Falsche Bilanzen bei Olympus: Allein unter Schweigern

Von Stefan Schultz

Die Weltmarke Olympus steht vor dem Aus: Die Firma hat womöglich Verluste von mehr als einer Milliarde Euro vertuscht. Die Affäre führt tief in die Abgründe des japanischen Wirtschaftssystems, aufgedeckt hat sie ein Ausländer - Ex-Konzernchef Michael Woodford. Das bekam ihm nicht gut.

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REUTERS

Hamburg - Als Michael Christopher Woodford am 1. Oktober Chef von Olympus wurde, war der Skandal schon im vollen Gange: Jene Geschichte über Bilanzmanipulationen im großen Stil, über mindestens vier Firmen, die Olympus zu überteuerten Preisen kaufte oder für deren Übernahme der Kamera- und Medizintechnikkonzern überteuerte Beraterhonorare zahlte, um Verluste aus Finanzgeschäften zu kaschieren.

Mehr als eine Milliarde Euro könnten in dieser Affäre, in der Woodford Kronzeuge ist, durch dunkle Kanäle geflossen sein. Und das bei einer der größten Firmen Japans. Einer Weltmarke. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg. Es ist ein Skandal, der tief in die Abgründe des japanischen Wirtschaftssystems führt.

Michael Woodford, 51, raspelkurzes Haar, ist ein besonnener Mann. Rund 30 Jahre arbeitete der Brite für Olympus - ehe er die Alarmglocken läutete. Von den Vorfällen distanziert er sich in aller Schärfe. Er sei daran nicht beteiligt gewesen, betont er. Nicht in seinen Jahren als Europa-Chef, nicht als Vizechef und auch nicht in jenen zwei surrealen Wochen, in denen er Olympus-Chef war. Seine Stimme klingt müde, wenn er am Telefon über diese Zeit spricht.

Am 14. Oktober wurde Woodford gefeuert. Der Verwaltungsrat von Olympus zitierte ihn zu sich und sagte, man habe einstimmig beschlossen, dass es so das Beste sei. Woodford selbst hatte nicht das Recht zu sprechen. "Sie sagten mir, ich soll den Bus zum Flughafen nehmen", erzählt er. Woodford glaubt, dass er gefeuert wurde, weil er nachgebohrt habe. Weil er seit Juli die Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen von Olympus erforscht habe. Weil er mit seinem eigenen Rücktritt gedroht habe - und schließlich den Rücktritt seines Vorgängers, des damaligen Verwaltungsratschefs Tsuyoshi Kikukawa forderte.

Kikukawa, 71, gilt als Firmenpatriarch, als Ferdinand Piëch von Olympus. Kaum ein Mann hat den Konzern so stark geprägt wie er, der seit 1964 an Bord war. Der Japaner, den ausländische Geldgeber liebten, hatte Woodford, den Ausländer, selbst an die Spitze befördert; und sie lobten ihn für seinen Mut und seine Vision. Nun setzte er den Ausländer wieder vor die Tür, ließ ihn in der Öffentlichkeit schrumpfen. Sagte, Woodford habe Olympus nicht verstanden.

Der Brite habe den Ethos nicht respektiert, der in der 92-jährigen Geschichte des Konzerns gewachsen sei. Sagte Kikukawa. Bevor er am 26. Oktober selbst schmachvoll zurücktreten musste. Bevor Großaktionäre zu fordern begannen, Woodford solle zurückkehren, um bei der Aufklärung der Affäre zu helfen.

"Das ganze erinnert an einen John-Grisham-Roman"

Offiziell übernahm Kikukawa die Verantwortung für den Absturz des Unternehmens an der Börse. Seit Juli ist die Olympus-Aktie um fast 80 Prozent eingebrochen, ist der Firmenwert um rund 5,5 Milliarden Euro geschrumpft. Zuletzt war das einst so stolze Unternehmen noch 1,2 Milliarden Euro wert.

