Netflix, Amazon und Co. Die Neuerfindung Hollywoods

Netflix und Amazon greifen nach der Macht in der TV-Industrie. Sie vermessen den Zuschauer - und manipulieren seine Sehgewohnheiten. Besuch bei Pionieren des Internetfernsehens.

Eine Multimedia-Serie aus Los Angeles von


Corbis

Der Tag, an dem er den Glauben an das Fernsehen verlor, liegt jetzt fast zehn Jahre zurück. Seit Generationen war die Familie von Roy Price im TV-Geschäft. Sein Großvater Roy Huggins war eine Branchenlegende, sein Vater einst Fernsehchef von Universal. Price selbst entwickelte zunächst Serien für Disney, "Hercules", "Mickys Clubhouse", solche Dinge. Doch dann, an jenem Tag vor zehn Jahren, kamen ihm Zweifel.

Nach Hause kommen, den Fernseher anschalten und mitten in einer Sendung sein, die man nicht mag - das wird bald niemand mehr wollen. Er glaubte, das Internet würde die Art, wie wir fernsehen, völlig verändern. Also kündigte er und ging zu einem Internetkonzern.

Es war das Jahr 2005. Über einer Pizzeria im kalifornischen San Mateo startete eine Videoplattform namens YouTube. Und Price wurde TV-Manager bei Amazon Chart zeigen. Bald konnten Kunden Filme und Serien auf der Website des Onlineversandhauses sehen, und Computer begannen mit der Vermessung der Zuschauer.

Amazon-Manager Price
Getty Images

Amazon-Manager Price

Die Nutzerzahlen kletterten, weitere Internetfirmen stiegen ins Geschäft mit den Onlinevideos ein, und Price wurde TV-Boss von Amazon. Heute verfügt er über Hunderte Millionen Euro, gibt Serienproduktionen in Auftrag und predigt, wo er kann, die TV-Revolution: "Der Fernseher wird bald wissen, in welcher Stimmung ich bin", sagt Price. "Wenn ich nach Hause komme, wird er dazu passende Shows vorschlagen." Die vergangenen zehn Jahre - sie waren, wenn man Price so reden hört, nur der Anfang.

"Der Fernseher wird bald wissen, in welcher Stimmung ich bin"

Es wird viel über den Tod der großen Zeitungsverlage diskutiert. Beim Fernsehen sind die Prognosen optimistischer. Analysten erwarten, dass die TV-Werbeeinnahmen noch bis 2018 steigen. So schlecht könne es der Branche nicht gehen, folgern TV-Manager daraus. Doch sie könnten sich ebenso irren wie einst die Verlagsmanager. Auch sie wollten lange nicht sehen, dass ihr zentrales Geschäftsmodell allmählich überholt wird.

Die TV-Sender profitieren vor allem davon, dass die Menschen immer älter werden und im hohen Alter besonders viel fernsehen. Jüngere Zuschauer indes wenden sich vom traditionellen TV-Programm ab.

  • Im vergangenen Jahr sahen die 14- bis 29-jährigen Deutschen 128 Minuten pro Tag fern, zehn Prozent weniger als 2010. Dafür schauten sie knapp eine halbe Stunde pro Tag Videos im Internet, vor allem auf YouTube.
  • Die 14- bis 19-Jährigen schauten noch 92 Minuten fern, 15 Prozent weniger als 2010.
  • Millionen Zuschauer haben sich inzwischen bei Onlinevideotheken von Amazon und Co registriert. Bei US-Kunden des Marktführers Netflix ist der TV-Konsum laut einer Studie um bis zu elf Prozent gesunken.

Die Sehgewohnheiten verändern sich grundlegend, Internetkonzerne können die Bedürfnisse der Zuschauer inzwischen oft besser bedienen als die klassischen TV-Sender. Regisseure, Schauspieler und TV-Manager laufen zu ihnen über, Investoren und Werbekunden schichten ihr Geld um. Die TV-Sender haben keine gute Strategie, um darauf zu reagieren. Sie drohen den Anschluss gegenüber der aggressiven, schnell wachsenden Internetkonkurrenz zu verlieren. Und damit die Hoheit über das Leitmedium Fernsehen.

Wie fundamental sich die TV-Branche wandelt, ist vor allem an einem Ort zu beobachten: in Los Angeles, der Stadt, in der in den Fünfzigern die TV-Industrie erblühte, und in der sie sich nun, rund 60 Jahre später, neu erfindet.

In Hollywood bucht inzwischen Amazon große Filmstudios. YouTube betreibt im Westen der Stadt gar ein eigenes. Die Surferparadiese Venice und Santa Monica werden inzwischen "Silicon Beach" genannt, weil dort Hunderte Start-ups vom Boom der Onlinevideos zu profitieren versuchen. Und TV-Sender wie ProSiebenSat.1 Chart zeigen exportieren deutsche YouTube-Stars nach Hollywood, in der Hoffnung, mehr junge Zuschauer zu erreichen.

