Werben für den Ingenieursberuf: Zwischen Prothesen und Biomüll

Von Young-Sim Song

Eine Industrieausstellung ist Männersache? Nicht am Mädchentag auf der Hannover Messe. In Zeiten des Fachkräftemangels werden die Schülerinnen von den Ausstellern hofiert, als wären sie die Großkunden von morgen.

Industriemesse: Auch Mädchen sollen für Ingenieursberufe begeistert werden Fotos
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Hannover - Warum sie heute auf die Hannover Messe gekommen seien? Darauf haben die Freundinnen Jessica Wolf und Pauline Bartels eine simple Antwort: die einzige Alternative an diesem bundesweiten Schülerinnen-Schnuppertag "Girls' Day" wäre ein Besuch bei der Bundeswehr gewesen. Dann schon lieber Industrieausstellung. "Zur Bundeswehr wollten wir nicht", sagt Pauline.

Die zwei 13-Jährigen sind mit einer Gruppe von 44 Mädchen aus dem nordhessischen Homberg im Schwalm-Eder-Kreis nach Hannover gereist. Jetzt stehen die Mädchen - Pauline in Jeans, Schlabberpulli und Sneakers, Jessica zierlich mit langen blonden Haaren und weiß-blauen Tuch mit Blümchenmuster um den Hals - auf dem größten Messegelände der Welt. Hauptsächlich männliche Besucher und Aussteller in Anzügen eilen an ihnen vorbei.

Die Eltern der Mädchen hätten sie ermutigt mitzufahren, sagt Jessica, obwohl sie den Unterricht am Gymnasium verpassen - auch zwei Stunden Physik und Biologie. Auf der Hannover Messe können sie stattdessen erleben, was die Naturwissenschaften für Berufschancen bieten.

Sie selbst wolle später vielleicht Ärztin werden, sagt Jessica, "auf jeden Fall irgendwas mit Menschen". Das klingt so, als müsse noch viel passieren, damit aus Jessica einmal eine Diplom-Ingenieurin wird.

Knapp 120.000 Mädchen nutzten am Donnerstag die Angebote des zwölften Girls' Day. Seit zwei Jahren findet zeitgleich auch der Boys' Day statt. Ziel ist es, jungen Leuten auch "geschlechtsuntypische" Berufe nahezubringen. Mädchen informierten sich über Natur- und Ingenieurwissenschaften oder Berufe wie Metallbau oder Mechatronik. Bei 33 000 Jungen standen Erzieher- und Pflegeberufe im Vordergrund. Die Zukunftstage werden vom Bundesfamilienministerium sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und von Verbänden und Unternehmen finanziert.

Ob sie wüssten, was Biotechnologie ist, fragt Studentin Julia Huntenburg die Mädchengruppe vor einem drachenartig aussehenden Roboter in Halle 17. Huntenburg studiert Biotechnologie und ist eine der fast 100 sogenannten Guides, die Schülergruppen die ganze Woche über die Messe führen. Die Kinder schütteln den Kopf. "Die Wissenschaft guckt sich von der Natur und den Tieren was ab und nutzt das für die Technik", beantwortet die 24-jährige Huntenberg ihre Frage selbst. Geckos zum Beispiel könnten sich an Wänden festhalten. Die Haut der Echsen habe man daher nachempfunden, um Oberflächen herzustellen, "auf die man sein Handy legt und es ohne Kleber haftet".

"Man kommt da rein, wenn man sich begeistert"

"Mädchen sollten nicht nur klassische Berufsbilder im Kopf haben und den Ingenieur von vornherein ausschließen", appelliert Huntenburg an die Gruppe. "Dass man als Maschinenbauer oder Elektrotechniker nur in einer Fabrik arbeitet, stimmt nicht." Ihr Studium sei "superspannend" - auch was sie später damit machen könne, zum Beispiel neue Medikamente entwickeln. Es sei "nicht nur schwierig und so viel Mathe und so - man kommt da rein, wenn man sich dafür begeistert", tönt es aus dem tragbaren Lautsprecher, während die Studentin in ein am Kragen angeheftetes Mikrofon spricht.

