US-Notenbank hebt Leitzins an Mit einem Satz eine Ära beendet

Das am schlechtesten gehütete Geheimnis des Monats ist gelüftet: Die US-Notenbank erhöht den Leitzins, Fed-Chefin Yellen spricht vom Ende einer "außerordentlichen Periode". Ja, das stimmt - doch von Normalität kann noch längst keine Rede sein. Die Analyse.

Fed-Chefin Yellen: "Mit schrittweisen Anpassungen wird die wirtschaftliche Aktivität in moderatem Maß wachsen"
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Fed-Chefin Yellen: "Mit schrittweisen Anpassungen wird die wirtschaftliche Aktivität in moderatem Maß wachsen"

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Ein Satz bewegt die Welt. "Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve Bank", sagt Janet Yellen, "hat beschlossen, den Leitzins zu erhöhen."

Es ist der allererste Satz, den die US-Notenbankchefin ausspricht, als sie sich in Washington vor die Kameras setzt. Und für viele ist es der einzige Satz, der zählt: Endlich ist sie da, die lange erwartete US-Zinswende.

Die jüngste Banker-Generation, an der Wall Street wie anderswo, kennt die "Zeit davor" schon gar nicht mehr. Seit Dezember 2008 lag der US-Leitzins bei null - oder, um exakt zu sein: zwischen 0 und 0,25 Prozent. Zuletzt erhöht hatte die Fed die Zinsen vor fast zehn Jahren. Die Umkehr bedeutet zunächst zwar nur eine minimale Erhöhung (auf eine Spanne zwischen 0,25 und 0,50 Prozent) - doch Reaktionen kommen bereits aus aller Welt, die Folgen sind bereits zu spüren.

"Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik", freut sich David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Sie sei "längst überfällig" gewesen.

Dabei war es das am schlechtesten gehütete Geheimnis des Monats. Schon Anfang Dezember deutete Yellen vor dem US-Kongress an, in erfrischend verständlicher Sprache übrigens, dass sich die Konjunktur nunmehr soweit gefangen habe, um ohne Stützräder fahren zu können.

Wie die Nullzinspolitik der Fed funktionierte

Damit endet nicht nur die Ära der Nullzinsen. Sondern auch eine "außerordentliche Periode", wie es Yellen formuliert, in der sich die US-Notenbank gezwungen sah, ein verzweifeltes, bis dahin unerprobtes Experiment zu riskieren: Um die Weltwirtschaft aus dem Morast zu ziehen, pumpte sie Billigdollars ins globale Geldgebläse.

Mit durchwachsenen Resultaten: Weder führte das Wagnis zum endgültigen Kollaps, wie Kritiker orakelt hatten, noch zum erhofften Instant-Boom. Stattdessen erholte sich die US-Konjunktur nur hüstelnd, und die Fed, erst unter Ben Bernanke, dann unter Janet Yellen, erkannte die Grenzen ihrer Macht - und ihrer Glaubwürdigkeit.

Erstmals sah sie sich mit einem völlig ungewohnten Phänomen konfrontiert: Ohnmacht. Es war eine historische Sinnkrise für die Herren und die paar Damen von der US-Notenbank. "Eine Phase großer Ungewissheit und Unsicherheit für die Fed", gab Yellens Vorgänger Bernanke im "Wall Street Journal" zu.

Weshalb es nun doch nicht nur auf die reine Nachricht ankam, diesen einen, ersten Satz - sondern auf die Details: Wie genau würde die Zentralbank den delikaten Umschwung bewerkstelligen? Schließlich stecken hinter dem Schlagwort "Zinserhöhung" enorm komplexe und in diesem Fall ebenfalls noch unerprobte Mechanismen. (Hier finden Sie die Hintergründe, wie Zinsen sich auf die Wirtschaft auswirken.)

Wie die Fed ihre Geldpolitik macht

Normalerweise steuert die Fed die Zinsen, indem sie selbst über ihren Tradingdesk Schatzpapiere an- und verkauft. Doch das allein reicht nun nicht mehr, es könnte das nervöse System sogar aus dem Lot bringen. Stattdessen manipuliert die Fed die Leitzinsen diesmal lieber auch über den Preis, den sie den Banken für ihre Reserven berechnet - quasi eine gedämpfte Zinserhöhung durch die Hintertür.

