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Finanzdeals des Gaddafi-Regimes: Wie die Wall Street Libyens Machthaber umgarnte

Von , New York

US-Finanzgrößen feierten Partys in der libyschen Wüste, schickten Tony Blair als Verhandler: Seit George Bushs Tagen buhlte die Wall Street um Gaddafis Ölgelder - und sicherte sich milliardenschwere Aufträge. Erst jetzt wird klar, wie weit die Geldhäuser dem wirren Despoten entgegenkamen.

Despot Gaddafi: Pilgertrupps aus New York Zur Großansicht
REUTERS

Despot Gaddafi: Pilgertrupps aus New York

Im Juni 2010 landete ein Charterjet auf dem VIP-Flughafen Mitiga östlich der libyschen Hauptstadt Tripolis. Wie eine "gut platzierte Quelle" dem US-Magazin "Vanity Fair" sagte, brachte eine Limousine den Passagier erst zu einem Minister, um "private Dinge" zu besprechen. "Dann fuhr er direkt zu Gaddafi."

Der Passagier war dem Bericht zufolge Tony Blair, der Muammar al-Gaddafi schon zu Amtszeiten als Premier Großbritanniens stets hofiert hatte. Seit seinem Abschied aus der Downing Street dient Blair der Privatwirtschaft. Einer seiner Arbeitgeber: die Wall-Street-Großbank JPMorgan Chase.

Bei seinem Libyen-Besuch im vorigen Sommer - angeblich einem von vielen seit seinem Rücktritt drei Jahre zuvor - nächtigte Blair nach "Vanity Fair"-Recherchen in der Residenz des britischen Botschafters. Er habe Gaddafi über die Linie des neuen Premierministers David Cameron informiert, sei aber auch "zumindest teilweise im Namen der Bank" aufgetreten.

Tatsächlich soll JPMorgan Chase bis vor kurzem enge finanzielle Kontakte zu Gaddafi unterhalten haben. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer US-Medien managte Amerikas zweitgrößte Geschäfts- und Investmentbank Abermillionen Dollar aus den Beständen des libyschen Staatsfonds Libyan Investment Authority (LIA).

"JPMorgan verwaltet einen Teil der LIA-Einlagen und Teile der libyschen Zentralbank-Reserven", schreibt "Vanity Fair" unter Berufung auf US-Banker. Wie die "Huffington Post" ergänzend meldet, besteht die JPMorgan-Verbindung seit 2008 - dem selben Jahr, als Blair bei der Bank als Berater für "globale politische und strategische Fragen" anheuerte, zum Jahressalär von rund einer Million Dollar.

Das bringt nun beide in die Bredouille, Blair wie die Bank - und nicht nur sie. Ende Februar ließ US-Präsident Barack Obama alle Einlagen der Gaddafi-Familie bei US-Banken und Institutionen einfrieren, einschließlich der LIA-Gelder. Nach Angaben des zuständigen US-Finanzstaatssekretärs David Cohen handelt es sich um insgesamt mindestens 30 Milliarden Dollar - die größte derartige Kontensanktion in der US-Geschichte.

Das Finanzministerium schweigt sich darüber aus, bei welchen US-Banken die Libyen-Gelder ruhen. Die LIA hält ihre Händel ihrerseits weitgehend geheim. Deshalb sind Informationen über den Umfang der US-Einlagen bisher nur dürr.

Lunch an der Park Avenue

Nach Recherchen der "New York Times" und der "Huffington Post" betrifft die Sperrung aber nicht nur JPMorgan Chase, sondern auch andere Finanzgrößen, etwa Goldman Sachs, Citigroup und den New Yorker Private-Equity-Giganten Carlyle.

Vor allem LIA-Vizechef Mustafa Zarti sei von der Wall Street begeistert gewesen, schreibt die "New York Times": "Banker, die mit Zarti zu tun hatten, berichten, dass er sich für einen tollen Geschäftsmann hielt - sehr angetan von schillernden Wall-Street-Namen wie Goldman Sachs." Als Zarti 2009 heiratete, lud er nach Berichten der "Financial Times" und der "New York Times" dazu auch Stephen Schwarzman ein, den legendären US-Investor und Gründer der Kapitalbeteiligungsgesellschaft Blackstone, sowie Carlyle-Geschäftsführer David Rubenstein. Beide hätten an der Hochzeit in einem riesigen Zelt außerhalb von Tripolis teilgenommen.

Auch habe Schwarzman im November 2008 Gaddafis Sohn Saif al-Islam bei einem Lunch in seinem Penthouse an der Park Avenue bewirtet. Bei selbiger Visite habe Carlyles Ex-Chairman, der frühere US-Verteidigungsminister Frank Carlucci, ein Dinner zu Ehren von Gaddafi Jr. im City Club gegeben, einem kleinen, aber feinen Luxushotel in Midtown.

