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Finanzindustrie: Krisenangst infiziert die Geldgiganten

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Die Börsen straucheln, der US-Arbeitsmarkt lahmt, es droht eine neue Rezession. Jetzt spüren auch Großbanken die Folgen der Krise: Sie haben viel zu wenig Geld zurückgelegt, kämpfen mit gigantischen Risiken, und nun ermitteln auch noch US-Behörden. Die goldene Ära der Finanzindustrie geht zu Ende.

Börse in New York: Der Bankenwelt steht eine düstere Zukunft bevor Zur Großansicht
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Börse in New York: Der Bankenwelt steht eine düstere Zukunft bevor

Hamburg - Es gab einmal eine Zeit, da waren die Investmentbanker die Größten - zumindest fühlten sie sich so. Die Wirtschaft brummte, die Finanzmärkte auch - und die Banken verdienten gigantische Summen. Wenn es doch einmal langweilig wurde, schwatzten die jungen Männer in den dunklen Anzügen den Herren aus der richtigen Wirtschaft eine Fusion oder eine Übernahme auf - jedenfalls irgendetwas, womit sich noch mehr Geld machen ließ. Die Deutsche Bank Chart zeigen etwa erwirtschaftete damals zeitweise mehr als 40 Prozent Rendite auf ihr Eigenkapital.

Diese goldenen Zeiten liegen gar nicht so lange zurück. 2007 war für viele große Banken ein Rekordjahr. Und sogar 2010 - als die Krise kurz Pause zu machen schien - fuhren die meisten großen Institute in Europa und den USA wieder gigantische Gewinne ein. Doch mittlerweile ist die Branche in die Krise geraten. Die Gewinne gehen zurück, die Aktienkurse sind seit Wochen im Sturzflug - und die Regulierungsbehörden stellen immer höhere Hürden auf. Der einst glanzvollen Bankenwelt steht eine düstere Zukunft bevor.

Damit geht es der Finanzindustrie auch nicht mehr besser als dem Rest der Wirtschaft. Weltweit brechen die Aktienkurse ein, der US-Arbeitsmarkt lahmt, Ökonomen fürchten eine neue Rezession. Bisher waren die Finanzinstitute davon noch einigermaßen unbeeindruckt - doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Zum Teil wetten Hedgefonds sogar schon gegen deutsche, britische und amerikanische Banken.

Eine ganze Reihe von großen Banken hat massive Stellenstreichungen angekündigt: die britischen Geldinstitute Barclays Chart zeigen und HSBC Chart zeigen, die Schweizer UBS Chart zeigen und Credit Suisse Chart zeigen sowie die US-Häuser Goldman Sachs Chart zeigen und Bank of America Chart zeigen. Wie es aussieht, könnte auch die Deutsche Bank bald in diesen illustren Club aufgenommen werden. Die "Financial Times Deutschland" meldet, dass das größte deutsche Geldhaus im kommenden Jahr womöglich ein Sparprogramm auflegen muss - Stellenabbau inklusive.

Euro-Krise und Schadensersatzklagen machen den Banken zu schaffen

Was ist passiert, dass die glitzernde Bankenwelt so aus den Fugen geraten konnte? Herbert Walter ist einer, der es wissen muss. Bis Ende 2008 war er Chef der Dresdner Bank, die inzwischen mit der Commerzbank fusioniert ist. Heute arbeitet er als selbstständiger Berater für die Branche. "In vielen Geschäftsbereichen, die vom Finanzmarkt abhängen, sinken derzeit die Erträge", sagt Walter. "Um das aufzufangen, müssen die Banken die Kosten drücken."

Die Zeit von Mitte 2009 bis Anfang 2011, als die Banken am Aufschwung an den Finanzmärkten gut verdienten, sieht der Experte als eine Art künstlich herbeigeführtes Zwischenhoch. "Seit Beginn der Finanzkrise wurden die Konjunktur und die Kapitalmärkte massiv von Staaten und Notenbanken gestützt. Es musste jedem klar sein, dass das irgendwann mal ein Ende haben wird. Und dieses Ende rückt definitiv näher."