Inoffiziell ist seit Kikukawas Rücktritt nicht mehr so klar, was es mit besagtem 92-jährigen Firmenethos auf sich hat. Am Dienstag räumte Olympus Bilanzmanipulationen ein. Ja, man habe Verluste aus Investment-Geschäften verschleiert - und das seit den neunziger Jahren. Zahlungen an die Firmen Gyrus, Altis, News Chef und Humalabo und externe Berater seien zumindest zum Teil dazu genutzt worden, heißt es in einer Presseerklärung.

Die besagten Geschäfte haben ein Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Dollar. Olympus machte keine Angaben über die Höhe der verschleppten Verluste und auch nicht darüber, ob die Berater in Wahrheit weit weniger Geld erhielten als in den Bilanzen stand. Bekannt ist aber, dass der Konzern den Wert besagter Firmen später deutlich nach unten korrigierte, teils um mehr als 70 Prozent - so dass insgesamt Verluste von mehr als einer Milliarde Euro kaschiert worden sein könnten.

Firmen im Zwielicht: Die Olympus-Deals in der Übersicht
Mit vier Firmenübernahmen hat Olympus Verluste von mehr als einer Milliarde Euro in den Bilanzen kaschiert. Der Konzern hat die Trickserei inzwischen zugegeben. Konkret geht es um folgende Deals.
Gyrus
Die größten Unregelmäßigkeiten gab es bei der Übernahme des britischen Medizintechnik-Spezialisten Gyrus. Olympus hatte die Firma 2008 für insgesamt rund 1,92 Milliarden Dollar übernommen. Die Japaner räumten ein, eine exorbitant hohe Summe Geld an die FirmenAxes America LLC und Axam überwiesen zu haben - die als Berater bei den Übernahmen halfen. Insgesamt waren es 687 Millionen Euro, also rund 36 Prozent der Gesamtsumme, üblich wäre ein Prozent. Die Firmen wurden kurz nach den Deals dichtgemacht.
Altis, News Chef, Humalabo
Seltsam war auch die Übernahme von drei weiteren Unternehmen: Altis, einem Spezialisten für die Entsorgung von Medizinabfällen; News Chef, 1991 unter anderem Namen als Finanzberater gegründet, später Produzent von Essens-Containern und seit 2007 unter aktuellem Namen tätig; und Humalabo, das unter anderem Hautcremes herstellt. Insgesamt zahlte Olympus 73,42 Milliarden Yen für diese Firmen. Umgerechnet sind das fast 700 Millionen Euro - und das, obwohl die Unternehmen zu dieser Zeit fast keinen Umsatz oder Gewinn machten. Später schreib Olympus rund drei Viertel des Werts dieser Firmen ab.
Inzwischen wurden die Manager Hisashi Mori und Hideo Yamada gefeuert, weil sie laut Olympus in die Bilanztricks involviert waren. Der neue Verwaltungsratschef Shuichi Takayama machte zudem seinen Vorgänger Kikukawa für den Skandal mitverantwortlich. Er selbst habe von den Vorgängen "absolut nichts gewusst". Sagt Takayama, der seit April 1970 bei Olympus ist.

Woodford sagt, er wisse nicht mehr, was er noch glauben soll. "Das ganze erinnert mich an einen John-Grisham-Roman. Doch es ist real." Er ist noch nicht müde, diesen Wirtschaftskrimi zu erzählen. Seinen Krimi. Jene Affäre, die ohne ihn, den ersten ausländischen Olympus-Chef, vielleicht nie ans Tageslicht gekommen wäre.

"Der Olympus-Skandal zeigt, wie wenig sich Japan geändert hat"

Experten glauben, Japans Wirtschaftssystem habe eine dunkle Seite. Eigentlich hätten Firmen wie Olympus Bilanztricks gar nicht nötig, sagt Hanns Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Sie seien innovativ, hocheffizient und weltweit auf vielen Märkten etabliert. Die Wurzel des Problems liege an anderer Stelle, reiche tief in der japanische Kultur hinein.