Blackstone dementierte, libysche Gelder zu verwalten. Carlyle und die anderen US-Banken schwiegen sich bisher aus.

Im Strudel der US-Finanzkrise

Dass Gaddafi seine Reichtümer unter anderem an der Wall Street geparkt hat, ist unter US-Diplomaten kein Geheimnis. In einer von der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichen Depesche berichtete die US-Botschaft in Tripolis nach einem Treffen mit LIA-Chefbanker Mohammed Layas schon im Januar 2010: "Layas behauptete, dass die LIA 32 Milliarden Dollar an flüssigen Mitteln habe, und merkte an, dass mehrere US-Banken je 300 bis 500 Millionen Dollar an LIA-Mitteln managten."

Die Depesche zitierte Libyens Top-Banker weiter: "Wir haben Milliarden US-Dollar Liquidität, meist in Bankeinlagen, die uns gute Langzeiterträge bieten." Darauf folgte noch ein ganz besonders pikantes Detail: Die LIA stehe zurzeit in "juristischen Auseinandersetzungen" wegen einer "fehlgemanagten" Großinvestition bei der 2008 untergegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers. Auch Gaddafi wurde also mit in den Strudel der US-Finanzkrise gesogen.

Seit Ausbruch der Unruhen in Libyen gilt der Augenmerk vor allem den Gaddafi-Milliarden in Europa. Die "primären" LIA-Investments liegen laut der US-Botschaftsdepesche in London, "in Banking und Privat- und Geschäftsimmobilien".

Die Wall-Street-Finanzkonzerne buhlten aber schon seit 2004 ebenfalls um Gaddafis Reichtümer. Damals hob die US-Regierung unter George W. Bush ihre Sanktionen gegen Libyen auf, im Gegenzug für die Zahlung von mehr als einer Milliarde Dollar an die Hinterbliebenen der Opfer des Lockerbie-Attentats. Das öffnete der Wall Street die Tür.

Hastige Nacht-und-Nebel-Aktion

"Amerikanische Konzerne und Private-Equity-Firmen pilgerten in das nordafrikanische Land, um die Regierung und LIA-Beamte zu umwerben", berichtet die "Huffington Post". "Wir wurden belagert", erinnert sich ein libyscher Finanzier in "Vanity Fair". Schließlich habe die LIA "einige der internationalen Banken" mit der "Verwaltung dieser Liquidität" beauftragt - unter anderem JPMorgan Chase.

Es war Goldman Sachs, das nach Informationen der "Huffington Post" 2008 als erste US-Bank offizielle Geschäftsverbindungen zu Libyen aufnahm, als Mittler zwischen Tripolis und den US-Ratingagenturen. Zuletzt habe die LIA "angeblich Hunderte Millionen Dollar in Goldman-Sachs-Investmentfonds" angelegt.

Libyen öffnete sich der Wall Street freilich nur zögerlich. Noch im Februar 2008 klagte Libyens staatlicher Ölchef Shokri Ghanem in einem Interview mit Bloomberg TV, der US-Markt sei für sein Land "nicht so angenehm" wie zum Beispiel der Markt in Europa: "Er ist voller Politik und unerfreulichen Aktionen." LIA-Banker Layas klagte laut der WikiLeaks-Depesche außerdem über die US-Steuergesetze.

Das Einfrieren der Wall-Street-Milliarden Gaddafis vollzog sich als hochdramatische Angelegenheit. Die Aktion wurde kurzfristig an einem Freitag verkündet, um Libyen keine Gelegenheit zu geben, das Geld schnell noch bei nicht-amerikanischen Banken in Sicherheit zu bringen. Offenbar war die Nacht-und-Nebel-Aktion ein Erfolg: "Wir haben keine Hinweise, dass es Bemühungen gab, diese Einlagen in den Tagen vor dem Erlass zu liquidieren", sagte Staatssekretär Cohen.

In einer hastig anberaumten, sonntäglichen Telefonschaltung erklärte das Finanzministerium den betroffenen US-Institutionen dann, wie die Blockade zu handhaben sei. Die Gaddafi-Gelder wurden auf Sperrkonten verbracht. Die Einlagen dürfen nun nicht mehr aktiv gehandelt werden - die Banken verlieren also Millionengebühren.

Die präsidiale Verfügung Nr. 13566, die von der jüngsten Uno-Resolution zu Libyen flankiert wird, bleibt so lange bestehen, wie das Weiße Haus es will. Durch die Blockade der Milliarden sichert sich die US-Regierung so indirekt auch Einfluss auf jeden potentiellen Nachfolger Gaddafis.

