Fünf Jahre Lehman-Pleite Was die Krisenverursacher heute machen

Mit ihrem Untergang begann die Finanzkrise: 2008 kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers. Millionen Anleger verloren ihr Geld, die damaligen Akteure leben unbehelligt weiter in Saus und Braus. Acht Beispiele.

Von , New York


Lehman Brothers lebt. Die Investmentbank, deren spektakulärer Untergang vor fünf Jahren den Beginn der Finanzkrise markierte, existiert weitgehend unbemerkt bis heute weiter - auf zwei angemieteten Etagen des Time-Life Buildings in Manhattan, samt Trading Floor.

Es ist freilich nur noch eine "Zombie-Firma" ("Financial Times"): Die verbliebenen Lehman-Trader und Juristen, ein paar Dutzend an der Zahl, sind ausschließlich damit beschäftigt, die Konkursmasse zu verscherbeln, damit die Gläubiger ihr Geld zurückbekommen. Am Ende wird das nur ein Bruchteil der ursprünglichen Schulden von rund 613 Milliarden Dollar sein.

Fünf Jahre nach dem Lehman-Kollaps am 15. September 2008 sind die dramatischen Ereignisse jenes Herbstes in Vergessenheit geraten. Die Wall Street hat längst andere Obsessionen, die meisten Amerikaner sind froh, sich aus den Klauen der Rezession befreit zu haben. Unterdessen wittern Unkenrufer bereits Vorzeichen der nächsten Krise - ob an den Börsen, den Kreditmärkten oder in Asien.

Derweil geht es den Schurken von damals bestens. Kein einziger Top-Verantwortlicher der Krise wurde juristisch belangt, strafrechtliche Verfahren beschränkten sich auf die kleinen Fische. Selbst die Lehman-Garde, die lange im Visier des FBI stand, kam ungeschoren davon. Und mit dem jetzigen Jahrestag verjähren die meisten Betrugsfälle sowieso.

Die profiliertesten Krisenmanager der Wall Street sind auf die Füße gefallen, dank fetter Abfindungen und cleverer Anlagen. Viele fanden anderswo in der Branche Unterschlupf, einige sattelten um, ein paar hocken sogar heute noch auf denselben Posten - allen voran Lloyd Blankfein und Jamie Dimon, die Chefs von Goldman Sachs und JP Morgan Chase.

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LLOYD BLANKFEIN
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LLOYD BLANKFEIN

2008: Vorstandschef von Goldman Sachs
2013: Vorstandschef von Goldman Sachs

Lloyd Blankfein, 58, begann seine steile Karriere bei der Wall-Street-Bank Goldman Sachs 1981 als einfacher Händler. 2002 wurde er Vize-Chairman, 2004 Chief Operating Officer. Als US-Präsident George W. Bush den Goldman-Chef Hank Paulson 2006 zu seinem neuen Finanzminister berief, rückte Blankfein auf den Top-Posten auf. Noch 2007, im Vorlauf der Krise, verdiente er 69 Millionen Dollar – ein Musterbeispiel für die Exzesse der Wall Street.

Unter Blankfein profitierte Goldman eiskalt von der Krise. "Ich tue Gottes Werk", prahlte er 2009 in der "Sunday Times". Im selben Jahr krönte ihn die "Financial Times" zur "Person des Jahres" - und "Forbes" zu einem der "unverschämtesten Vorstandschefs". Erst später holte die Krise Goldman ein, in Form von Ermittlungen, Zivilklagen, Prozessen gegen kleine Fische wie Fabrice Tourré und millionenschweren Strafzahlungen. Nur einer litt nicht: 2012 verdiente Blankfein 26 Millionen Dollar - mehr als sonst ein Wall-Street-Boss.

ZOE CRUZ
AP/Morgan Stanley

ZOE CRUZ

2007: Co-Präsidentin von Morgan Stanley
2013: freie Finanzmaklerin

Zoe Cruz, 58, war eine der ersten Mitverantwortlichen und zugleich eines der ersten Opfer der Finanzkrise. Genannt "Cruz Missile", hatte sich die Immigrantin aus Griechenland Ende 2007 still zur höchstbezahlten und mächtigsten Frau der Wall Street emporgearbeitet. Als Co-Präsidentin der Großbank Morgan Stanley managte sie deren Subprime-Geschäfte. CEO John Mack ernannte sie zu seiner designierten Nachfolgerin. Sie wäre die erste Frau an der Spitze einer US-Finanzfirma gewesen.

Nachdem Morgan Stanley aber mit Hypothekenspekulationen fast vier Milliarden Dollar verlor, bestellte Mack sie im November 2007 in sein Büro - und feuerte sie nach 25 Jahren bei Morgan Stanley. Cruz gründete ihren eigenen Hedgefonds, stellte ihn 2012 jedoch wieder ein. Angeblich sucht sie zurzeit Arbeit in der Private-Equity-Branche. Ganz so schlecht scheint es ihr aber nicht zu gehen: Im April kaufte sie für 7,3 Millionen Dollar ein 250-Quadratmeter-Apartment an der Fifth Avenue.