Diesen Schongang offenbart auch das Statement, das die Fed dem mit Spannung erwarteten Auftritt Yellens voranschickt. Mit bemühtem Vokabular erklärt sie sich darin - und warnt, dass man weiter bremsen werde: Die Lage rechtfertigte erst mal "eine nur graduelle Anhebung". Yellen spricht von einer "bescheidenen", bewusst nicht "abrupten" Intervention: Langfristig würden die Zinsen künstlich niedrig bleiben.

Wie sich die neue Fed-Entscheidung auswirkt

"Der wirtschaftliche Aufschwung ist weit gekommen", sagt Yellen - doch sie fügt sofort hinzu: "Er ist weit davon entfernt, vollbracht zu sein." Sie nennt den US-Arbeitsmarkt, der ein "anhaltendes Wachstum" immer noch vermissen lasse, trotz annähernder Vollbeschäftigung. Anderswo gehe es besser voran, etwa in der Kfz-Branche: "Mit schrittweisen Anpassungen wird die wirtschaftliche Aktivität in moderatem Maß wachsen." Sprich: So schnell werden die Zinsen nicht weiter ansteigen.

Was heißt das nun in der Praxis? Schulden und Kredite werden theoretisch teurer. Für die Banken und - wenn auch nicht ganz so automatisch - für deren Kunden, auf die sie die Kosten abwälzen. Die dürften das aber frühestens Ende nächsten Jahres zu spüren bekommen, zum Beispiel bei Kreditkarten, Hypotheken, Autokrediten.

Weitreichender sind die globalen Folgen. Das US-Billiggeld führte ja auch dazu, dass sich vor allem Schwellenländer immer höher verschuldeten. Diese Rechnung wird nun schmerzhaft fällig werden.

Noch etwas droht: Bei ihrer Pressekonferenz beziffert Yellen die Chancen eines neuen, "unerwarteten Schocks" für die Konjunktur und, schlimmstenfalls, einer "neuen Rezession" auf "zehn Prozent". Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der Ökonomen, die das "Wall Street Journal" befragte, eine Prognose wagten: Spätestens in fünf Jahren würden die Zinsen wieder auf null sein.



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ericdbl 16.12.2015
1. Jetzt werden also wieder alle abgezockt
Ein ziemlich dummes Unterfangen, denn nicht nur wir alle werden jetzt wieder abgezockt, weil wir wohl aufgrund der Gier der Banker bald wieder überzogene Zinsen zahlen müssen, die vom Autokauf bis zur Miete auf alles durchschlagen. Auch Staaten werden für Anleihen wieder viele Milliarden pro Jahr mehr zahlen müssen. Deswegen ist die Anhebung mehr als dumm und schadet allen. Bis auf die Banker, die bald wieder höhere Boni erwarten.
langer_lars 16.12.2015
2.
die Spon trauert aber die Sparer können wieder hoffen.
stefan.martens.75 17.12.2015
3. Was bitte sind 0,25%?? Gar nichts!
Das ist ein Witz und dann auch noch mit der Ankündigung keine weiteren Schritte zu unternehmen. Es ist eine Kapitulation vor der Fantasie!
dunnhaupt 17.12.2015
4. Zinserhöhungen machen das Geldborgen teurer
So simpel ist das. Es bedeutet einfach, dass Hypotheken mehr kosten, daß Fabriken weniger investieren, und dass Staatsanleihen teurer werden. Denn außerhalb der Pleite-EU gibt es nämlich heute noch Staaten, die ihre Schulden stets pünktlich zurück zahlen.
schweizerbesserwisser 17.12.2015
5. Geduld
Wird noch einige Zeit vergehen, bis die Geldpoltik der FED nur schon neutral wird. 7 Jahre lang lagen die Fed Funds unterhalb der Inflationsrate (kumuliert 10%). Statt ultra lockere also nur noch seeehr lockere Geldpoltik. Neben den unveränder globalen Auswirkungen der US-Geldpolitik (Umschichtungen am Kapitalmarkt) tauchen jetzt am Horizont die vielen Unterlassungen seit der Finanzkrise wie Infrastruktur, Überschuldung des Staates bei mittelfristig ansteigenden Zinsen, blockierter Gesetzgebungsprozess u.v.a.m. wieder auf. Da kommt noch viel Arbeit auf die Amis zu und die werden, nach den bisherigen Erfahrung, einen Teil davon auf den Rest der Welt überwälzen. Nur meine Meinung. Gruss aus Zürich
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