Und so ist der Olympus-Skandal Symptom jener "Filzokratie", die der Autor Michael Crichton 1992 in seinem Buch "Nippon Connection" beschreiben hat. Es handelt von einer Zeit, in der Japan ähnlich gehypt wurde wie derzeit China: als Wirtschaftsmacht, die Amerika und Europa bald den Rang ablaufen könnte. Doch dann platzte die Blase, viele Firmen machten hohe Verluste - und versuchten, diese in ihren Bilanzen zu verstecken. Selbst große Firmen wie Yamaichi Securities gerieten ins Zwielicht. Für manche Bilanztricks der Japaner gibt es seit dieser Zeit eigene Termini. Von einem "Tobashi-Schema" etwa ist die Rede, wenn Verluste über längere Zeit zwischen Firmen hin- und hergeschoben werden.

Teil dieses System war eine Regierung, die heimische Unternehmen schützte, wo sie konnte - und die seit Jahrzehnten kein funktionierendes System interner Kontrollen durchsetzt. Zwar wurden die Regeln zur internen Unternehmenskontrolle um die Jahrtausendwende verschärft, doch auch heute gibt es noch viele Lücken. "Selbst in großen Unternehmen gibt es noch immer kein funktionierendes System der Selbstkontrolle", sagt Hilpert. "Es herrscht eine Art Samurai-Mentalität. Man geht lieber in den persönlichen Untergang als das eigene Nest zu beschmutzen." Noch drastischer drückt es der Wirtschaftsprofessor Steven Davidoff aus: "Der Olympus-Skandal zeigt, wie wenig sich Japan geändert hat", schreibt er im "Dealbook" der "New York Times".

Das deckt sich mit Woodfords Darstellung. "Als man mich fragte, ob ich Olympus-Chef werden wolle, fühlte ich mich geehrt", sagt er. "Finanziell oder persönlich hätte ich das nicht nötig gehabt, doch ich war bereit, diese Verantwortung zu übernehmen."

Als er dann wirklich Verantwortung übernahm, Verantwortung auf die britische Art, erlebte er sein blaues Wunder.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Congrats, Mr. Woodford!
axelkli 10.11.2011
Zitat von sysopDie Weltmarke Olympus steht vor dem Aus: Die Firma*hat womöglich*Verluste von mehr als einer Milliarde Euro*vertuscht. Die Affäre führt tief in die Abgründe des japanischen Wirtschaftssystems, aufgedeckt*hat sie ein Ausländer -*Ex-Konzernchef Michael Woodford.*Das bekam ihm nicht gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,796618,00.html
Der Mann muß griechischer Ministerpräsident werden. Oder italienischer. Oder doch deutscher ?
2. -
dongerdo 10.11.2011
Zitat von sysopDie Weltmarke Olympus steht vor dem Aus: Die Firma*hat womöglich*Verluste von mehr als einer Milliarde Euro*vertuscht. Die Affäre führt tief in die Abgründe des japanischen Wirtschaftssystems, aufgedeckt*hat sie ein Ausländer -*Ex-Konzernchef Michael Woodford.*Das bekam ihm nicht gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,796618,00.html
Ob jetzt Woodford als Held hochsilisiert werden muss sei mal wirklich dahin gestellt. Aber er hat Verantwortung übernommen und das ist ihm anzurechnen. Schöner Artikel.
3. lol
thunderhand 10.11.2011
Zitat von axelkliDer Mann muß griechischer Ministerpräsident werden. Oder italienischer. Oder doch deutscher ?
genau das wollte ich auch schreiben:)
4. Die Bauern spielen Opfer
sushiboi 10.11.2011
---Zitat--- Später hat sich Woodford nach eigenen Angaben bemüht, Informationen zu den Bilanzproblemen zu bekommen. Doch er sei immer wieder auf Widerstände gestoßen. ---Zitatende--- Und das "immer wieder" bezieht sich ausschliesslich auf die zwei, die jetzt Bauernopfer spielen muessen, und den Kikukawa? Und der jetzige CEO Takayama will in seiner bisherigen Taetigkeit als "Senior Managing Executive Officer" nichts davon gemerkt haben, oder hat er vielleicht doch nur, wie die meisten anderen auch, der von Kikukawa postulierten Firmenethik folgend einfach weggeschaut.
5. Angelsachse
fmhinz 10.11.2011
.. ist halt kein Drückeberger und Weichling. Sind zwar unangenehm und stur, aber führen von vorn und mit offendem Visier, halt so wie auch mal waren...... Respekt!
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