Huntenburg ist zum dritten Mal als Schüler-Guide auf der Hannover Messe, zum ersten Mal begleitet sie eine reine Mädchengruppe. Ihr Eindruck sei aber, dass es von Jahr zu Jahr mehr werden. "Manche Mädchen haben am Anfang gar keine Lust - später laufen sie dann oft vorne mit und stellen ganz viele interessierte Fragen." Die meisten Guides seien Maschinenbau- oder Elektrotechnik-Studenten, einige auch angehende Lehrer. Vor Start des Rundgangs mit den Schülern gehen sie durch die Hallen und fühlen vor, welche Aussteller "Lust auf die Sprösslinge haben".

Andrej Stanev hatte Lust. Er ist Diplom-Ingenieur und arbeitet für die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe in der Nähe von Rostock. Für die Mädchengruppe hält er einen kleinen Vortag, was er da erforscht. Worte wie "feste Bioenergieträger" und "zukunftsfähige Biogasanlagen" fallen. Die elf- bis 15-jährigen Schülerinnen gucken fragend. "Können Sie erklären, wie so eine Anlage funktioniert?", fragt Huntenburg den Wissenschaftler. Wieder folgt ein langer Monolog. Huntenburg unterbricht: "Also Abfall wird in Energie umgewandelt." "Genau", bestätigt Stanev. "Man tut etwas Gutes für die Umwelt, indem man Abfälle entsorgt, und verdient damit Geld. Alles, was wir machen, muss auch bezahlbar sein." Das verstehen die Schülerinnen.

Weiter geht es zum "nanoTruck". In dem Laster sollen 80 Epxonate zum Mitmachen animieren und den Schülern zeigen, dass Nanotechnologie in vielen Lebensbereichen zu finden ist. "Nanos kommt aus dem Altgriechischen und heißt Zwerg", erklärt die Biologin Julia Donauer den Mädchen. "Es handelt sich also um die Zwergenwissenschaft."

Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor sei erst durch Nano-Teilchen transparent geworden, erklärt Donauer den Kindern. Früher hinterließ sie weiße Streifen auf der Haut.

Die Mädchen hören der 30-jährigen Wissenschaftlerin gebannt zu. Seit über einem Jahr fährt Donauer mit zwei männlichen Kollegen, einem Chemiker und einem Physiker Schulen, Universitäten und Messen an. 222 Tage im Jahr ist der Laster auf Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterwegs.

Die Bundesregierung, aber auch Unternehmen und Verbände lassen sich die Nachwuchssuche also einiges kosten. Nichts gegen den Fachkräftemangel zu unternehmen, könnte noch teurer werden. Bereits jetzt fehlten 100.000 Ingenieure, wie der Ingenieurverband VDI diese Woche meldete. Allein im vergangenen Jahr entstand der VDI-Studie zufolge so ein Wertschöpfungsverlust von knapp acht Milliarden Euro.

Am Stand des Prothesenhersteller Otto Bock aus Duderstadt bei Göttingen entdeckt Jessica dann endlich, dass Ingenieurswissenschaften auch etwas mit Medizin und Menschen zu tun haben können. Jessica probiert eine Handprothese aus. Eine Elektrode ist dazu an ihrem Unterarm befestigt, die die Signale ihrer Muskeln an die Prothese überträgt. Jessica schafft es mit der Prothese, einen kleinen Ball zu fangen. Es hätten sich mehr Mädchen angemeldet, als sie mitnehmen konnte, so Spohr. "Es ist auch gut für die Mädchen mal aus dem sehr ländlichen Raum rauszukommen."

