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Falsche Strategie gegen Finanzkrise: Siegeszug der Zombie-Banken

Ein Kommentar von Wolfgang Kaden

Banken machen plötzlich wieder satte Gewinne, wachsen zu riesigen Geldkonzernen heran - und wollen das Risiko ihrer Geschäfte auf Dauer dem Steuerzahler aufbürden. Was gerade in der Finanzindustrie geschieht, verstößt gegen die Grundregeln der Marktwirtschaft. Die Politik muss jetzt radikal regulieren.

Skyline von Frankfurt: Die Bankenwelt muss radikal umgebaut werden Zur Großansicht
DDP

Skyline von Frankfurt: Die Bankenwelt muss radikal umgebaut werden

Bundesbankpräsident Axel Weber, der deutschen Öffentlichkeit bislang nicht wegen griffiger Formulierungen aufgefallen, hatte sich zu einer rhetorischen Glanztat aufgerafft. "Im Krisenjahr sollten die Gewinne verhaftet werden", mahnte er die Geschäftsbanken. Diese sollten beim Ausschütten von Dividenden vorerst Maß halten.

Weber wird, da allerorten schon wieder fette Boni ausgeschüttet werden, seine Gründe haben für einen solchen Appell.

Gänzlich überflüssig seien solche Worte, schallte es sogleich aus den Bankentürmen. Andreas Schmitz, Chef der Trinkaus-Bank und, immerhin, Präsident des Deutschen Bankenverbands, konnte seine Empörung nur mühsam zügeln. "Es ist die ureigenste Pflicht eines Vorstands, selbst zu erkennen, wenn er Gewinne einbehalten sollte", ließ er sich zitieren. "Da braucht er keinen Hinweis von Herrn Professor Weber."

Ach so. Ureigenste Pflicht. Wir hatten ja ganz aus den Augen verloren, was die ureigenste Pflicht der Banker ist. Ihre Institute reihenweise in den Ruin zu führen, die Weltwirtschaft in den Abgrund eines totalen Chaos blicken zu lassen, nicht zählbare Millionen um ihre Jobs und ihre materielle Existenz zu bringen, staatliche Haushalte auf Jahre und Jahrzehnte mit gigantischen Schulden zu belasten? Schneller, als wir jemals für möglich gehalten haben, ist er wieder da, der wohlbekannte Hochmut der Geldgewaltigen.

Der Staat hat seine Pflicht getan, jetzt soll sich die Obrigkeit gefälligst wieder aus den Geschäften der Bankkaufleute heraushalten. Der dreiste Spruch des Herrn Schmitz ist kein Ausrutscher, er steht für den aktuellen Trend.

Die Banker arbeiten schon wieder auf allen Kanälen daran, das aus ihrer Sicht Schlimmste abzuwenden: vom Staat auferlegte Regeln, die ihnen die Geldgeschäfte erschweren, einen Crash wie den aktuellen für die kommenden Jahre aber etwas weniger wahrscheinlich machen.

Tief greifende Reformen am System sind erforderlich

Gut, ein bisschen soll schon nachgebessert werden. Aber doch bitte nicht zu viel. "Natürlich müssen wir die Spielregeln in Teilbereichen ändern", sagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im SPIEGEL. "In Teilbereichen" also, soll heißen: bloß nicht zu viel.

Irrtum, Herr Ackermann.

Wenn das, was da über uns hinweg gefegt ist und immer noch wütet, eine systemische Krise ist; wenn also ohne massive staatliche Finanzhilfen das gesamte feinnervige marktwirtschaftliche System in Schutt und Asche zerfallen wäre, mit allen schrecklichen politischen und sozialen Folgen - wenn dem so ist, was kaum ein ernstzunehmender Zeitgenosse bezweifelt, dann sind auch tief greifende Reformen am System erforderlich. Dann reichen nicht Änderungen in Teilbereichen, dann muss die gesamte Ordnung des Geld- und Finanzsystems umgebaut werden.

Zukünftig sollte wieder der Grundsatz gelten: Die Geldversorgung von Unternehmen und Verbrauchern ist eine hoheitliche Aufgabe. Sie obliegt den (staatlichen) Notenbanken. Die Geschäftsbanken handeln als der verlängerte Arm der Notenbanken, quasi als deren Hilfsorgane. Sie sind daher auch nicht mit anderen Unternehmen zu vergleichen. "Die Funktionsfähigkeit der Banken ist ein öffentliches Gut", sagt zu Recht Hannes Rehm, der Sprecher des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin).

Immer hieß es: Deregulierung, Liberalisierung, weniger Staat

Deswegen müssen sich die Geldhäuser nicht im Eigentum des Staats befinden. Das Beispiel der deutschen Landesbanken ist abschreckend genug. Aber das Korsett, in dem sich die in Privateigentum befindlichen Finanzinstitute bewegen, muss zukünftig viel enger geschnürt werden als bisher - und als es die Banker für gut und hinnehmbar halten.

In den vergangenen sechzig Jahren, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hatte sich die Geldwirtschaft unaufhörlich in die entgegengesetzte Richtung bewegt: Deregulierung, Liberalisierung, weniger Staat und mehr Markt, so hieß die Marschrichtung. Deutschlands Banken, beispielsweise, mussten nach dem Krieg noch ihre Soll- und Habenzinsen von der Bundesbank genehmigen lassen - also die Zinsen, die sie für Spareinlagen zahlten, und die, die sie für Kredite kassierten. In den USA, wo offiziell jeder Dollar mit Gold hinterlegt war, verbot die Regierung ihren Bürgern, Goldmünzen zu sammeln.