Die Lust der LIA an der Wall Street hatte aber auch ihre Grenzen. So habe ihr einmal der seither aufgeflogene Milliardenschwindler Bernard Madoff eine Investment-Gelegenheit offeriert, berichtete die US-Botschaft in der besagten Depesche von 2010. Sie zitierte Layas aber mit den Worten: "Wir haben abgelehnt."

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1. ........
namlob, 07.03.2011
Zitat von sysopUS-Finanzgrößen feierten Party in der libyschem Wüste, schickten Tony Blair als Verhandler: Seit George Bushs Tagen buhlte die Wall Street um Gaddafis Ölgelder - und sicherte sich milliardenschwere Aufträge. Erst jetzt wird klar, wie weit die Geldhäuser dem wirren Despoten entgegenkamen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,749363,00.html
Korrekt. Ich wies darauf hin. http://www.lanacion.com.ar/1355025-el-tirano-que-compro-a-occidente?utm_source=p-notasrel
2. "Im Westen nichts Neues"
berglicht 07.03.2011
Und, was sagt uns das jetzt? Das konnte sich doch JEDER klar denkende Mensch hier denken! Das war doch schon bei unseren "ADI" so! WARUM sollte sich daran was geändert haben? Vorher Staatspräsident danach Verbrecher! Jetzt berufsmäßige Empörung allenthalben! Verlogenheit ÜBERALL!!
3. Demokratien umgarnen Diktaturen
infernum 07.03.2011
Solange die selbstgefälligen Demokratien keine Skrupel haben, Diktaturen und sei es auch nur inderekt zu unterstützen, werden sich die Verhältnisse in diesen Ländern nicht ändern! Nein, halt! Sie ändern sich höchstens, wenn sich die jeweiligen Völker selbst dazu durchringen und Revolutionen anzetteln. So viel zu der Vorbildfunktion "unserer" Gesellschaftsordnungen. Wo es opportun ist, bleibt Geld wichtiger als Blut - oder kann auch mit dem Blut nach wie vor gut Geld verdient werden. Laut des Artikels gingen das Who is Who der Finanzwelt bei Gadaffi ein und aus und die sonst so feinsinnigen und heuchlerisch um die Welt besorgten Politiker tun es auch. Nicht, um daraus eine bessere zu machen. Nein, um sich ihren persönlichem Profit ein wenig zu steigern, gemäss der Maxime des Homo oeconomicus. Und danach wird erklärt: Es geht nicht anders; Realpolitik; Energieversorgungssicherheit etc. Tja liebe Lockerbie-Opfer: Danke, dass ihr Euch für unsere Urlaubsfahrten mit dem Auto geopfert habt. Toni Blair legt für Euch gern in Tripolis ein gutes Wort ein. Es wird Zeit, Nabelschau zu halten angesichts der Ereignisse in Nordafrika und anderswo. Nur dafür sind wir nicht bereit.
4. Selektive Wahrnehmung
Ylex 07.03.2011
Zitat: „Erst jetzt wird klar, wie weit die Geldhäuser dem wirren Despoten entgegenkamen.“ Wem wird das erst jetzt klar? – der Presse? Merkwürdig, denn selbst mir als unbedarftem Menschen war das schon längst klar, zumindest im Prinzip. Sich hinter seiner selektiven Wahrnehmung zu verstecken und dann überrascht zu tun, wirkt nicht gerade überzeugend. Es ist fast eine Regel: Erst wenn Diktatoren wackeln, wird aufgedeckt, wie sehr sie wegen ihrer ergaunerten Milliarden von der internationalen Finanzindustrie umschmeichelt werden. Es gibt noch genügend sattelfeste Despoten auf der Welt, die schwerreich sind – Recherche tut not.
5. ...
oliver twist aka maga 07.03.2011
Zitat von sysopUS-Finanzgrößen feierten Party in der libyschem Wüste, schickten Tony Blair als Verhandler: Seit George Bushs Tagen buhlte die Wall Street um Gaddafis Ölgelder - und sicherte sich milliardenschwere Aufträge. Erst jetzt wird klar, wie weit die Geldhäuser dem wirren Despoten entgegenkamen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,749363,00.html
Was soll man über den Lügner B-LIAR noch sagen? Den einen Diktator mit Lügen über MDW zu stürzen, den anderen hingegen umgarnen und ihm Interna der britischen Regierung preiszugeben. GWB hatte zumindest den Anstand, sich aus der Politik zurückzuziehen. Und dass die "Finanzindustrie" mit jedem Geschäfte macht, auch mit blutrünstigen Tyrannen, ist ja nichts Neues. Wäre Saddam noch an der Macht, würde sie auch mit ihm Geschäfte machen.
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Exzentrischer Diktator: Gaddafis Gewänder

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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