Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geldpolitik: So verändert Amerikas Zinswende die Welt

Von

Börse in Chicago: historische Zinswende Zur Großansicht
AFP

Börse in Chicago: historische Zinswende

Es ist eine historische Entscheidung: Die US-Notenbank hat erstmals seit fast zehn Jahren den Leitzins erhöht, zu dem sich Banken Geld leihen können. Was bedeutet das für den Alltag in Europa?

Es ist nur ein kleiner Schritt, doch er wird große Folgen haben: Am Mittwochabend hat die US-Notenbank Fed den Leitzins leicht erhöht. Statt einer Bandbreite von 0 bis 0,25 Prozent gilt nun eine Spanne von 0,25 bis 0,5 Prozent.

Die Anhebung ist eine geldpolitische Zäsur: Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 hatten viele Notenbanken zentrale Zinssätze stark verringert, um die Weltwirtschaft mit billigem Geld zu stimulieren. Nun geht es, zumindest in den USA, wieder leicht nach oben. Was das für die Weltwirtschaft bedeutet, erklärt folgender Überblick.

Warum dreht die Federal Reserve an der Zinsschraube?

Weil eine Politik des billigen Geldes auf Dauer zu gefährlichen Spekulationsblasen führen kann. Sie verleitet Investoren und Verbraucher dazu, auf Pump hohe Risiken einzugehen. Somit musste die Fed irgendwann gegensteuern. Der Moment dafür scheint günstig: Die Arbeitslosenzahlen in den USA sind wieder auf das Niveau von vor der Finanzkrise gefallen, die Wirtschaft wächst vergleichsweise kräftig. Ultraniedrige Zinsen, die das Wachstum anschieben sollen, sind also nicht mehr nötig. Insofern ist die Zinsanhebung vor allem eine Normalisierung.

Wird Europas Notenbank bald nachziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihren Niedrigzinskurs fortsetzen - und hat ihn jüngst sogar noch verschärft. Den Leitzins hält sie ohnehin bei mickrigen 0,05 Prozent, zudem kauft sie jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden Euro, um auch die langfristigen Zinsen zu drücken. Dieses Anleihekaufprogramm hat sie gerade erst bis mindestens März 2017 verlängert. Mit den Maßnahmen will sie die Konjunktur anschieben und die Mini-Inflation im Euroraum nach oben treiben.

Experten fürchten, dass die EZB durch die Zinsanhebung in den USA nun sogar noch mehr tun muss, um die Zinsen in der Eurozone niedrig zu halten. "Die EZB könnte gezwungen sein, nochmals expansiver zu werden, um einen Zinsanstieg in der Eurozone zu verhindern", sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Was bedeutet die Zinswende für Europa?

Der gestiegene US-Zins dürfte sich für Verbraucher und Firmen vor allem über den Wechselkurs bemerkbar machen. Schon kurz nach der Entscheidung der Fed verlor der Euro Chart zeigen im Vergleich zum Dollar weiter an Wert. Damit dürfte sich ein langfristiger Trend fortsetzen. Denn wenn die Zinsen in den USA steigen, wird der Dollar für Anleger attraktiver. Das hat viele Folgen, unter anderem diese:

  • Ein stärkerer Dollar würde Importe aus dem Dollarraum verteuern; die Inflation in Europa könnte dadurch leicht steigen.
  • Die Benzinpreise dürften leicht zulegen, weil Rohöl in Dollar gehandelt wird.
  • Produkte aus Europa würden auf dem Weltmarkt günstiger. Das könnte die Exportwirtschaft der EU leicht stimulieren.
  • Urlauber müssten bei Reisen in die USA mit einem schlechteren Wechselkurs leben.

Ist Amerikas Niedrigzinsära wirklich zu Ende?

Nein, noch nicht. Der Leitzins ist historisch gesehen noch immer extrem niedrig. Und die Federal Reserve hat bereits gesagt, dass sie diesen zentralen Zinssatz nur behutsam anheben wird. Schreitet sie zu forsch voran, würde der Dollar zu schnell aufwerten. Amerikas Exporte würden dann einbrechen - und mit ihnen das US-Wachstum. Das wird die Fed nicht riskieren.

Was sind die Folgen für den Rest der Welt?

Das billige US-Geld hat sich über die ganze Welt ergossen. In vielen Ländern haben Unternehmen, Verbraucher, aber auch Staaten Schulden in der amerikanischen Währung aufgenommen, weil die Zinsen ja so lange so schön niedrig waren. Firmen in China halten Schätzungen zufolge ein Viertel ihrer Unternehmenskredite in Dollar, machen ihre Gewinne aber in Yuan. Weltweit lag die Dollarverschuldung außerhalb der USA laut Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Mitte 2015 bei 9,8 Billionen Dollar. Neben China sind vor allem in Malaysia, Indonesien, auf den Philippinen, in Mexiko, der Türkei, Chile und Südafrika die Schulden in US-Währung stark gestiegen.