In den kommenden Tagen können Sie diese neue Medienwelt auf SPIEGEL ONLINE entdecken. Eine Multimedia-Serie über den Umbruch der vielleicht einflussreichsten Branche der Welt - und eine ganz normale Woche in Hollywood im Sommer 2014.

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Producing: Michael Niestedt; Videoschnitt: Anne Martin; Videodreh Berlin: Janita Hämäläinen; Dokumentation: Thomas Riedel; Schlussredaktion: Benjamin Moldenhauer; Koordination: Jule Lutteroth

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 15.09.2014
1.
"Der Fernseher wird bald wissen, in welcher Stimmung ich bin" Da bin ich aber mal gespannt wie mein Röhrenfernseher Baujahr 1999 das machen wird.
mongolord 15.09.2014
2. Das klassische Fernsehen ist tot
Nicht anders sieht es aus. Jüngere Menschen wachsen heute ganz selbstverständlich mit dem Internet auf und sehen dort, das man selbst bestimmten kann was man wann sieht. Dazu kommt der interaktive Aspekt: Jeder kann selbst Filme und Formate erstellen oder Streamen oder auch nur per Kommentare oder Chats direkt mit seinen Formaten und "Idolen" interagieren. Das Themenspektrum ist immens breit, zu allem gibt es im Internet irgendwelche Formate. Das klassische Fernsehen hingegen sendet nur zu bestimmten Zeiten bestimmte Dinge, man muss also sein Leben nach dem Angebot richten. Wird dazu noch mit Werbung und steinzeitlich anmutenden Sendungen traktiert. Die Castingshows der Privaten will keiner mehr sehen und die Serien und Blockbuster kann man schon lange bei Streamingdiensten bekommen, und zwar wann ich es will und ohne Werbung und oft auch noch früher. Viele gute Serien schaffen es sowieso nie ins Fernsehen, geschweige denn welche im Originalton. Komme damit zum Fazit, dass die werberelevante Gruppe immer weniger klassisches Fernsehen konsumieren wird. Übrig bleiben Senioren die durch ihr meist technisches Nichtwissen, am Internet nicht teilhaben wollen und können. Für mich haben höchstens noch manche guten Dokus und Reportagen und Sportübertragungen irgend ein Nutzwert, alles andere ist eh uninteressant oder bekomm ich woanders besser und flexibler.
inmado 15.09.2014
3. Ich will nicht vermessen werden
Und die die Vorstellung, das mein Fernseher "weiß", in welcher Stimmung ich bin, ist für mich eine Horror-Vorstellung. NEIN DANKE.
bssh 15.09.2014
4. Gruselige Vorstellung!
Mein Fernseher soll also wissen, in welcher Stimmung ich bin und mir Sendungen vorschlagen. Das würde ich niemals akzeptieren! Zum einen lasse ich mich doch nicht von so einem Gerät ausspionieren, damit das Ding meine Gewohnheiten und meinen Geschmack kennt. Die Auswahl ist zwar groß, aber so groß nun auch wieder nicht, dass ich sie nicht durchschauen kann. Lasse ich die ganzen Doof-Sender weg, also RTL, Sat1 usw, dann wird es schon überschaubarer, und dann noch all die Shows und Quizz-Sendungen weg, dann ist es einfach. Sendungen per Internet: damit brauche ich mich erst beschäftigen, wenn ich schnelles Internet bekomme, und das dürfte noch dauern, auch wenn Frau Merkel das schon seit vielen Jahren verspricht, aber leider tut sie eben nichts dafür.So hat mein Fernseher zwar Internet-Anschluss, aber er ist nicht daran angeschlossen, kann also nirgendwo hin melden, was ich wann wo sehe. Kamera hat er auch nicht. Nun wüsste ich gerne, wie der meine Stimmung erkennen sollte, und wie er mir etwas vorschlagen sollte ;-) Mag sein, dass es Leute gibt, die sowas wollen, aber mich erinnert das eher an den ewigen Kühlschrank mit Internetanschluss, der Sachen alleine bestellen soll, die keiner will. Das wird auch schon seit vielen jahren propagiert, kommt aber natürlich nicht. Und von dem sogenannten interaktiven Fernsehen halte ich nichts. Die meisten Leute wollen sich berieseln lassen, andere wie ich eher informieren, aber einen Rückkanal brauchen beide nicht.
Nepheron 15.09.2014
5.
Ich gehöre zur Altersgruppe 30-49 und schaue nicht mal in der Woche 217 Minuten TV. Und wenn ich dann an die Zwangsabgabe der GEZ für ihre "Sommerfeste der Volksmusik", Fernsehgarten und zig Seifenopern denke, wird mir schlecht. Lieber hole ich mir eine Serie oder einen Film bei Amazon, ohne Werbung und mit Pausen, wann ich will. Das kostet mich dann zwar auch was, aber da darf ich noch selbst bestimmen, was ich mir für mein Geld kaufe.
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