Von Marc Pitzke, New York
Es sollte die größte, lukrativste und vor allem coolste Börsenpremiere der US-Geschichte werden. Stattdessen stellte das Facebook-Debüt an der Nasdaq einen anderen Rekord auf: größte Blamage der Wall Street. Und nun kommt ein noch schlimmeres Etikett hinzu - der Börsengang war womöglich ein rechtswidriges Unterfangen.
Schon die Premiere am Freitag war ein Fiasko. Am Montag und Dienstag dann rasselte der Kurs des sozialen Netzwerks ungebremst in den Keller. An diesem Mittwoch stabilisierte sich die Aktie zwar wieder halbwegs. Doch der Schaden ist angerichtet: Facebook ist gefloppt.
Das Desaster vom Freitag war noch mit äußeren Einflüssen zu erklären: Die Computer der Tech-Börse Nasdaq waren mit dem riesigen Ordervolumen überfordert, brachen zusammen und ließen panische Händler stundenlang im Ungewissen sitzen. Doch der Absturz diese Woche hat tiefere Gründe - und diese werfen ein immer düsteres Licht auf Facebook. Vor allem aber auf die Wall-Street-Banken, die das missratene Listing managten, allen voran Morgan Stanley und Goldman Sachs.
Es ist den Recherchen der US-Wirtschaftsmedien "Wall Street Journal", "New York Times", den Agenturen Bloomberg und Reuters sowie diversen Börsenbloggern zu verdanken, dass die dubiosen Hintergründe des Debakels jetzt nach und nach zutage treten. Die Vorwürfe, die am Mittwoch auch in einer Zivilklage von Facebook-Investoren aufgelistet wurden, klingen atemberaubend: Demzufolge wollten institutionelle Investoren mit dem Milliarden-Deal kräftig Reibach machen - auf Kosten der kleinen Anleger, die über die wahren Aussichten von Facebook im Dunkeln gelassen worden seien.
Jetzt drohen juristische Konsequenzen. Drei düpierte Anleger erhoben am Mittwoch in New York Zivilklage gegen Facebook und die beteiligten Großbanken: Im Vorfeld des Börsengangs seien "zentrale Informationen" über die Geschäftslage von Facebook nur "selektiv offengelegt" worden - zu Gunsten institutioneller Investoren und zu Lasten von Kleinanlegern. Mit anderen Worten: Die Insider hätten vorab gewusst, dass Facebook weniger wert war, als der Öffentlichkeit vermittelt wurde. Die Anwälte wollen die Vorwürfe zu einer Sammelklage ausweiten. Inzwischen sind noch mindestens zwei weitere Klagen hinzugekommen.
Die US-Börsenaufsicht SEC sowie die FINRA, die Selbstkontrolle der amerikanischen Börsen, ermitteln ebenfalls. Auch der US-Bundesstaat Massachusetts prüft inzwischen, im Namen möglicherweise geprellter Anleger Ermittlungen einzuleiten, und hat von Morgan Stanley alle Unterlagen über den Börsengang eingefordert.
Dass Facebooks wackliges Geschäftsmodell den ursprünglichen, hohen Abgabepreis von 38 Dollar kaum rechtfertigte, ist bekannt. Doch offenbar standen die Dinge viel schlechter. Hier die Abläufe im Vorfeld des Listings, wie sie sich aufgrund der bisherigen Berichte ergeben.
"Facebook schraubte zurück und sagte: Hey, bringt eure Modelle nach unten", zitierte Reuters einen Beteiligten. Auch andere Insider bestätigten, dass Facebook seine "Zahlen geändert" habe: "Sie haben ihr Geschäft nicht korrekt prognostiziert." Daraufhin hätten auch die Konsortialbanken ihre Zahlen revidiert - aber dies offenbar nur einem Teil der Investoren mitgeteilt.
"Diese 'selektive Offenlegung'", schreibt "Business Insider"-Chef Henry Blodget, "ist höchst unfair gegenüber den Investoren, die die Aktie später beim Listing kauften und nichts davon wussten. Schlimmstenfalls ist es eine Verletzung der Kapitalmarktgesetze."
Die Bank streitet jegliches Fehlverhalten ab. "Morgan Stanley hat die gleichen Prozeduren befolgt, die es bei allen IPOs befolgt", erklärte das Haus. "Diese Prozeduren stehen im Einklang mit allen geltenden Regulierungen."
Noch bleibt vieles unklar. Fast stündlich kommen neue Details ans Licht. FINRA-Chef Richard Ketchum sagte Bloomberg, die Aktivitäten im Vorfeld der IPO würden "regulatorische Bedenken" aufwerfen. William Galvin, der Innenminister von Massachusetts, hat von Morgan Stanley alle Unterlagen über seine internen Diskussionen mit Facebook-Investoren angefordert. Spätestens daraus dürften bald neue Einzelheiten bekanntwerden.
Facebook hat die Vorwürfe vehement zurückgewiesen. Die Klagen seien "unbegründet", erklärte ein Sprecher am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Das Unternehmen werde sich "energisch" zur Wehr setzen. Facebook-Gründer Zuckerberg hat sich noch nicht geäußert: Sein sonst so emsiges Facebook-Profil liegt seit Tagen brach. Der letzte Eintrag stammt vom Samstag, als er ein Foto von seiner Hochzeit ins Netz stellte.
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