Keine Frage, dass die Befreiung der Geldmärkte - die einher ging mit der Öffnung der Grenzen für den Warenhandel - zu der historisch einzigartigen Mehrung des Wohlstands beitrug, von der die Nachkriegsjahrzehnte geprägt waren.

Keine Frage aber auch, dass diese neue Freiheit die Wirtschaft immer anfälliger machte für Krisen und Crashs.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 281 Beiträge
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1. ...
ergoprox 21.10.2009
Jaja, müssen müsste man, aber Steuersenkungen, finanziert aus dem Schattenhaushalt sind wichtiger...oder hat man bzgl. dieser Themen während der Koaltionsgespräche irgend etwas gehört oder gelesen?
2. FDPindustrie
Baikal 21.10.2009
Zitat von sysopBanken machen plötzlich wieder satte Gewinne, wachsen zu riesigen Geldkonzernen heran - und wollen das Risiko ihrer Geschäfte auf Dauer dem Steuerzahler aufbürden. Was gerade in der Finanzindustrie geschieht, verstößt gegen die Grundregeln der Marktwirtschaft. Die Politik muss jetzt radikal regulieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,656247,00.html
Kaden hat völlig Recht - er vergißt leider nur, daß die Finanz"industrie" längst die Politik bestimmt. Das gilt für die Banken mit Ackermann's Direkt-Kontakt zur Kanzlerette ebenso wie für die Einführung der Rente mit 67 als riesigem neuen Geschäftsfeld für die Versicherungen.Keine Partei wird finanziell von der Geldwirtschaft so stark gesponsert wie die FDP und so sieht eben auch deren Politik aus: Lambsdorf kam von der Victoria-Versicherung und diese Verbindung steht immer noch.
3. Lächerlich!
CyberDyne 21.10.2009
Zitat von sysopBanken machen plötzlich wieder satte Gewinne, wachsen zu riesigen Geldkonzernen heran - und wollen das Risiko ihrer Geschäfte auf Dauer dem Steuerzahler aufbürden. Was gerade in der Finanzindustrie geschieht, verstößt gegen die Grundregeln der Marktwirtschaft. Die Politik muss jetzt radikal regulieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,656247,00.html
Aber dann bitte brutalstmöglich! Herjee, unsere frisch gewählte Regierung plant gerade einen Schattenhaushalt, eine staatseigene Bad-Bank, in die sie giftige Schulden verstecken möchte! Und ausgerechnet diese Damen & Herren sollen nun die wiederer0tsarkten Finanzriesen regulieren? Ein absolut lächerliches Ansinnen!
4. Alle Banken verstaatlichen
Stanley365 21.10.2009
Die Konsequenz der aktuellen Krise ist eigentlich offensichtlich: *alle* Banken müssen verstaatlicht werden. Wenn schon der Bundeshaushalt bzw. Steuerzahler mit ermüdender Konsequenz für alle Verluste geradestehen soll, dann sollte er auch die durch Kreditvergabe resultierenden Gewinne komplett einstreichen. Unser Bankensystem hat nicht nur in der aktuellen Krise gezeigt, daß es unfähig ist ernsthafte Krisen ohne staaliche Hilfe zu bewältigen und ist damit in dieser Form obsolet.
5. Das Gejaule der vermeintlich Unbedarften!
olgatokar 21.10.2009
Wozu das Bedauern, wozu die Dramatik der Schlagzeilen. Jeder bekommt das, was er verdient (wählt). Merkel ist eine opportunistische Attrappe einer Politikerin. Sie ist machtorientiert und suhlt sich mit Leidenschaft in den oberen Kreisen. Von den Wahlkämpfen wird sie lediglich nur unschön daran erinnert, dass es in diesem Land auch noch eine Bevölkerung gibt, der sie zu dienen hat. Entsprechend ist ihr Auftreten im Wahlkampf: unangenehm berührt! Von den Medien sowie von den Anliegen des Volkes. Aber lieber SPON, du warst und gehört ja nun leider zu ihren verlässlichsten Steigbügelhaltern. Herr Schwennicke & Co. sollen sich da mal nichts vormachen. Nicht mehr Kleider machen Leute. Medien machen Leute! Siehe Merkel!
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BaFin und Bundesbank
Die Bankenaufsicht in Deutschland teilen sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn und die Bundesbank mit Hauptsitz in Frankfurt. Ziel ist, ein stabiles Finanzsystem zu garantieren. So sollen beispielsweise allzu riskante Geschäfte verhindert werden.

Die BaFin übernimmt die Verantwortung für alle hoheitlichen Maßnahmen wie etwa die Genehmigung und Schließung von Banken. Die Bundesbank ist für die laufende Überwachung zuständig: Sie wertet etwa Berichte aus, die von den Banken regelmäßig eingereicht werden müssen und prüft, ob die Institute genügend Eigenkapital haben und ihre Risiken angemessen steuern. Die Notenbank führt zudem Aufsichtsgespräche mit den Managern der Banken.

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