JAMIE DIMON
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JAMIE DIMON

2008: Vorstandschef JP Morgan Chase
2013: Vorstandschef JP Morgan Chase

Jamie Dimon, 57, galt lange als Wunderkind und "silbergrauer Held" der Finanzkrise. Auch JP Morgan Chase (JPM) überstand das Chaos, unter anderem dank Dimons diskreten Auftretens und seines Verzichts auf Subprime-Spekulationen. Als einer der wenigen Demokraten an der Wall Street pflegte Dimon schon früh gute Kontakte zu Barack Obama, der im November 2008 die Präsidentschaftswahl gewann. Die "New York Times" nannte ihn "Obamas Lieblings-Banker".

Das Verhältnis kühlte sich jedoch bald ab. Obamas Anti-Wall-Street-Rhetorik und die Finanzmarktreform machten Dimon zum lauten Regierungskritiker. Sein eigener Heiligenschein begann 2012 zu verblassen, mit dem Rekordverlust von mindestens sechs Milliarden Dollar durch Fehlspekulationen im Londoner JPM-Büro. Im August klagte die US-Justiz zwei Verantwortliche wegen Betrugs an. Dimon blieb juristisch zwar unbehelligt, doch das JPM-Board reduzierte wegen des Skandals sein Salär für 2012 - von 23 auf 19 Millionen Dollar.

RICHARD FULD
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RICHARD FULD

2008: Vorstandschef Lehman Brothers
2013: Investmentberater

Sie nannten ihn den "Gorilla der Wall Street". Dick Fuld, 67, war als langjähriger Vorstandschef von Lehman Brothers hauptverantwortlich für die fatalen Subprime-Deals der traditionsreichen Investmentbank - und ihren Kollaps 2008. Während seiner Zeit als CEO von 1994 bis zum bitteren Ende verdiente er nach Berechnungen des Institute for Policy Studies fast eine halbe Milliarde Dollar. Bis zuletzt gab er anderen die Schuld für den historischen Untergang seiner Firma.

Nach dem Crash sicherte Fuld sein Vermögen gegen Zugriff. So „verkaufte“ er sein Anwesen in Florida an seine Ehefrau - für zehn Dollar. Weitere Immobilien hat er im VIP-Skiparadies Sun Valley (eine Ranch) und in der Millionärsenklave Greenwich (eine Villa). Eine 90-Millionen-Dollar-Strafe der Börsenaufsicht SEC zahlte seine Versicherung. Die SEC ermittelte bis voriges Jahr gegen Fuld, sah dann aber nach Informationen der "New York Times" von einer Anklage ab. Trotzdem laufen zahlreiche Privatklagen gegen ihn. 2009 gründete er eine Investmentberatungsfirma, die aber gefloppt sein soll: "Keiner wusste von einem nennenswerten Erfolg Fulds in den letzten fünf Jahren", erfuhr "Bloomberg Businessweek" jetzt aus seinem Kollegenkreis.

ALAN GREENSPAN
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ALAN GREENSPAN

2006: Vorsitzender der Federal Reserve Bank
2013: privater Firmenberater

Als Lehman unterging, war Alan Greenspan, 87, zwar schon nicht mehr US-Notenbankchef. Trotzdem war er mitschuldig an der Krise. Greenspan steuerte die Zentralbank - und die US-Konjunktur - durch den Crash von 1987 und die Folgen der 9/11-Anschläge. Als "Orakel" und "Maestro" gepriesen, hielt er die Zinsen niedrig und propagierte Deregulierung. Greenspans Fed sei mitverantwortlich gewesen, dass "sich eine Immobilienblase entwickeln konnte", urteilte die Kommission zur Untersuchung der Finanzkrise später.

Erst 2008, mehr als zwei Jahre nach seiner Pensionierung, räumte Greenspan ein, Fehler gemacht zu haben. Seine Dienste sind dennoch weiterhin begehrt. Nach seinem Ausscheiden aus der Fed gründete er eine Consulting-Firma und verdient sich seither unter anderem als "Sonderberater" des weltgrößten Anleihenfonds Pimco eine hübsche Rente. Im Oktober erscheint sein neuestes Buch, laut Verlagsankündigung ein Kompendium seiner "Weisheiten" zum Thema Finanzprognosen.

ANGELO MOZILO
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ANGELO MOZILO

2008: Vorstandschef Countrywide Financial
2013: Privatier

Er war der "American Dream Builder" ("NYSE Magazine"), der Bauherr des amerikanischen Traums: Angelo Mozilo, 75, ewig gebräunter Metzgersohn aus der Bronx und Gründer von Countrywide, der größten Hypothekenbank der USA. 2006 finanzierte er fast jede fünfte Hypothek in den USA, versprach allen ein Eigenheim, auch denen, die es sich nicht leisten konnten - vor allem Minderheiten. Das Kartenhaus, auf Ramschkrediten gebaut, stürzte 2007 ein und riss Millionen Amerikaner in den Bankrott, während Mozilo selbst Multimillionär blieb.

