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Finanzkrise: Deutsche Banken kommen bei Stresstests davon

Gute Nachricht für Finanzkonzerne: Die Kriterien für die europäischen Stresstests sind nach SPIEGEL-Informationen so aufgeweicht, dass die Banken die Ergebnisse nicht fürchten müssen. Im Kampf gegen die Schuldenkrise legt die Bundesregierung jetzt ein Konzept für geordnete Insolvenzen von Staaten vor.

Skyline des Frankfurter Bankenviertels: Verzicht auf Teile ihrer Ansprüche Zur Großansicht
ddp

Skyline des Frankfurter Bankenviertels: Verzicht auf Teile ihrer Ansprüche

Hamburg - Für Europas Banken naht die Stunde der Wahrheit. Am 23. Juli werden die sogenannten Stresstests veröffentlicht - doch nach Informationen des SPIEGEL müssen die 14 beteiligten deutschen Geldhäuser die Ergebnisse nicht fürchten.

Der Grund: Die Kriterien für die Tests, die Aufschluss über die Widerstandskraft der Finanzinstitute in der Krise geben sollen, sind in hektischen Verhandlungen zwischen der Europäischen Zentralbank, der EU-Kommission und europäischen Bankenaufsehern aufgeweicht worden - und dürften damit nicht jede Schwäche einer Bank ans Licht bringen. So reagierten alle 91 untersuchten europäischen Banken mit Erleichterung, als ihnen ihre Aufseher in der vergangenen Woche streng vertraulich die genauen Ausführungsbestimmungen übersandten.

Die Veröffentlichung der Stresstests geht auf einen Beschluss der europäischen Staats- und Regierungschefs zurück, der Mitte Juni auf Druck Spaniens zustande gekommen war. Sie sollen zeigen, wie stark Kreditinstitute in der Wirtschafts- und Finanzkrise unter Druck geraten würden, wenn ihre Geldanlagen plötzlich an Wert verlieren. Zentral ist dafür die sogenannte Eigenkapitalausstattung. Sie zeigt, ob Banken einen genügend großen finanziellen Puffer haben, wenn die Märkte von Krisen erschüttert werden.

Zwar wird nach SPIEGEL-Informationen in dem strengsten von drei Stressszenarien neben einem Konjunktureinbruch auch ein Crash bei europäischen Staatsanleihen simuliert. Bei griechischen Staatspapieren sollen die Institute mit einem Wertverlust von 20 Prozent kalkulieren. Andere Staatsanleihen werden dagegen mit geringeren Abschlägen bedacht (Portugal minus 11 Prozent, Irland minus 8,6, Spanien minus 6,7, Italien minus 4,9, Deutschland minus 2,3 Prozent). Berücksichtigen müssen die Banken solche Wertverluste beim Stresstest allerdings nur, wenn sie die Anleihen im eher kurzfristig ausgerichteten Handelsbuch und nicht als langfristige Anlage im Bankbuch einsortiert haben. Außerdem dürfen die Institute sogar mit anderen Abschlägen rechnen, wenn sie nachweisen können, dass sie diese Risiken selbst quantifizieren können.

Finanzielle Lasten nicht allein dem Steuerzahler aufbürden

Im Kampf gegen die Schuldenkrise macht die Bundesregierung auch an einer anderen Front Druck. Nach SPIEGEL-Informationen haben Fachleute inzwischen ein Verfahren ausgearbeitet, das Länder mit Zahlungsschwierigkeiten wie kürzlich Griechenland in eine geordnete Insolvenz führen soll. Die Pläne sehen vor, dass Besitzer von Staatsanleihen - also insbesondere Banken - im Wege eines sogenannten Haircuts auf Teile ihrer Ansprüche verzichten sollen, um dem Land aus der Krise zu helfen. "Der Privatsektor soll in die Verfahren eingebunden werden, um die finanziellen Lasten nicht allein dem Steuerzahler aufzubürden", heißt es in einem Konzept, das im Bundeskanzleramt kursiert.

Das Papier sieht demnach folgendes Szenario vor: Der Anleihehalter bekomme eine Risikoprämie und müsse dieses Risiko auch tragen. Der Restwert der Anleihe soll von einer neuen entpolitisierten und rechtlich selbständigen Einrichtung garantiert werden - dem sogenannten Berliner Club.

Daran sollen sich Mitgliedstaaten der 20 größten Volkswirtschaften (G20) oder nur der Euro-Zone beteiligen. Führt der Forderungsverzicht der Gläubiger zu keiner Besserung, tritt eine zweite Stufe des Verfahrens in Kraft. Dabei kommt es dann zu einer kompletten Umschuldung des betroffenen Landes.

