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15. September 2014, 11:50 Uhr

Netflix, Amazon und Co.

Die Neuerfindung Hollywoods

Eine Multimedia-Serie aus Los Angeles von

Netflix und Amazon greifen nach der Macht in der TV-Industrie. Sie vermessen den Zuschauer - und manipulieren seine Sehgewohnheiten. Besuch bei Pionieren des Internetfernsehens.

Der Tag, an dem er den Glauben an das Fernsehen verlor, liegt jetzt fast zehn Jahre zurück. Seit Generationen war die Familie von Roy Price im TV-Geschäft. Sein Großvater Roy Huggins war eine Branchenlegende, sein Vater einst Fernsehchef von Universal. Price selbst entwickelte zunächst Serien für Disney, "Hercules", "Mickys Clubhouse", solche Dinge. Doch dann, an jenem Tag vor zehn Jahren, kamen ihm Zweifel.

Nach Hause kommen, den Fernseher anschalten und mitten in einer Sendung sein, die man nicht mag - das wird bald niemand mehr wollen. Er glaubte, das Internet würde die Art, wie wir fernsehen, völlig verändern. Also kündigte er und ging zu einem Internetkonzern.

Es war das Jahr 2005. Über einer Pizzeria im kalifornischen San Mateo startete eine Videoplattform namens YouTube. Und Price wurde TV-Manager bei Amazon . Bald konnten Kunden Filme und Serien auf der Website des Onlineversandhauses sehen, und Computer begannen mit der Vermessung der Zuschauer.

Die Nutzerzahlen kletterten, weitere Internetfirmen stiegen ins Geschäft mit den Onlinevideos ein, und Price wurde TV-Boss von Amazon. Heute verfügt er über Hunderte Millionen Euro, gibt Serienproduktionen in Auftrag und predigt, wo er kann, die TV-Revolution: "Der Fernseher wird bald wissen, in welcher Stimmung ich bin", sagt Price. "Wenn ich nach Hause komme, wird er dazu passende Shows vorschlagen." Die vergangenen zehn Jahre - sie waren, wenn man Price so reden hört, nur der Anfang.

"Der Fernseher wird bald wissen, in welcher Stimmung ich bin"

Es wird viel über den Tod der großen Zeitungsverlage diskutiert. Beim Fernsehen sind die Prognosen optimistischer. Analysten erwarten, dass die TV-Werbeeinnahmen noch bis 2018 steigen. So schlecht könne es der Branche nicht gehen, folgern TV-Manager daraus. Doch sie könnten sich ebenso irren wie einst die Verlagsmanager. Auch sie wollten lange nicht sehen, dass ihr zentrales Geschäftsmodell allmählich überholt wird.

Die TV-Sender profitieren vor allem davon, dass die Menschen immer älter werden und im hohen Alter besonders viel fernsehen. Jüngere Zuschauer indes wenden sich vom traditionellen TV-Programm ab.

Die Sehgewohnheiten verändern sich grundlegend, Internetkonzerne können die Bedürfnisse der Zuschauer inzwischen oft besser bedienen als die klassischen TV-Sender. Regisseure, Schauspieler und TV-Manager laufen zu ihnen über, Investoren und Werbekunden schichten ihr Geld um. Die TV-Sender haben keine gute Strategie, um darauf zu reagieren. Sie drohen den Anschluss gegenüber der aggressiven, schnell wachsenden Internetkonkurrenz zu verlieren. Und damit die Hoheit über das Leitmedium Fernsehen.

Wie fundamental sich die TV-Branche wandelt, ist vor allem an einem Ort zu beobachten: in Los Angeles, der Stadt, in der in den Fünfzigern die TV-Industrie erblühte, und in der sie sich nun, rund 60 Jahre später, neu erfindet.

In Hollywood bucht inzwischen Amazon große Filmstudios. YouTube betreibt im Westen der Stadt gar ein eigenes. Die Surferparadiese Venice und Santa Monica werden inzwischen "Silicon Beach" genannt, weil dort Hunderte Start-ups vom Boom der Onlinevideos zu profitieren versuchen. Und TV-Sender wie ProSiebenSat.1 exportieren deutsche YouTube-Stars nach Hollywood, in der Hoffnung, mehr junge Zuschauer zu erreichen.

In den kommenden Tagen können Sie diese neue Medienwelt auf SPIEGEL ONLINE entdecken. Eine Multimedia-Serie über den Umbruch der vielleicht einflussreichsten Branche der Welt - und eine ganz normale Woche in Hollywood im Sommer 2014.


Producing: Michael Niestedt; Videoschnitt: Anne Martin; Videodreh Berlin: Janita Hämäläinen; Dokumentation: Thomas Riedel; Schlussredaktion: Benjamin Moldenhauer; Koordination: Jule Lutteroth

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