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US-Zinsentscheid: Von null auf Schock?

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Händler an der New Yorker Börse: Höchste Zeit, dem Spuk ein Ende zu machen Zur Großansicht
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Händler an der New Yorker Börse: Höchste Zeit, dem Spuk ein Ende zu machen

Die Finanzwelt bangt. Erstmals seit neun Jahren könnte die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöhen. Homöopathisch zwar nur, doch der Schritt ist längst überfällig - die Folgen für die Weltwirtschaft könnten dramatisch sein.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In der Bibel war es die Geschichte mit dem Apfel, die dem Paradies ein Ende setzte. An den Finanzmärkten könnte es eine Notenbanksitzung in Washington sein. Sechseinhalb Jahre lang versorgte die amerikanische Federal Reserve (Fed) die Banken schier unbegrenzt mit Geld - und das zu Nullzinsen. Das Billiggeld stützte die Wirtschaft und ließ die Aktienmärkte in bisher ungekannte Höhen schießen. Doch jetzt könnte diese Ära der Niedrigzinsen zu Ende gehen.

Selten zuvor in der Geschichte hat die Finanzwelt so auf eine einzelne Entscheidung gewartet. Schon an diesem Mittwoch will die Fed-Spitze um Chefin Janet Yellen zusammenkommen, am Donnerstagabend mitteleuropäischer Zeit werden die Notenbanker ihr Urteil verkünden: Bleibt der Leitzins, zu dem sich amerikanische Banken bei der Fed Geld leihen können, auf seinem historischen Tief von 0 bis 0,25 Prozent? Oder trauen sich Yellen und Kollegen, den Satz zu erhöhen? Es wäre das erste Mal seit Juni 2006.

Die Notenbanken als Retter der Weltwirtschaft

Fed-Chefin Yellen: Risiken und Nebenwirkungen Zur Großansicht
DPA

Fed-Chefin Yellen: Risiken und Nebenwirkungen

Die vergangenen sieben Jahre hat die gesamte Finanzwelt im Krisenmodus verbracht. Spätestens seit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 ist nichts mehr, wie es vorher war. Und nur dem Eingreifen der großen Zentralbanken ist es zu verdanken, dass die Weltwirtschaft nicht vollends in der Depression versunken ist.

Ob Fed, Europäische Zentralbank (EZB) oder Bank of Japan - rund um den Globus drückten die Währungshüter die Zinsen im Eiltempo gen null. Sie überschütteten Banken und Märkte mit billigem Geld, um zu verhindern, dass die Finanzströme austrocknen, ohne die auch die Realwirtschaft nicht überleben kann.

Die Strategie war erfolgreich, die Katastrophe blieb aus. Doch wenn zu viel billiges Geld in der Welt unterwegs ist, hat das Nebenwirkungen. Man kann sie zum Beispiel an den Aktienkursen ablesen: Im Dezember 2008 senkte die Fed den Leitzins auf die aktuelle Nahe-null-Marke. Kurz darauf begann der Aufstieg an den Börsen. Bis zum Sommer 2015 legte der amerikanische Index S&P 500 um fast 70 Prozent zu (siehe Grafik).

Ist das nur der neuen Stärke der amerikanischen Unternehmen zu verdanken? Oder hat sich da eine Spekulationsblase aufgetan, weil die Investoren angesichts der Nullzinsen nicht wussten, wohin mit dem Geld? Und wenn Letzteres stimmt, wird es dann nicht langsam Zeit, den Spuk zu beenden?

Genau vor dieser Frage steht Fed-Chefin Yellen nun. Schaut man nur auf die amerikanische Wirtschaft, dann ist die Sache klar: Es besteht kein Grund mehr, die Zinsen so niedrig zu halten. Im Gegenteil: Sie müssten dringend steigen, um Kredite teurer zu machen und so einer Überhitzung der Wirtschaft vorzubeugen. Denn die läuft auf Hochtouren. Abzulesen ist das an der US-Arbeitslosenquote, die von zehn Prozent im September 2009 auf zuletzt 5,1 Prozent gesunken ist (siehe Grafik). Das bedeutet in den USA nahezu Vollbeschäftigung. Worauf also warten, Frau Yellen?

Leider ist die Sache dann doch nicht ganz so einfach. Die USA sind nicht allein auf der Welt, und anderswo läuft es nicht so gut. Eine Zinserhöhung, warnen Experten, hätte deshalb erhebliche Nebenwirkungen für die gesamte Weltwirtschaft:

  • Crash an den Finanzmärkten: Hat sich die Finanzwelt einmal an das ultrabillige Geld gewöhnt, ist es schwer, davon wieder Abschied zu nehmen. Durch steigende Zinsen würden neu ausgegebene Anleihen oder andere Zinspapiere an Attraktivität gewinnen. Aktien und bestehende Anleihen mit geringer Verzinsung würden dagegen vergleichsweise unattraktiver. Je nachdem, wie deutlich und wie überraschend der Zinsschritt ausfällt, könnte es zu panikartigen Verkäufen kommen.

  • Überteuerter Dollar: Wenn die Zinsen nur in den USA wieder stiegen, würden Anlagen in Dollar im Vergleich zum Euro und anderen Währungen attraktiver. Sehr wahrscheinlich würde also auch der Wechselkurs des Dollar steigen. Für die amerikanische Wirtschaft wäre das ein Nachteil. Ihre Exporte ins Ausland würden teurer. Der Aufschwung könnte schnell abgewürgt werden.

