Auftritt von Fed-Chefin Yellen Mrs. Cool bändigt den Kongress

Seit Anfang des Monats ist sie im Amt, jetzt musste sich die neue Fed-Chefin Janet Yellen erstmals dem Kongress stellen. Die Republikaner versuchten, die Premiere zur Anklage gegen US-Präsident Obama zu stilisieren. Yellen ließ sie abblitzen.

Fed-Chefin Janet Yellen (im November 2013): Eiskalt pariert
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Fed-Chefin Janet Yellen (im November 2013): Eiskalt pariert

Von , New York


Janet Yellen weiß genau, wer ihr zuhört. Zum einen die Wall Street, die jedes Wort der neuen Fed-Chefin genau misst. Zum anderen der US-Kongress, in dem vor allem die Republikaner auf jede unvorsichtige Äußerung warten, um sie gegen Präsident Barack Obama einsetzen zu können.

Beide Zielgruppen behandelt die erste Lady an der Spitze der US-Notenbank identisch: Sie spricht, als säße sie Kleinkindern gegenüber.

Langsam, laut und monoton, jede Silbe gleichermaßen betonend, verliest Yellen am Dienstag ihr sechsseitiges Redemanuskript - ohne jegliche spontane Zusätze, wie sie sich selbst ihr Vorgänger Ben Bernanke ab und zu mal erlaubt hatte. Nur zwei Worte lässt sie weg, am Anfang ein "will", am Ende ein "the".

Nicht nur für Insider ist es ein amüsantes Schauspiel, das sich da im Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses abspielt: Zum ersten Mal, seit sie ihr Amt Anfang Februar antrat, stellt sich Yellen den Abgeordneten. "Schnallen Sie sich an, und halten Sie sich fest", warnt sie der Republikaner Bill Huizenga, ein erklärter Kritiker der Federal Reserve Bank, großspurig.

Doch sind es die Politiker, die sich anschnallen müssen: Eiskalt lässt die 67-jährige Ökonomin die Hitzköpfe abblitzen.

Yellen ist Mrs. Cool: Distinguiert und gewissenhaft beantwortet sie jede noch so nervige Frage, ohne Neues zu sagen - und ohne eine Gefühlsregung zu verraten. Dabei hätte sie dafür gute Gründe.

Höflicher Gegenschlag

Immer wieder versuchen die Republikaner - und ein paar Demokraten -, Yellen aus der Reserve zu locken. Das beginnt schon mit dem Ausschussvorsitzenden Jeb Hensarling, dessen Begrüßung ein langes Lamento ist über die "Millionen unserer arbeitslosen Mitbürger", über den "Aufschwung ohne Aufschwung", über die "494 Milliarden Dollar an neuen Regulierungskosten" und die - so findet er zumindest - "tiefgreifende Unsicherheit und den Pessimismus" im ganzen Lande.

So geht es gute drei Stunden lang. Die Abgeordneten kritisieren die "schlecht gemanagte" Geldpolitik der Fed, die den Schwellenländern schade, die "unverständliche Volcker-Regel", die neue Spekulationen der Großbanken verbietet, die anhaltende US-Arbeitslosigkeit, für die Yellen nicht haftbar ist. Sie graben uralte Reden Yellens aus, um sie gegen Obama anzuwenden, lassen plumpe Grafiken auf die Leinwand projizieren, um ihre Argumente zu stützen, drängen auf Antworten, Schlagworte, irgendetwas populistisch Geeignetes, mit dem sie in ihren Wahlkreisen punkten können. Schließlich sind im Herbst Kongresswahlen

Bei Yellen funktioniert es nicht. Seelenruhig hält sie den Rednern ihren eigenen Optimismus entgegen - und pariert die Kritik mit einem höflichen Gegenschlag, den sie sicherheitshalber gleich mehrfach wiederholt: Die jüngsten Aktionen der Fed entsprächen doch genau "den Zielen, mit denen uns der Kongress beauftragt hat".

Schließlich ist ihr das andere Publikum viel wichtiger - die Wall Street. Und der bietet Yellen, was sie am meisten braucht: Kontinuität.

Eben davon werde der "geldpolitische Ansatz" des Federal Open Market Committees (FOMC), des zins- und strategiesetzenden Fed-Gremiums also, geprägt sein, versichert Yellen: Sie unterstütze die noch unter Bernanke formulierte Linie, die US-Konjunkturhilfen über reduzierte Ankäufe von Staatsanleihen und Immobilienpapieren langsam zu drosseln.

Alles nach Plan

Daran würden auch die jüngsten, weniger erfreulichen Konjunkturdaten nichts ändern, fügt sie hinzu: Obwohl es da noch viel zu tun gebe und gerade der Aufschwung am Arbeitmarkt alles andere als komplett sei, habe es seit der Finanzkrise doch bedeutenden Fortschritt gegeben.

Das freut die Wall Street - aber die nörgelnden Abgeordneten weniger. Die verweisen lieber auf den anämischen US-Arbeitsmarkt und auf die wachsende Zahl von Amerikanern, die die Jobsuche inzwischen ganz aufgegeben haben.

Yellen bleibt standhaft: Zwar hätten sie die letzten Arbeitsmarktzahlen auch überrascht. Doch seien seit August 2012 allein 7,5 Millionen neue Jobs geschaffen worden. Und was die lustlosen Arbeitsuchenden angehe: Das Phänomen habe auch strukturelle Grunde, etwa das zunehmende Alter der Baby-Boomer-Generation. Mit anderen Worten: Nicht so schnell mit den einfachen Schlussfolgerungen.

Als der Ausschussvorsitzende Hensarling schließlich zur Mittagspause ruft, ist Yellens mit Spannung erwarteter Auftritt längst schon wieder aus den Top-Schlagzeilen verschwunden. Alles lief also nach Plan - für Yellen.

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