Wenn der Dollar nun gegenüber anderen Währungen aufwertet, wird der Schuldendienst für Staaten und Firmen deutlich teurer. Hinzu kommt, dass Investoren Geld aus den Schwellenländern abziehen dürften, da durch die höheren Zinsen Anlagen in den USA wieder attraktiver werden.

Beides ist schädlich für die Schwellenländer. Und beides fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der Staaten wie Brasilien oder die Türkei wirtschaftlich ohnehin schwächeln.

Der Autor auf Facebook

Grafiken: Frank Kalinowski; mit Material von dpa-AFX

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. die Kirche
Jay45 17.12.2015
bitte im Dorf lassen. statt $0.25 gibt es jetzt 0.50 pro Jahr auf eine Einlage von $100
2. Alberned Theater um ein Viertelprozent
dunnhaupt 17.12.2015
0,25% Zinsen, und alles steht auf dem Kopf als ob es das Ende der Welt wäre. Niemand hat sich beschwert, als die Zinsrate um ein Viertelprozent fiel. Nun steht sie wieder genau wie vorher. Was ist daran so toll?
3. Es wird Zeit - Erster Schritt in die richtige Richtung
Heinzi Heinz 17.12.2015
Die Geldflut muss endlich mal ein Ende haben, gerade in Europe hat es mittlerweile groteske Züge angenommen. DIe EZB muss endlich umdenken und begreifen, dass die niedrige Inflation ölgetrieben ist und damit nicht gefährlich. Ich hoffe nur, dass auf die EZB langsam zur Vernunft kommt und die Zinsen wieder hebt auf ein normales Maß. Die Börsen feiern den Schritt als ein Anfang zur Rückkehr zur Normalität. Genauso wie sie Draghis Schritt abgestraft haben.
4. Symbolische Anhebung
dirk1962 17.12.2015
Ich denke diese Anhebung war marginal und mehr ein symbolischer Akt. Das er irgendwann kommen mußte war doch klar. Auch in Europa kann es nicht ewig weitergehen mit der Geldschwemme. Schließlich werden damit viele Mrd. an Spareinlagen und an Alterssicherung vernichtet, die später zumindest zum Teil durch höhere Sozialleistungen der Staaten ausgeglichen werden müssen.
5. Wünschenswerte ÄFolgen
Heinzi Heinz 17.12.2015
Ich zitiere aus dem Artikel: "Ein stärkerer Dollar würde Importe aus dem Dollarraum verteuern; die Inflation in Europa könnte dadurch leicht steigen. Die Benzinpreise dürften leicht zulegen, weil Rohöl in Dollar gehandelt wird. Produkte aus Europa würden auf dem Weltmarkt günstiger. Das könnte die Exportwirtschaft der EU leicht stimulieren. Urlauber müssten bei Reisen in die USA mit einem schlechteren Wechselkurs leben." Das ist dochh gut für uns: - EZB versucht krampfhaft dei Infaltionsrate zu steigern, das hilft also. - Das Öl föllt und fällt, durch den starken Doller wird der Verfall abgebremst, also fällt die Inflationsrate nicht mehr so stark - gut. - EU-Exporte werden stimuliert: sehr gut, vor allem für jene Länder mit extremer Arbeitslosigkeit. Sollte dort den Leuten und dem Haushalt helfen. - perfekt - Urlauber zahlen mehr - ok, negativ, einfach anderes Reiseziel wählen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die Aufgaben der Fed und der EZB
EZB
Der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) ist im EU-Vertrag festgelegt. Dort heißt es: "Das vorrangige Ziel der EZB ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten." Zugleich soll die Notenbank die allgemeine Wirtschaftspolitik des Währungsraums unterstützen - allerdings nur soweit, falls hierdurch nicht das Ziel stabiler Preise beeinträchtigt wird. Durch diese Formulierung wird dem Ziel stabiler Preise Vorrang gegenüber weiteren Zielen eingeräumt.
Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich. Eine Aufgabe, die gerade in Zeiten starker Turbulenzen an den Finanzmärkten besonders wichtig ist.
Fed
Die US-Notenbank Federal Reserve Banks ("Fed") sieht sich im Gegensatz zur EZB mehreren Aufgaben gegenübergestellt. Der "Federal Reserve Act" schreibt drei allgemeine Ziele vor: Demnach soll die Fed mit ihrer Geldpolitik sowohl eine "maximale Beschäftigung" als auch stabile Preise und langfristig moderate Zinsen gewährleisten. Ungeachtet der Tatsache, dass das Wachstumsziel in der Aufzählungsreihenfolge vor dem Ziel der Sicherung stabiler Preise rangiert, können sich aus diesem Zielkatalog Probleme ergeben. Wenn das Preisniveau in den USA anzieht und sich zugleich das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten abschwächt, kommt es zum Dilemma: Zur Sicherung der Preisstabilität müsste die Notenbank eigentlich die Leitzinsen anheben, angesichts der Wachstumsschwäche wären hingegen Zinssenkungen angebracht.
In der Vergangenheit hat die Fed im Zweifel dem Wachstumsziel eine höhere Bedeutung beigemessen als dem Ziel stabiler Preise.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: