten können: "Wieso brauchen wir Facebook? Ist es 100 Milliarden Dollar wert?"

Denn keiner weiß, was nach der Nasdaq-Premiere geschieht. Die ersten Tage sind oft unberechenbar. Große Investoren werden versuchen, schnell abzukassieren, was den Kurs unberechenbar macht. Zudem werden Hoffnungen auf eine frühe Kursexplosion bei Konzernen dieser Größenordnung meist enttäuscht.

Die Medien hypen den Börsengang trotzdem weiter. Die "New York Times" umschmeichelte Zuckerberg mit einem wohlwollenden Porträt: "Unter der Kapuze steckt ein zunehmend selbstsicherer Führer." Das "New York Magazine" machte ihn zum Coverboy und bewunderte seine "Reifung" zum Firmenboss: "Mark Zuckerberg ist erwachsen geworden."

"Civilization" spielt er aber immer noch.

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1.
PublicTender 17.05.2012
Zitat von sysopAFPMit einem gigantischen Hype fiebern die USA dem Börsengang von Facebook entgegen. Er könnte den Wert des sozialen Netzwerks auf mehr als 100 Milliarden Dollar treiben. Doch bei Investoren und Werbekunden wächst die Skepsis: Droht vielleicht sogar ein Mega-Flop? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,833662,00.html
In 10 Jahren ist Facebook Geschichte, da kräht denen kein Hanh mehr hinterher. Völlig bekloppt da zu investieren, völlig bekloppt bei denen als Fratze registriert zu sein.
2.
sverris 17.05.2012
fuer irgendwen wird es gewiss ein flop: fuer grosse mehrheiten, und nur kleine minderheiten werden dicke verdienen. je groesser die aufgebrachte summe beim boersengang, desto mehr werden die minderheiten einstecken, und desto groessere mehrheiten werden bloed aus der waesche kucken.
3.
sverris 17.05.2012
Zitat von PublicTenderIn 10 Jahren ist Facebook Geschichte, da kräht denen kein Hanh mehr hinterher. Völlig bekloppt da zu investieren, völlig bekloppt bei denen als Fratze registriert zu sein.
Ich glaube das nicht, auch wenn ich mirs auch wuensche. Ein Erfolg gegen den ganzen Hype waere das Aufwachen der Nutzer. Und ein zusaetzlicher kleiner Schritt fuer notorische FB-Nutzer: endlich Adblockplus nutzen.
4. Wer Geld zum Spielen hat
ein rentner 17.05.2012
Wer zur Zeit viel Spielgeld hat, sollte es lieber in Griechenland investieren. Griechenland wird es in 10 Jahren immer noch geben. Man kann das jammern jetzt schon hören.
5. Hybris
soli123 17.05.2012
Da braucht es keine besondere Weitsicht, um die Entwicklung des Aktienkurses einer "Freundebuch"-Gesellschaft vorauszusagen. Sie wird in einigen Jahren als Cent-Wert gehandelt. Da vertraue ich eher den Unternehmen, die echte Werte produzieren.
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Die zehn größten Börsengänge der Welt
Rang Firma Jahr Volumen in Mrd Dollar Land
1. General Motors 2010 23,1* USA
2. AgBank 2010 22,1 China
3. AIA (Versiche- rer) 2010 22,0 Hongkong
4. ICBC (Bank) 2006 21,97 China
5. Visa (Kredit- karten) 2008 19,65 USA
6. NTT Mobile 1998 18,05 Japan
7. Enel (Energie) 1999 16,59 Italien
8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland
* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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Facebook-IPO: Die Profiteure des Börsengangs
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Größenvergleich: Facebook = Siemens + RWE + ThyssenKrupp + Lufthansa

Soziale Netzwerke
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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