Die SEC ermittelte gegen Mozilo wegen Betrugs und Insiderhandels. 2010 zahlte er per außergerichtlicher Einigung 67,5 Millionen Dollar Bußgeld, die höchste solche Strafe für eine Einzelperson aus der Krise. 45 Millionen Dollar übernahm die Bank of America, die Countrywide im Juli 2008 geschluckt hatte. Ein strafrechtliches Verfahren wurde eingestellt. Im Mai 2012 berichtete die "Los Angeles Times", Mozilo habe eines seiner zahlreichen Anwesen - darunter Villen in Kalifornien und Hawaii - für 2,9 Millionen Dollar abgestoßen.

VIKRAM PANDIT
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VIKRAM PANDIT

2008: Vorstandschef Citigroup
2013: Investor

Vikram Pandit, 56, rückte im Dezember 2007 auf den Spitzenposten der einst größten US-Bank Citigroup auf - kurz bevor die Finanzkrise richtig ausbrach. Citi wurde von der Subprime-Pleite mit am schwersten getroffen. Der Moloch entkam der Insolvenz nur dank einer 45-Milliarden-Dollar Finanzspritze aus Washington samt Halbverstaatlichung. Der Kabelsender CNBC kürte Pandit 2009 zum "schlechtesten Vorstandschef aller Zeiten" und verglich ihn mit Edward Smith, dem Kapitän der "Titanic".

2010 machte Citi wieder Gewinn, erstmals seit der Krise. Trotzdem verfehlte die Bank im März 2012 den Fed-Stresstest. Im Oktober 2012 wurde Pandit vom Aufsichtsratschef Michael O'Neill, einem alten Rivalen, in einem monatelang geheim inszenierten Coup zum Rücktritt gezwungen. Sein letztes komplettes Jahressalär betrug 15 Millionen Dollar. Im März kehrte er in die Branche zurück, als Investor in den indischen Finanzdienstleister JM Financial.

HENRY PAULSON
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HENRY "HANK" PAULSON

2008: US-Finanzminister
2013: Akademiker, Umweltschützer

Als US-Finanzminister hatte Henry "Hank" Paulson, 67, entweder den undankbarsten Job - oder war, je nachdem, wen man fragt, einer der Hauptschuldigen der Krise. Zunächst CEO bei Goldman Sachs war er bis 2006 für viele der fatalen Fehler verantwortlich, die er anschließend als Minister ausbügeln musste. Im September 2008 will er Lehman bis zuletzt zu retten versucht haben; andere behaupten wiederum, er habe die Firma cool untergehen lassen. Anschließend fädelte er die staatlichen Wall-Street-Milliardenhilfen ein, während der Rest der USA in die Rezession schlitterte. "Forbes"-Präsident Steve Forbes nannte ihn "den schlechtesten Finanzminister, den wir in modernen Zeiten gehabt haben".

Mit Obamas Amtsantritt 2009 zog sich Paulson aus der Politik zurück und schrieb seine beschönigenden Krisenmemoiren. Der Stress habe ihm Schlafmangel, Entkräftung, Übelkeit und plötzliche "Würganfälle" beschert. 2011 gründete er an der University of Chicago das Paulson Institute für "kritische Fragen" im US-chinesischen Verhältnis. Auch engagiert er sich als Umweltschützer. Sein Privatvermögen wird auf rund 700 Millionen Dollar geschätzt.

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insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
anteater 13.09.2013
1. Wie heißt es so
The poor stay poor, the rich get richer.
JB1969 13.09.2013
2.
Zitat von sysopAPMit ihrem Untergang begann die Finanzkrise: 2008 kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers. Millionen Anleger verloren ihr Geld, die damaligen Akteure leben unbehelligt weiter in Saus und Braus. Acht Beispiele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/finanzkrise-2008-die-akteurewas-die-verursacher-der-krise-heute-machen-a-922119.html
Sehr lehrreich. Die deutschen Entsprechungen dieser Herren und Damen, angeführt von Herrn Ackermann, bilden die Klientel, für deren Interessen schwarz/gelb zur Zeit in den Wahlkampf ziehen. Diese Leute sind es, die die FDP "Leistungsträger" nennt und denen sie die Steuern senken möchte.
jamesbrand 13.09.2013
3. so
funktioniert Kapitalismus.
bombus67 13.09.2013
4. Sehr guter Artikel
der zeigt, dass alle VIPs der Krise noch in irgendeiner Form mitwirken. Bitte auch in anderen Bereichen recherchieren; Anregungen für weitere Artikelreihen gibt es genug, z.B. "Fünf Jahre Euro-Pleite: Was die Krisenverursacher heute machen"!
dietmar 110 13.09.2013
5.
Zitat von jamesbrandfunktioniert Kapitalismus.
Ja. Weil es damals (und heute?) legal war.
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