  • Absturz der Schwellenländer: Noch dramatischer als für die USA selbst könnte eine Zinserhöhung für Schwellenländer wie China, Brasilien oder die Türkei werden. Schon seit Mitte 2014 haben Investoren Schätzungen zufolge rund eine Billion Dollar aus den 19 größten Schwellenländern abgezogen. Sollten sie in den USA bald höhere Zinsen auf ihr Geld bekommen, dürfte sich dieser Trend weiter verstärken. Eine Folge wären abstürzende Währungs- und Aktienkurse - einen Vorgeschmack darauf gab es bereits in den vergangenen Wochen, als die Börsen in China abstürzten und Währungen wie der brasilianische Real oder die türkische Lira drastisch an Wert verloren.

Der Geldabfluss aus den Schwellenländern könnte besonders böse enden, weil sich in einigen dieser Staaten Unternehmen und Verbraucher in den Boom-Jahren stark verschuldet haben. In China etwa haben sich die Kredite an den Privatsektor seit Anfang 2006 mehr als verfünffacht (in Dollar umgerechnet). Selbst im Verhältnis zur stark gestiegenen Wirtschaftsleistung hat sich das Kreditvolumen immer noch um gut 50 Prozent erhöht (siehe Grafik). Auch in Brasilien, der Türkei oder Singapur ist der Verschuldungsgrad des privaten Sektors bedenklich gestiegen.

Hinzu kommt, dass ein Gutteil dieser Kredite in Dollar vergeben wurde. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist das Volumen der Dollar-Kredite außerhalb der USA zuletzt auf 9,6 Billionen Dollar angeschwollen - ein Plus von mehr als 50 Prozent seit Anfang 2009. Sollte der Dollarkurs nun steigen und die Währungen der Schwellenländer abstürzen, dürfte es für die Schuldner dort immer schwerer werden, das Geld jemals zurückzuzahlen. Schließlich wird ihre Schuldenlast - in der eigenen Währung gerechnet - immer größer.

Es ist vor allem dieser Schuldeneffekt auf die Schwellenländer, der eine Zinserhöhung in den USA derzeit für viele Experten so gefährlich macht. Nicht nur die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben deshalb in den vergangenen Wochen Alarm geschlagen und die Fed angefleht, mit der Zinserhöhung doch noch bis 2016 zu warten. Auch Ökonomen wie der frühere Obama-Berater Larry Summers schreiben leidenschaftlich gegen eine zu frühe Zinserhöhung an: Die Fed laufe Gefahr, einen "katastrophalen Fehler" zu begehen, meint Summers.

Nimmt Yellen dieses Risiko in Kauf? Eine Mehrheit der Finanzanalysten rechnet mittlerweile damit, dass sich die Fed-Chefin noch etwas mehr Zeit lassen wird. Doch auch diese Hoffnung ist potenziell gefährlich: Denn umso größer dürfte der Überraschungseffekt auf die Finanzmärkte sein, wenn Yellen doch schon am Donnerstag handelt.

Zusammengefasst: Die US-Notenbank Fed könnte an diesem Donnerstag erstmals seit neun Jahren den Leitzins erhöhen. Die Wirtschaftsdaten in den USA gäben den Notenbankern allen Grund dazu: Die Konjunktur brummt, die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Doch Fed-Chefin Janet Yellen muss auch die Nebenwirkungen auf die Weltwirtschaft bedenken - und die könnten dramatisch ausfallen.

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insgesamt 92 Beiträge
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1.
mowlwrf 16.09.2015
Man kann den Weltuntergang auch herbeireden. Wobei die Erde wird sich weiterdrehen
2. letzendlich ...
snigger 16.09.2015
wird die FED chefin nur das wohl des eigenen landes wichtig sein. da der dollar welt-leit-währung ist ... werden die andren nach deren pfeife tanzen müssen. ergo: ich rechne mit einem anstieg.
3. Mir reicht schon zu lesen,
Banause_1971 16.09.2015
dass die Notenbanken als Retter der Weltwirtschaft gefeiert werden. Man vergisst dabei leider, dass die Notenbanken nichts anderes machen, als das Geld der Sparer zu entwerten, und es den Spekulanten und Kreditnehmern in den Rachen zu werfen. Die Depression ist lediglich in die Zukunft verlagert worden, und der nächste Crash wird umso heftiger sein. Dann werden auch die jetztigen "Mittel" des billigen Geldes nicht mehr greifen. Schon jetzt sind Aktienkurse nur ein Ausdruck für das "zu viel" an Geld auf dem Markt.
4. Nachfolgefinanzierung!
unixv 16.09.2015
War ja klar! Alle = Firmengründer, Häuslebauer, Landwirte, Firmenbesitzer die sich in das Wagnis : Niedrigzins wagten, bekommen demnächst in diesem Kino ...... der Absturz, weil ..... nicht damit gerechnet! Was ist mit unseren Lebensversicherungen? Die SPD hat ja fleißig daran gearbeitet auch das beste .. für alle Versicherungen zu machen, huch, den Bürger auch dort mal wieder ... vergessen? Egal was kommt, der Bürger ist seit fast 15J nur noch der Geleimte!
5. Leids und Lloyds, noch eine Woche zum big bang !!
13wahlstratege 16.09.2015
Da werden sich selbst überschätzende US-amerikanische Träumer an den allflällig hofierten Börsen nicht mehr darüber hinwegsetzen können. Die Diagramme zeigen eine eindeutige Sprache denen, die noch versuchen werden, was zu retten, was nicht mehr geht. Die Energieverschwender weltweit, sie kamen einfach nicht mehr auf die Lampen, denen sie es verdanken, weniger im Dunkeln zu stehen, als allen, die schon im Dunkeln von Geburt an standen. Billiges Geld zur Finanzierung von ertragreichen Papieren, die Rechnung wird nicht mehr aufgehen. Am 23. September 2015 ist Schluß mit lustig.
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