Finanzbranche Die Krise war nur der Vorbote

Banker können einem leidtun. Ihre einstmals so sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätze sind zu Schleudersitzen geworden. Die Entwicklung dürfte sich 2018 beschleunigen.

Bankenviertel in Frankfurt am Main
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Bankenviertel in Frankfurt am Main

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Wissen Sie, wer gerade Chef der Deutschen Bank ist? Würden Sie ihn auf einem Foto erkennen? Wenn Sie jetzt zwei Mal "nein" geantwortet haben, geht es Ihnen wie wahrscheinlich den meisten Deutschen. Und das liegt nicht nur an John Cryan (so heißt der Mann).

Noch vor zehn Jahren galt die Deutsche Bank als Primus der deutschen Wirtschaft. Kaum ein anderes Unternehmen verdiente so viel Geld. Und kein Manager war so bekannt wie der Schweizer Josef Ackermann, an dem sich die deutsche Öffentlichkeit ebenso rieb wie an einigen Deutsche-Bank-Chefs vor ihm.

Seitdem ist viel passiert. Erst kam die Finanzkrise, dann deren juristische Aufarbeitung. Der Aktienkurs der Deutschen Bank ist bis heute um rund 80 Prozent abgestürzt. Und wer glaubt, dass sei ein Einzelschicksal, muss sich nur die zweitgrößte Bank des Landes anschauen: Auch die Commerzbank ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Die ganze Branche steckt tief in der Krise. Das lässt sich auch an den Mitarbeiterzahlen ablesen. Waren im Jahr 2000 noch rund 774.000 Menschen im deutschen Kreditgewerbe beschäftigt, ist die Zahl bis 2016 auf 609.000 gesunken - ein Rückgang um mehr als 20 Prozent.

Das betrifft nicht nur große Institute wie die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die Hypovereinsbank. Auch bei den Sparkassen sowie den Volks- und Raiffeisenbanken ging es stetig abwärts.

Die Zahl der in Deutschland ansässigen Banken und Sparkassen ist seit 2004 um mehr als 500 auf 1888 Institute geschrumpft. In Krisenzeiten sind Übernahmen und Fusionen angesagt, im Großen wie im Kleinen. So schluckte die Deutsche Bank die Postbank, die Commerzbank die Dresdner Bank und so manche Sparkasse ihren Nachbarn.

Das alles dürfte nur der Anfang gewesen sein. Den Geldhäusern in Deutschland stehen in den kommenden Jahren wohl noch drastischere Umwälzungen bevor. Das liegt vor allem an der Digitalisierung, die das Bankgeschäft grundlegend verändert. Schon heute wickeln junge Menschen einen Großteil ihrer Finanzaktivitäten online ab. Wer geht schon noch für eine Überweisung in die Filiale?

Die Prozesse dahinter, wie zum Beispiel die Bearbeitung von Krediten, laufen zunehmend digital ab. Mitarbeiter werden immer weniger gebraucht.

Und so dürfte nicht nur die Zahl der Filialen in den kommenden Jahren weiter sinken, sondern auch der Personalbestand der Branche. Schon heute laufen bei den großen Banken Kürzungsrunden: Die Commerzbank will bis 2020 knapp 6000 Stellen abbauen, die Deutsche Bank bis Ende 2018 insgesamt 9000. Und selbst das dürfte nicht reichen. Deutsche-Bank-Chef Cryan deutete kürzlich in einem Interview mit der "Financial Times" an, wo es langfristig hingehen könnte: "Wir beschäftigen 97.000 Leute", sagte Cryan. "Die meisten großen Wettbewerber haben eher halb so viele."

In zehn Jahren dürfte die Finanzbranche gänzlich anders aussehen als heute. Ob es dann noch zwei eigenständige deutsche Großbanken gibt, ist fraglich. Die Commerzbank soll Gerüchten zufolge schon heute im Visier von Konkurrenten wie BNP Paribas aus Frankreich oder Unicredit aus Italien sein. Auch eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank ist denkbar. Erst kürzlich hat sich der US-Finanzinvestor Cerberus größere Anteile an beiden Instituten gesichert - womöglich, um von einer Fusion zu profitieren.

Ein solcher Deal würde immerhin sicherstellen, dass Deutschland langfristig eine gewichtige Großbank behält - wenn auch mit deutlich weniger Mitarbeitern als bisher.

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