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19. September 2010, 13:30 Uhr

Fachkräftemangel

Firmen klagen über deutsche Technik-Muffel

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Deutschlands Wirtschaft boomt, schon finden manche Unternehmen keine Arbeitskräfte mehr. Vor allem im technischen Bereich fehlt es an qualifiziertem Nachwuchs: Vielen Studenten und Azubis gelten diese Berufe als unsexy. Nun wollen die Firmen ihr Image aufpeppen - und umwerben gezielt junge Leute.

Hamburg - Oliver Rennig sucht dringend Mitarbeiter für sein Unternehmen, vor allem Ingenieure. Der Direktor für die Region Nord des Gebäudetechnikkonzerns Imtech wirbt deshalb mit großen Firmenfesten, Fußballturnieren und der familiären Atmosphäre im Betrieb. "Unser höchstes Gut ist der Mensch, der steht bei uns im Vordergrund", sagt Rennig.

Dass sich der Manager so rührig kümmert, kommt nicht von ungefähr. Denn der Markt für Fachkräfte ist in Deutschland hart umkämpft.

Und das Problem hat sich seit dem Ende der Wirtschaftskrise noch verschärft. Die Konjunktur läuft gut, viele Firmen fragen sich schon, wie sie all ihre Aufträge bewältigen sollen. Vor allem qualifizierte Mitarbeiter fehlen den Unternehmen. Genauer gesagt: Bau- und Elektroingenieure sowie Spezialisten für technische Gebäudeausrüstung. In diesem Bereich kommen auf einen Hochschulabsolventen in etwa drei freie Stellen. Aber auch Auszubildende sind in der Technikbranche ein knappes Gut.

Der Wettbewerb um Personal ist hart, deshalb setzen die Firmen auf frühe Mitarbeiterbindung. Für künftige Versorgungsingenieure wie Lars Witteck ist das genial. Der 26-jährige Student schreibt bei Imtech an seiner Bachelor-Arbeit, angefangen hat er dort als Auszubildender für Heizungsbau. "Meine Karrierechancen sind sehr gut, wir Ingenieure recht gefragt. Die meisten Absolventen bekommen sofort den Job, den sie sich wünschen", sagt Witteck.

70 Prozent der Unternehmen haben Probleme, offene Stellen zu besetzen

Was für die Studenten eine beruhigende Zukunftsperspektive ist, macht den Unternehmen schwer zu schaffen. "Wir behelfen uns aktuell mit Freiberuflern, aber langfristig können wir unsere Wachstumsstrategien nicht derart schnell verfolgen, wie wir es gerne hätten", sagt Imtech-Geschäftsführer Klaus Betz. Nach einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags haben bereits 70 Prozent der Unternehmen Probleme, offene Stellen zu besetzen. Nach Einschätzung der Unternehmen wird sich der Fachkräftemangel in den kommenden fünf Jahren noch verstärken - über alle Qualifikationsniveaus hinweg. "Arbeitskräfteengpässe zeigen sich nicht nur im Bereich der Akademiker, wie häufig beklagt. Gerade Arbeitskräfte, die einen Fachwirt, einen Meister oder einen anderen Weiterbildungsabschluss vorweisen können, werden gesucht", sagt DIHK-Chef Hans Heinrich Driftmann.

Die Politik steht ziemlich ratlos vor dem Problem. Die Dimensionen seien "noch nicht ganz fassbar", sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei der Vorstellung der DIHK-Studie. Der demografische Wandel verändere das Land langsam, aber grundlegend. Konkrete Vorschläge sind indes nicht zu erkennen. Die Menschen müssten "passgenauer arbeiten", erklärt von der Leyen und fordert, dass drei Personengruppen in der Arbeitswelt eine größere Rolle spielen: Frauen, Ältere und Jüngere mit schlechter Bildung.

Versorgungstechnik klingt nicht eben sexy

Durch Zuwanderung soll das Problem jedenfalls nicht gelöst werden. Beim Schließen der Fachkräftelücke könne Zuwanderung "nur einen kleinen Teil leisten", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Dafür sprächen allein schon pragmatische Gründe: Dass nicht allzu viele Fachkräfte aus dem Ausland kämen, liege auch an der mangelnden Attraktivität Deutschlands für die Umworbenen.

Die Unternehmen müssen sich also selber helfen. Einige Firmen werben zum Beispiel gezielt um Migranten. Auch Imtech-Chef Betz setzt bei Montagearbeiten auf ausländische Fachkräfte, insbesondere hochqualifizierte Arbeiter aus Osteuropa. "Auf Ingenieurseite sieht es da aber viel schwieriger aus, weil die Ingenieurausbildung in Deutschland eine andere ist. Ausländische Bewerber sind meist nicht für den deutschen Markt geeignet, und dazu kommt dann noch die Fremdsprache als Hindernis", sagt Betz.

Attraktiv ist das Berufsfeld nicht - und das, obwohl die Karrierechancen hoch sind. Versorgungstechnik klingt eben nicht sexy. Geschäftsführer Klaus Betz sieht den Grund für das Desinteresse des potentiellen Fachkräftenachwuchses vor allem bei den Unternehmen. In Zukunft will Betz in Kindergärten und Schulen für das Arbeitsfeld werben: "Das Thema Energie muss attraktiv platziert werden, schon bevor die Leute sich für ihr Studium entscheiden."

Dem Imageproblem will Imtech außerdem als Namenssponsor für das HSV-Volksparkstadion entgegenwirken. Doch die "Imtech-Arena" macht Fußballfans sicher nicht zu Ingenieursanwärtern. Da muss sich die Branche wohl mehr einfallen lassen.

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