Dass auch ein Ingenieursberuf viel mit Medizin und Menschen zu tun haben kann, "das wusste ich nicht", sagt Jessica. Vielleicht ist Ärztin ja jetzt mehr die einzige Berufsalternative für sie.

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insgesamt 24 Beiträge
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1.
pelikan10 27.04.2012
Fast jedesmal wenn ich hier von Fachkräftemangel lese läuft es auf Ingenieurmangel hinaus. Es sollte aber nicht vergessen werden, das es auch wieder hochqualifizierte Menschen braucht um die Sachen, welche sich die Ingenieure ausdenken auch herzustellen. Diese Fachkräfte programmieren und bedienen zum Teil Maschinen deren Komplexität sich vor einer Generation sich noch niemand hätte träumen lassen. Und auch an diesen Facharbeitern mangelt es bereits und wird es in Zukunft noch viel mehr mangeln und so währe es nur logisch sich auch darum zu kümmern und entsprechend zu agieren.
2.
smartphone 27.04.2012
Der FKM ist ein seit 20 Jahren gehyptes Märchen. Was verdient denn ein Ing , vergleichsweise lausig , zudem ist man ab 35 schon Alteisen Was die Wirtschaft will ist billiges Absagevieh um die Löhne zu drücken ..Scheinbar reichrt der massive Ãœberschuß an Jungs net mehr . Man kann die Jugend nur warnen sich mit MINT das leben nachhaltig zu verpfuschen !
3.
pedro999 27.04.2012
Leider ist es nicht mehr empfehlenswert Dipl. Ing oder Dipl.Inform. zu studieren: -Einstiegsgehälter in den letzten 15 Jahren nur um 10% gestiegen -Outsourcing an externe Dienstleister/Ausland -Mit 50 Jahren kann man schnell abgeschoben werden -Lieber Lehramt studieren: Wenn man Lehrer wird hat man ein deutlich höheres Einstiegsgehalt (statt ca. 1700 Netto mehr als 2500 Euro Netto!!). Das muss der Dipl. Ing. erst mal mit 1500 Euro Bruttogehaltsteigerung reinholen. -Oder Mediziner werden. Wird immer gesucht, kann nicht outgesourced werden. Deutlich mehr Geld als Ings. Die Arbeitgeber haben nur Angst, dass die höhere Gehälter zahlen sollen, deshalb wird immer von Ingenieurmangel geschwafelt. Ings haben keine Lobbygruppen und streiken macht auch keinen Sinn. Man ist nur der Depp, der die Arbeit macht. Gruss Pedro
4. Und schon wieder Fachkräftemangel
hartholz365 27.04.2012
Zitat von pelikan10Diese Fachkräfte programmieren und bedienen zum Teil Maschinen deren Komplexität sich vor einer Generation sich noch niemand hätte träumen lassen. Und auch an diesen Facharbeitern mangelt es bereits und wird es in Zukunft noch viel mehr mangeln und so währe es nur logisch sich auch darum zu kümmern und entsprechend zu agieren.
Und wieder das Märchen Fachkräftemangel. Würde echter mangel herrschen würden die Löhne nicht stagnieren sondern kräftig steigen und zwar real. Wer kein Personal findet ist zu faul auszubilden, einzulernen oder entsprechend zu bezahlen. Stattdessen wird geajmmert und nach der Politik geschrieben (Blue/Green whatever card).
5.
No_Name 27.04.2012
Gerade heute wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Anwerbung nicht-europäischer "Fachkräfte" für 35k€ p.a. erlaubt. Danke. das ist 5k€ - 10k€ unter den üblischen Einstiegsgehältern für Ingenieure. Die ganze Fachkräftelüge dient nur einem Zweck: Möglichts viele "Fachkräfte" generieren und dann die Löhne kräftig drücken. Wir haben genug Fachkräfte, wir haben in Europa genug Potential. Nur gute Leute versuchen halt (noch?), Ihre Haut ordentlich zu verkaufen. Und genau dieses möchte man unterminieren.
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