Der Berliner Club beauftragt eine mit den "regionalen Besonderheiten des Schuldnerlandes vertraute Persönlichkeit oder eine Gruppe von Persönlichkeiten" damit, die Vermögensinteressen des Pleitelandes wahrzunehmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll die Maßnahmen von Anfang an begleiten. Das Konzept stelle jedoch keine Alternative zum europäischen Rettungspaket dar, sondern seine Weiterentwicklung, heißt es in der Regierung.

yes/AFP

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Forum - Was muss Europa aus der Euro-Krise lernen?
insgesamt 3080 Beiträge
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1. Das wichtigste scheint mir,
Fritz Katzfuß 15.05.2010
eine eigene staatlich kontrollierte Ratingagentur aufzubauen. Die würde den privaten an Glaubwürdigkeit vermutlich bald das Wasser abgraben, wenn sagen wir, die Schweizer oder die Schweden sie leiten. Berlusconi dürfte da nix zu sagen haben, das ist kalr.
2. (kern)kompetenzen
-Philipp- 15.05.2010
Zitat von sysopDie Schulden-Krise Griechenlands hat deutliche strukturelle Defizite der Europäischen Union aufgezeigt. Was denken Sie - muss die Einigung Europas in der Wirtschafts- und Finanzpolitik intensiviert werden?
nein. das gegenteil ist der fall. die eu muß sich wieder auf ihre kernkompetenzen besinnen. und nicht zu einem undekmokratischen monstrum werden. die konsequenzen einer solchen katastrophalen entwicklung werden sichtbar. Der Euro wird zur europäischen Weichwährung. Es genügte nicht, Griechenland mit einem 110-Milliarden-Euro-Paket unter die Arme zu greifen. Die EU-Regierungschefs legten die skurril anmutende Summe von 750 Milliarden Euro nach, um einen «Rettungsschirm» über den wankenden Euro-Ländern aufzuspannen. Die Grösse des Betrags macht das Ausmass der Verzweiflung deutlich. Wer so viel Geld in die Hand nimmt, um eine Währung zu stützen, zWeder noch. Der Euro war von Anfang an eine ökonomische Fehlleistung. Die Finanzmärkte legen jetzt nur etwas unsentimental offen, was an diesem Konstrukt schon im Kern falsch angelegt war: Es kann keine vernünftige gemeinsame Währungspolitik für so unterschiedliche Volkswirtschaften geben wie das Kleinstfürstentum Luxemburg, den Industriegiganten Deutschland und Larifari-Staaten wie Portugal oder Griechenland. Der Euro ist ein politisches Projekt – und dieses Projekt ist gescheitert. Was jetzt abläuft, sind lebenserhaltende Massnahmen für eine klinisch tote Währung. Gut möglich, dass sich diese Rettungsübungen gegen jene richten werden, die nun als barmherzige Samariter auftreten: Deutschland stemmt mit 22,4 Milliarden Euro den Löwenanteil der Kredite für Griechenland. Dabei ist der Staat selber mit über 1,7 Billionen Euro verschuldet. Gleichzeitig füttert Berlin die EU jährlich mit immensen Nettozahlungen: 2008 waren es 8,8 Milliarden Euro. Davon flossen, Ironie der Mutwilligkeit, 6,3 Milliarden nach Athen. Ein schöner Zustupf: Auf einen griechischen Vier-Personen-Haushalt gerechnet, sind das rund 2200 Euro Subventionen. es ist ja nur unser geld .. ;-).
3.
marant 15.05.2010
Zitat von sysopDie Schulden-Krise Griechenlands hat deutliche strukturelle Defizite der Europäischen Union aufgezeigt. Was denken Sie - muss die Einigung Europas in der Wirtschafts- und Finanzpolitik intensiviert werden?
Das was seit Jahren gefordert wird !!! endlich mal die Finanzmärkte an die Leine zu nehmen ! denn die Finanzjongleure haben schon längst die Oberhand gewonnen - mit freundlicher Unterstützung der Politik.
4. Passt
harrold, 15.05.2010
Zitat von sysopDie Schulden-Krise Griechenlands hat deutliche strukturelle Defizite der Europäischen Union aufgezeigt. Was denken Sie - muss die Einigung Europas in der Wirtschafts- und Finanzpolitik intensiviert werden?
Gern. Und genau das wäre die Rolle Deutschlands, so wie es die Rolle Frankreichs war, hauptsächlich zu dem 750-Mrd-Paket beizutragen (95% der Vorschläge kamen aus Frankreich). Wirtschaft ist im deutsch-französischem Tandem traditionell die Domäne der Deutschen, hier würden also die Deutschen zu 95 % (hoffentlich keine Arbeitgeberlobbyfaschisten) beitragen.
5. Ja
marvinw 15.05.2010
Zitat von sysopDie Schulden-Krise Griechenlands hat deutliche strukturelle Defizite der Europäischen Union aufgezeigt. Was denken Sie - muss die Einigung Europas in der Wirtschafts- und Finanzpolitik intensiviert werden?
Die Einigung ja, aber in der Richtung der Enteignung der Banken, Regulierung der Finanzmärkte und Bekämpfung der Spekulanten.
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