Von Stefan Kaiser
Hamburg - Die Namen der Finanzfirmen klingen verlockend: "Himmlisch-leicht-Investments" oder "Schnelle Gewinne" nennen sich die privaten Kreditvermittler in China. Doch ihre Konditionen sind weder himmlisch noch leicht. 25 Prozent Zinsen pro Jahr verlangen die Geldgeber durchschnittlich von ihren Kunden - manchmal sogar mehr als 100 Prozent. Trotzdem floriert das Geschäft der chinesischen Schattenbanker. Die französische Société Générale schätzt das Volumen der sogenannten Untergrund-Kredite auf 350 Milliarden Euro - Tendenz steigend.
Kreditgeschäfte unter solchen Bedingungen sind riskant. Tatsächlich bricht das System der Wucherzinsen in den ersten Regionen des Landes bereits in sich zusammen. Aus der Fünf-Millionen-Stadt Wenzhou in der Provinz Zhejiang etwa wurden zuletzt reihenweise Firmenpleiten berichtet. Die Besitzer kleiner und mittelgroßer Fabriken hatten sich über Nacht aus dem Staub gemacht - und einen Berg von Schulden hinterlassen. Ähnliche Fälle gibt es mittlerweile auch in der Provinz Henan.
Internationale Experten schlagen jetzt Alarm. Sie fürchten einen Flächenbrand, der schnell die ganze Wirtschaft Chinas erfassen könnte - und damit auch Folgen für die globale Konjunktur hätte. In dieser Woche veröffentliche der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Studie zum chinesischen Finanzsystem. Das Ergebnis fiel beunruhigend aus: Der Sektor werde immer anfälliger. Vor allem die informelle Kreditvergabe und die wachsenden Geschäfte der Banken außerhalb ihrer Bilanzen bereiten den Analysten Sorgen.
Spekulationsblase bei Immobilien
Die Probleme mit den sogenannten Schattenbanken sind nur das jüngste Anzeichen dafür, wie morsch Chinas staatlich gelenktes Finanzsystem wirklich ist. Im vergangenen Jahrzehnt haben die Machthaber in Peking versucht, das Wachstumstempo hoch zu halten und die Banken angewiesen, kräftig Geld in die Wirtschaft zu pumpen - zu viel, wie sich zusehends herausstellte.
Sicher, die Wirtschaft wuchs kräftig, im Schnitt um rund zehn Prozent pro Jahr, doch der Boom hatte gehörige Nebenwirkungen. "Wachstumsraten von mehr als vier oder fünf Prozent können nur durch einen raschen Anstieg der Verschuldung erreicht werden", sagt Michael Pettis. Der amerikanische Finanzmarktexperte lehrt an der Universität Peking und gilt als einer der besten Kenner der chinesischen Wirtschaft.
Pettis warnt schon lange davor, dass Chinas Wachstumsmodell zu einseitig auf Kredit setze. Das künstlich billig gehaltene Geld führe zu Fehlinvestitionen: in der industriellen Produktion, bei Infrastrukturprojekten - und im Immobiliensektor.
Gerade bei Immobiliengeschäften ist in den vergangenen Jahren eine gewaltige Spekulationsblase entstanden. Weil der Wohlstand wuchs, pumpten die Chinesen massenhaft eigenes und geliehenes Geld in Häuser und Wohnungen. So ist das Volumen der ausstehenden Immobilienkredite laut IWF zwischen 2000 und 2011 von umgerechnet weniger als 50 Milliarden auf rund 700 Milliarden Euro gestiegen.
Kommunen droht die Pleite
Einen kräftigen Schub bekam das Kreditsystem noch einmal in den Jahren 2008 und 2009: Um der weltweiten Rezession zu entgehen, kündigte die chinesische Regierung an, die eigene Wirtschaft mit umgerechnet 440 Milliarden Euro zu stützen. Der Großteil davon kam allerdings nicht direkt aus der Staatskasse, sondern von den Banken - als Kredit.
Mit dem Geld sollten vor allem Infrastrukturprojekte gefördert werden, weshalb viele Kommunen und Provinzen sich heillos überschuldeten. Sie stehen heute mit rund neun Billionen Yuan bei den Banken in der Kreide, das entspricht etwa einer Billion Euro. Vielen droht die Pleite.
Mit ihrer radikalen Kreditpolitik hat es die Regierung in Peking zwar geschafft, das Wirtschaftswachstum hoch zu halten. Die Nebenwirkungen dieser Politik wurden ihr aber offenbar unheimlich. Vor allem die stark gestiegene Inflation bereitet den Machthabern Sorgen: Die hohen Preise geben vielen Bürgern das Gefühl, der Aufschwung gehe an ihnen vorbei.
Sinken die Häuserpreise zu stark, droht eine Abwärtsspirale
Seit rund einem Jahr versucht die Regierung deshalb gegenzusteuern. Um die Inflation im Zaum zu halten, hat sie gleich mehrmals die Zinsen erhöht und die Kreditvergabe der Banken begrenzt. In gewisser Weise hatte sie damit Erfolg: Die Inflationsrate, die im Juli noch bei 6,5 Prozent lag, ist im Oktober auf 5,5 Prozent gesunken. Auf dem Immobilienmarkt sinken die Preise mittlerweile sogar.
Doch auch diese Politik zeigt ungewollte Nebenwirkungen: Sollten die Immobilienpreise weiter so stark fallen wie zuletzt in einigen Provinzen, drohen massenweise Kredite zu platzen, bei denen die Häuser und Wohnungen als Sicherheiten eingesetzt wurden. Einige Experten fürchten eine Abwärtsspirale wie 2007 und 2008 in den USA. Damals war es der Beginn einer weltweiten Finanzkrise.
Auch für viele Unternehmen könnte es eng werden. Weil Banken die knappen Darlehen fast nur noch an staatliche Konzerne vergeben, haben viele private Firmen zuletzt auf die teuren Dienste der Schattenbanken zurückgegriffen. Laut Schätzungen der chinesischen Zentralbank sind in der Küstenstadt Wenzhou rund 60 Prozent aller Unternehmen in informelle Kreditgeschäfte verwickelt. Einigen ist dies bereits zum Verhängnis geworden, andere könnten folgen - zumal die Nachfrage nach chinesischen Produkten wegen der schleppenden Konjunktur in den USA und Europa zuletzt nachgelassen hat.
Für Finanzexperte Pettis sind dies alles nur Teile eines größeren Problems: "Letztes Jahr sorgten sich alle um die Schulden der Kommunen, dieses Jahr sind es die Schattenbanken und die kleinen Firmen - und nächstes Jahr wird es vielleicht um die Staatsunternehmen gehen", sagt der Professor. "In jedem Fall gilt: Die Verschuldung wird weiter steigen." Selbst wenn die Regierung die einzelnen Symptome irgendwie in den Griff bekomme, werde sie das Grundproblem nicht lösen. "Dazu müsste sie ihr Wirtschaftsmodell radikal umstellen."
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