Falsche Vorwürfe: Renault-Vizechef tritt wegen Spionageaffäre zurück

Abgang nach mehr als 20 Jahren: Patrick Pélata muss in Folge einer vermeintlichen Industriespionage seinen Posten als Vizechef beim zweitgrößten französischen Autobauer räumen. Das Unternehmen will sich auch von weiteren Führungskräften trennen.

Patrick Pélata (Archivbild): Schwere Kritik an der Unternehmensleitung von Renault Zur Großansicht
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Patrick Pélata (Archivbild): Schwere Kritik an der Unternehmensleitung von Renault

Paris - Der Spionagevorwurf erwies sich letztlich als haltlos, Untersuchungsberichte legten jedoch zahlreiche Missstände und Fehler offen - insbesondere in Bezug auf die Kontrolle der Sicherheitsabteilung des Konzerns.

Im Zuge der Affäre um eine vermeintliche Industriespionage ist jetzt der Vizechef des französischen Autobauers Renault, Patrick Pélata, zurückgetreten. Der 55-Jährige zog damit am Montag die Konsequenzen aus schwerer Kritik an der Unternehmensleitung.

Renault hatte im Januar drei Manager bezichtigt, firmeninternes Wissen weitergegeben und dafür Bestechungsgelder auf ausländischen Konten eingestrichen zu haben. Hinter vorgehaltener Hand hatte es geheißen, die Führungskräfte hätten für China spioniert, was die chinesische Regierung zu entschiedenem Widerspruch veranlasste.

Später stellt sich allerdings heraus, dass der Autobauer auf einen Betrüger aus der eigenen Sicherheitsabteilung hereingefallen war. Dieser hatte dem Konzern versichert, dass die ranghohen Mitarbeiter strategische Informationen über die Entwicklung von Elektroautos an die chinesische Konkurrenz weitergeben würden.

Für die Informationen, die sich später als falsch herausstellten, hat Renault nach Angaben der Staatsanwaltschaft mehr als 300.000 Euro bezahlt. Die Polizei nahm den Manager aus der Sicherheitsabteilung im März fest, als er sich nach Guinea absetzen wollte.

Französische Politiker forderten "Lehren aus dem schweren Versagen"

Die Anschuldigungen gegen drei Renault-Manager hatten zu deren fristloser Entlassung geführt. Die zu Unrecht Beschuldigten werden nun entschädigt. Eine prinzipielle Einigung sei bereits erzielt worden, teilte Renault am Montagabend mit.

Pélata werde bis zu seinem Ausscheiden bei Renault weiter das operative Geschäft führen, teilte der Autobauer nach einer außerordentlichen Verwaltungsratssitzung in Paris mit. Danach werde er eventuell andere Aufgaben in der gemeinsamen Allianz mit Nissan wahrnehmen.

Einen Nachfolger für den Manager präsentierte das französische Unternehmen zunächst nicht. Als Konsequenz aus der Affäre will sich Renault allerdings von weiteren Führungskräften trennen. Darunter sind Sicherheitschef Rémy Pagnie und der Leiter der Rechtsabteilung, Christian Husson.

Pélata arbeitet seit 1984 für den zweitgrößten französischen Autobauer nach PSA Peugeot Citroën. Seit 2008 ist er die Nummer zwei im Konzern nach Carlos Ghosn. Ghosn hatte sich bereits nach Bekanntwerden des Betrugs Mitte März bei den drei Managern entschuldigt. Seinen eigenen Rücktritt schloss er allerdings aus.

Hochrangige französische Politiker wie Industrieminister Eric Besson hatten zuletzt gefordert, "Lehren aus dem schweren Versagen" der Unternehmensleitung zu ziehen. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde sagte am Montagmorgen dem Rundfunksender France Inter: "Der Bericht zeigt, dass es offensichtliches Fehlverhalten gegeben hat." Der Staat hält bei Renault 15 Prozent der Anteile.

lgr/dpa/AFP

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