Fernverbindungen Freie Bahn für freie Busse

Ein Drei-Mann-Busunternehmen hat die Deutsche Bahn besiegt - und das ist nur der Anfang: Vergeblich kämpft der Staatskonzern gegen die Liberalisierung des Fernverkehrs. Die Bus-Branche frohlockt: Im hochindustrialisierten Deutschland werde eine neue Verkehrsform eingeführt.

Vier-Sterne-Bus der Deutschen Touring: Sieg gegen die Bahn
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Vier-Sterne-Bus der Deutschen Touring: Sieg gegen die Bahn

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Hamburg - Die Deutsche Touring ist ein Busunternehmen mit über 60-jähriger Geschichte, das jährlich rund 1,5 Millionen Passagiere transportiert. Das Start-up Yourbus ist drei Jahre alt und vermittelt bislang ein paar hundert Menschen im Monat eine passende Busverbindung. Dennoch hat Michael Svedek, Leiter des operativen Geschäfts der Deutschen Touring, Respekt vor den Yourbus-Gründern. "Ich finde das klasse", sagt er über einen Sieg, den die kleine Firma vor Gericht gegen den großen Staatskonzern davontrug. "Die Jungs waren sehr clever."

Svedek spricht als Leidensgenosse. So wie Yourbus kämpft auch die Deutsche Touring seit Jahren mit der Deutschen Bahn. Es geht um die Frage, ob Busunternehmen innerhalb von Deutschland Fernverbindungen anbieten dürfen. Die Deutsche Bahn lehnt das ab und verweist auf ein Gesetz von 1934, das ihr auf Fernstrecken innerhalb Deutschlands ein Quasi-Monopol zubilligt.

Doch die Bahn kämpft ein Rückzugsgefecht, das zeigt nicht nur der Erfolg von Yourbus. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag die Liberalisierung des Busfernlinienverkehrs angekündigt. Ende Mai werde der entsprechende Gesetzentwurf im Kabinett behandelt, heißt es aus dem Verkehrsministerium.

Damit würde in Deutschland endlich möglich, was in vielen anderen Ländern längst Standard ist. So kam einer der Yourbus-Gründer auf die Geschäftsidee, weil er als Austauschstudent Spanien per Bus kennengelernt hatte. Auch in Nord- und Südamerika sind Fernbusverbindungen weitverbreitet - dort gibt es sogar besonders komfortable Linien mit Snacks, Filmprogramm und Erste-Klasse-Komfort.

Für Busse als Bahn-Alternative spricht nicht nur, dass ihre CO2-Bilanz ähnlich gut ist wie die der Bahn. Auch der Preis ist attraktiv: Laut einer Studie von Stiftung Warentest ist die Verbindung Berlin-Dresden mit dem Bus um 22 Euro günstiger. Auf der Strecke Berlin-Hamburg sparen Busfahrer gegenüber der ICE-Fahrt sogar 43 Euro. Die wenigen bislang erlaubten Fernbusverbindungen gehen fast alle in die Hauptstadt - ein Relikt aus kommunistischen Zeiten, als Westberlin auch unabhängig von der DDR-Reichsbahn erreichbar sein sollte.

Im vergangenen Jahr versuchte die Deutsche Touring schon einmal, das Angebot zu erweitern. Sie wollte viermal täglich die Strecke Frankfurt-Köln-Dortmund anbieten - und stritt sich mit der Bahn bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Zwar gaben die Richter dem Busanbieter am Ende Recht, doch laut Svedek sprachen sie ein "klassisches Ja-aber-Urteil". Demnach hatte die Bahn nicht ausreichend Gelegenheit bekommen, für die Strecke selbst günstige Tickets anzubieten.

"Wir wüssten gerne, woran wir sind"

Die Deutsche Touring hat noch einmal Einspruch eingelegt, doch nur der Form halber. Schließlich ist die Liberalisierung des Marktes angeblich nur noch ein Frage von Monaten. Noch ist allerdings unklar, wie weit die Regierung den Markt öffnen will. "Wir wüssten gerne, woran wir sind", sagt Svedeck, "damit wir loslegen können."