Die Liste der Probleme ist lang. In Europa setzt die Euro-Krise den Banken zu: Die Staatsanleihen der überschuldeten Länder wie Griechenland, Portugal, Irland oder Italien haben massiv an Wert verloren. Da gerade viele europäische Banken solche Anleihen in ihren Büchern haben, fürchten sie Verluste - und trauen sich teilweise gegenseitig nicht mehr über den Weg.

Die US-Institute dagegen kämpfen mit den Klagen und Schadensersatzforderungen der heimischen Behörden: Im Zuge der juristischen Aufarbeitung der US-Immobilienkrise von 2007 und 2008 mussten einige Banken bereits hohe Vergleichzahlungen leisten. Auch gegen die Deutsche Bank und deren US-Töchter laufen diverse Klagen.

All das geht vorüber. Die Kosten werden irgendwann verdaut sein. Was dagegen wohl bleiben wird sind die neuen Regeln, mit denen die Aufseher in aller Welt eine Wiederholung der Finanzkrise verhindern wollen - und mit denen sie die Verdienstmöglichkeiten der Investmentbanken erheblich einschränken.

Die Regulierung lässt die Rendite schrumpfen

Den Instituten machen vor allem die steigenden Kapitalanforderungen zu schaffen, die die Bankenaufseher der Welt im neuen Regelwerk Basel III festgehalten haben: In einem Stufenplan müssen die Banken ihr Eigenkapital bis 2019 deutlich erhöhen. Entsprechend wird es schwerer, die hohen Renditen auf dieses Kapital beizubehalten. Zudem müssen als Lehre aus der Krise einige Risiken neu bewertet und entsprechend stärker mit Eigenkapital unterlegt werden. Auch das kostet die Banken Rendite.

Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey werden die europäischen und amerikanischen Großbanken im Kapitalmarktgeschäft deshalb künftig deutlich weniger Geld verdienen als bisher. Demnach kommen die 13 größten Banken Europas und der USA derzeit auf eine Eigenkapitalrendite von 20 Prozent. Künftig, so schätzen die McKinsey-Experten, werde diese Rendite auf 11 bis 14 Prozent sinken.

Schon jetzt haben die ersten Institute Probleme: "Die Investmentbanken bekommen die Regulierung zu spüren", sagt Dirk Schiereck, Finanzexperte an der TU Darmstadt. "Wegen der gestiegenen Kapitalanforderungen schaffen es einige derzeit nicht mehr, große Transaktionen zu stemmen." Ex-Banker Walter sieht gewaltige Kosten auf die Institute zukommen. "Die neuen Regeln und das gestiegene Misstrauen der Märkte zwingen die Banken dazu, mehr langfristiges Eigenkapital und mehr kurzfristige Liquidität vorzuhalten - beides kostet richtig Geld."

Langfristig, da sind sich die Experten einig, wird die Branche deutlich schrumpfen müssen - auch als Folge der Krise: "Es wird Luft aus der Finanzindustrie rausgelassen", sagt Walter. "Das Verhältnis von Krediten zu Einlagen war in den vergangenen Jahren bei vielen Banken in Europa zu hoch." Gerade in Krisenländern müssten deshalb nun viele Banken ihr Kreditvolumen zurückfahren. "Dabei sinken natürlich auch die Erträge."

Ob die Banken jemals wieder die gigantischen Gewinne von 2007 erreichen werden, hängt auch davon ab, wie stark sie die Kosten drücken können - vor allem die Personalkosten. Der scheidende Bank-Chef Josef Ackermann hat jedenfalls noch ehrgeizige Ziele: Er will sein Abschiedsjahr 2011 mit einem Gewinn von zehn Milliarden Euro vor Steuern beenden - es wäre ein neuer Rekord.

