Ein Kommentar von Wolfgang Kaden
Es begann mit der Sparkassenkrise in den USA Ende der Achtziger, dann folgte Ende der Neunziger der Zusammenbruch des milliardenschweren Hedgefonds LTCM und die Bankenkrise in Asien. Kurze Zeit später der Internet-Crash an den Aktienmärkten, und nun, gerade mal sechs Jahre später, der Fast-Kollaps des gesamten Geldkreislaufs. Die Abstände zwischen den Horrorereignissen wurden kürzer. Daher ist die Schlussfolgerung zwingend: Eine Wende ist unvermeidlich, und es muss eine radikale Wende sein.
Unzweifelhaft ist, dass die Deregulierung gnadenlos überdehnt wurde, vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten. Ein weltweiter Standortwettbewerb um die Banken entartete zu einem Wettbewerb um die laxesten Kapitalmarktvorschriften. Den Akteuren waren immer mehr Freiheiten zugestanden worden. Sie konnten fröhlich Kredite schöpfen und die Risiken über die ganze Welt verstreuen. Das System war, wie wir heute wissen, nicht mehr kontrollierbar.
Die Optimisten unter den Ökonomen hatten sich der Hoffnung hingegeben, dass verbessertes Risikomanagement in den Banken, dass die staatlichen Aufsichtsbehörden und die Notenbanken, dass das Netz der Ratingagenturen einen Crash wie 1929/33 verhindern würden. Dieser Fortschrittsglaube erwies sich als Irrtum. Als teurer Irrtum: Der totale Zusammenbruch der Weltwirtschaft war nur dadurch zu verhindern, dass die Schulden praktisch aller großen Geldhäuser verstaatlicht wurden. Die Kosten für die Rettungsaktion liegen inzwischen allein für die Stützung der westlichen Kreditinstitute bei astronomischen 9000 Milliarden Dollar.
Die Schwachstellen gibt es alle noch
Dies war und ist ein so tiefer Einschnitt, dass es nicht bei einigen Schönheitsreparaturen bleiben kann, wie es die Bankenlobby gern hätte. Erschreckend, dass einer wie der US-Finanzminister Timothy Geithner kürzlich feststellte: "Die schwächsten Stellen im System gibt es nicht mehr." Offenbar nimmt der Mann nicht wahr, woher die neuerlichen dicken Gewinne von Investmentbanken wie Goldman Sachs
kommen: vom sogenannten Eigenhandel, von spekulativen Geschäften der Banker auf eigene Rechnung. Wie gehabt.
Die Schwachstellen gibt es alle noch. Natürlich haben Banker wie Josef Ackermann Recht, wenn sie auf die Nachteile einer scharfen Regulierung hinweisen. "Überziehen die staatlichen Regelsetzer, entstehen beträchtliche volkswirtschaftliche Kosten, weil dadurch die Kredit- und Finanzierungsspielräume der Banken eingeschränkt werden", warnt der oberste deutsche Privatbanker. Sprich: Rigorose staatliche Vorschriften gleich weniger Kredite für Unternehmen und Verbraucher gleich weniger Wachstum.
Zur Wahl steht: mehr Sicherheit (vor einem neuerlichen Crash) oder eine neue Wachstums-Fiesta.
Aber besteht diese Wahl wirklich? Können wir das Risiko eines neuerlichen Mega-Crahs - nicht heute, nicht morgen, aber übermorgen - tatsächlich hinnehmen? Eines neuerlichen Zusammenbruchs, bei dem dann wirklich eine Entschuldung nur noch über eine Hyperinflation möglich wäre?
Das ganze System darf nicht aufs Spiel gesetzt werden
Man sollte keine Illusionen nähren: Totale Sicherheit wird es in einer freiheitlich organisierten Wirtschaftsordnung nicht geben. Dynamische Systeme sind von Natur aus instabil. Es kann immer nur um ein Mehr oder ein Weniger an Sicherheit gehen. Und das heißt: Bei aller Unvermeidlichkeit von Einbrüchen - das gesamte System der globalen Wirtschaft darf nicht mehr sehenden Auges aufs Spiel gesetzt werden. Mögen die volkswirtschaftliche Kosten für dieses Mehr an Sicherheit auch hoch sein.
Was ist zu tun? Der Katalog an Vorschlägen ist ellenlang und beschäftigt seit Monaten in einer nicht enden wollenden Abfolge von Konferenzen Politiker und Beamte. Er reicht von höherem Eigenkapital der Banken über eine verbesserte staatliche Aufsicht bis zu den Details der Techniken von Kreditverbriefungen und der Bezahlung der Banker. Das alles soll hier nicht noch einmal heruntergebetet werden. Es ist unvermeidlich und sollte baldmöglichst umgesetzt werden. Aber es ist zu bezweifeln, dass sich jene Reformen, die bislang ernsthaft diskutiert werden, als ausreichend erweisen.
Eine Reform, die an die Wurzeln geht, muss das gegenwärtige System der globalen Banken in Frage stellen. Diese Monster-Institute sind heute so allgegenwärtig, dass sie bei einer drohenden Pleite erneut jede Regierung erpressen und zur Hilfeleistung mit Steuergeldern zwingen können.
"Wir gehen die Zombie-Banken nicht an"
Die Krise wird die Großen noch größer machen. In den USA hat sich die riesige Bank of America
die Investmentbank Merrill Lynch
einverleibt. In Deutschland wird die Deutsche Bank
nicht nur die Postbank
schlucken, sondern auch das taumelnde Privatbankhaus Oppenheim. Die Nummer Zwei und Drei, die Commerzbank
und die Dresdner, haben sich schon im vergangenen Jahr zusammengetan.
"Wir gehen die fundamentalen Probleme in Form der Zombie-Banken nicht an", klagte kürzlich der US-Wirtschaftsprofessor William Blake in einem Interview mit der "FAZ". Diese Geldhäuser seien alle "Zeitbomben, die jede bei einem Ausfall das Finanzsystem ruinieren könnten".
Sein Vorschlag läuft dem aktuellen Trend zuwider: "Man muss die Banken zwingen, kleiner zu werden. Einerseits durch Regulierung, andererseits durch Steuern, die höher werden, desto größer sie sind."
Small is beautiful. Richtig an dem Gedanken ist eine Erkenntnis, die sich allmählich herumspricht: Wenn Banken zu groß geworden sind, als dass der Staat sie noch in den Konkurs schicken kann - dann sind sie tatsächlich zu groß.
Die privatwirtschaftliche Organisation des Finanzwesens mit den wunderbaren Gewinnmöglichkeiten für die Eigentümer ist aber nur akzeptabel, wenn auch das Haftungsrisiko bei den Eignern verbleibt. Dieses Risiko dauerhaft beim Steuerzahler anzusiedeln - wie es sich derzeit abzeichnet - widerspricht den Grundsätzen einer Marktwirtschaft.
Lassen sich Banken wirklich klein-regulieren? Das wird eine schwierige Operation, zumal sie nur Erfolg haben kann, wenn alle bedeutenden Länder mitmachen. Politik und Wirtschaftswissenschaft sind gefordert. Sie dürfen sich nicht durch die Einwände der Banker irritieren lassen. Denn dass die Geldhändler sich, um auf den deutschen Banken-Präsidenten Andreas Schmitz zurückzukommen, "ihrer ureigensten Pflichten besinnen" - darauf sollten wir uns nun wirklich nicht verlassen.
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