Offen ist unter anderem, wie stark nach der Reform noch der mit Steuern subventionierte Öffentliche Personennahverkehr geschützt wird. Laut Verkehrsministerium soll verhindert werden "dass eine Busfernlinie zwar als Fernverkehr deklariert ist, wirtschaftlich aber darauf ausgerichtet ist, Strecken im Nahverkehrsbereich zu bedienen". Mit diesem Argument könnte die Bahn allerdings gegen viele Fernverbindungen klagen, weil diese theoretisch auch für kürzere Strecken genutzt werden könnten.

Weitere Rechtsstreitigkeiten sind auch deshalb zu erwarten, weil die Bahn selbst Interesse am neuen Markt hat. Mit ihrer Tochter Berlin Linienbus (BLB) ist sie schon jetzt Deutschlands größter Anbieter von Fernbuslinien - und sieht offenbar Wachstumspotential: Laut einer Studie der TU Dresden könnte der Busanteil im Fernverkehr auf bis zu 25 Prozent und ein Gesamtvolumen von fünf Milliarden Euro steigen.

Touring-Manager Svedek kommentiert solche Prognosen zurückhaltend, er hält "ein paar hundert Millionen" für realistisch. Vorher sei aber noch viel Aufklärungsarbeit notwendig, schließlich seien Fernbusse als Alternative zu Zug oder Flugzeug bislang kaum bekannt. "2011 wird in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland noch einmal eine neue Verkehrsform eingeführt."



insgesamt 109 Beiträge
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heinerz 20.04.2011
1. südamerika?
Zitat von sysopEin Drei-Mann-Bus-Unternehmen hat die Deutsche Bahn besiegt - und das ist nur der Anfang: Vergeblich kämpft der Staatskonzern gegen die Liberalisierung des Fernverkehrs. Die Bus-Branche frohlockt: Im hochindustrialisierten Deutschland werde eine neue Verkehrsform eingeführt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,758307,00.html
Na klar, man misst sich ja gerne mit den fortgeschrittensten Ländern...
Tabris2011 20.04.2011
2. überall
seit 15 jahren fahre ich während meines urlaub in portugal durchweg mit den bus (faro - lissabon -porto). es ist halt der standard, denn ein ausgedehntes zugverkehr kann sich auch nicht jedes land leisten. in deutschland fahr ich jedes jahr die strecke berlin-hamburg. also ich finde es gut, wenn der fernbus-verkehr ausgebaut wird - denn die konkurrenz (zur bahn) belebt das geschäft (senkt die preise).
anon11 20.04.2011
3. .
Zitat von sysopEin Drei-Mann-Bus-Unternehmen hat die Deutsche Bahn besiegt - und das ist nur der Anfang: Vergeblich kämpft der Staatskonzern gegen die Liberalisierung des Fernverkehrs. Die Bus-Branche frohlockt: Im hochindustrialisierten Deutschland werde eine neue Verkehrsform eingeführt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,758307,00.html
Auf den lukrativen Bahn-Strecken zwischen Großstädten werden sich immer 10 Leute finden welche diese Strecke fahren möchten. Der Preis der Bahn wird sich also auf den Hauptstrecken bald mit dem Buspreis messen lassen müssen.
derlabbecker 20.04.2011
4. na super..
.... dann baut mal gleich an alle Autobahnen in Deutschland ne 4. Spur..... die Rechte ist eh mit LKW dicht, die mittlere teilweise auch durch Elefanenrennen, dazu nun noch die Busse die 100 fahren dürfen und somit die LKW die ganze Zeit überholen.... bliebe für die PKW nur noch die linke Spur... und wo bitte soll man dann noch die Leute überholen die von der Linken nicht mehr nach rechts fahren, weil da alle 200 m ein Bus ist? Klasse... das haben wir gebraucht!
jboese2, 20.04.2011
5. Grossartig
Zitat von sysopEin Drei-Mann-Bus-Unternehmen hat die Deutsche Bahn besiegt - und das ist nur der Anfang: Vergeblich kämpft der Staatskonzern gegen die Liberalisierung des Fernverkehrs. Die Bus-Branche frohlockt: Im hochindustrialisierten Deutschland werde eine neue Verkehrsform eingeführt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,758307,00.html
Na, genau das was wir brauchen: noch mehr dicke Brummer auf den Strassen. Busnetze machen in Ländern mit schlechter Bahnstruktur durchaus Sinn, aber in Deutschland? Abgesehen davon, dass jeder Euro weniger, die die Bahn als Staatsbetrieb einnimmt, der Verlust aller Bürger ist, die Umsätze eines privaten Busunternehmens der Gewinn weniger Investoren.
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