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1. Regulation
FXTrader 02.09.2011
Der grösste Feind des Kapitalismus ist Regulation. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten zu viel Regulierungen, nun haben wir einen Kapitalismus-Hybrid der so lange nicht funktionieren wird. Einfach gesagt: Chaos herrscht. Free markets for the win.
2. Jedes Glücksspiel findet ein Ende!
bmbka1977 02.09.2011
Die Zocker zittern ein wenig, nur dumm dass die Staaten kein Geld mehr haben um die Dummheit(Gier) die armen Banken zu retten! Erst mussten sich die Staaten noch mehr verschulden um Subprimekrise zu schultern, dann bekommen sich schlechte Ratings und man zockt gegen Staaten und Euro, jetzt haben sie es wohl wieder geschafft und alles geht den Bach runter! Hoffentlich werden Köpfe rollen! Finanzkapitalismus hat nichts mit wirtschaften zu tun, dass ist nur noch Glücksspiel und gehört schwerst reguliert! Oder stranguliert!
3. Ist der Bumerang endlich zurück?
ergenekon25 02.09.2011
Zitat von sysopDie Börsen straucheln, der US-Arbeitsmarkt lahmt, es droht eine neue Rezession. Jetzt spüren auch Großbanken die Folgen der Krise: Sie haben viel zu wenig Geld zurückgelegt, kämpfen mit gigantischen Risiken, und nun ermitteln auch noch US-Behörden. Die goldene Ära der Finanzindustrie geht zu Ende. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,784127,00.html
Ach, da wird einem doch wieder ganz warm ums Gemüt. Die Finanzwelt büsst langsam für die Fehler ein, die SIE selber begangen haben und kommt wieder auf den Boden der Realität zurück. Ich muss sagen, die hochkapitalistischen USA unternehmen mehr als unsere Politheinis und Bundestagssitz-Blockierer. Lasst sie pleite gehen bzw. ihre Strafe zahlen. Das Rache-Prinzip der Amerikaner zeigt auch seine guten Seiten. MfG
4. xcbfgzj
Rodelkoenig 02.09.2011
Also ich kann an den Sachen, die im Artikel angesprochen werden, erstmal nichts negatives erkennen, denn "Luft aus dem Bankensektor" zu lassen und deren wildes Spiel einzugrenzen und zurückzuschrumpfen ist ja genau der Sinn der Sache. Nur leider denke ich, dass die Maßnahmen, die bisher beschlossen wurden, dafür bei weitem nciht ausreichen werden. Wir müssen doch nur mal in die USA schauen. Falls Obama nächstes Jahr eventuell abgewählt wird und eine von den TeaParty-Barbies an die Macht kommt, wird doch deren erste aßnahme darin bestehen, den Höllenhund Finanzmarkt wieder von der Leine zu lassen und das obwohl die Leine heute gerademal nur ein hauchdünner Zwirnsfaden ist. Aber selbst der ist ja den Tea-Party-Barbies und selbst der FDP noch zu viel und sollte deren Meinung nach am besten gleich weg. Viele Grüße
5. Same procedure as every time...
henningr 02.09.2011
Zitat von sysopDie Börsen straucheln, der US-Arbeitsmarkt lahmt, es droht eine neue Rezession. Jetzt spüren auch Großbanken die Folgen der Krise: Sie haben viel zu wenig Geld zurückgelegt, kämpfen mit gigantischen Risiken, und nun ermitteln auch noch US-Behörden. Die goldene Ära der Finanzindustrie geht zu Ende. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,784127,00.html
Schon wieder? Das hab ich doch nach Lehman hier schonmal so gelesen? Und gar nichts ist/war zu Ende. Die Marionetten aka Politiker werden "die Finanzindustrie" mit unserem Geld und den unserer Kinder retten. Und dann hagelts wieder fette Gewinne, wie beim letzten Mal. Same procedure as every time... http://de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftskrise
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

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