Finanzkrisen Warum Rating-Agenturen verramscht werden müssen

Griechenland ist der Beweis: Rating-Agenturen verschärfen Krisen, statt sie zu verhindern. Weil die Anbieter ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, ist es höchste Zeit für einen radikalen Schnitt. Die Firmen müssen entmachtet und zerschlagen werden.

Ein Gastkommentar von Thomas Straubhaar

Standard & Poor's in New York: Die mächtigste Ratingagentur
dpa

Standard & Poor's in New York: Die mächtigste Ratingagentur


Hamburg - Es besteht kein Zweifel: Die Rating-Agenturen haben bei der Finanzkrise eine höchst fragwürdige Rolle gespielt. Vorgeworfen wird den drei großen Anbietern Standard & Poor's, Moody's und Fitch, sich fehlerhafter Bewertungsmodelle bedient zu haben. Schlimmer ist die Vermutung, dass sie als Schiedsrichter des Finanzsystems mit den Spielern, nämlich den Banken, unter einer Decke gesteckt haben. So soll es zu Gefälligkeitsurteilen gekommen sein.

Die Vorwürfe überraschen nicht. Das Verhalten der Agenturen ist das fast zwangsläufige Ergebnis einer Situation, in der die Spieler (Banken) den Schiedsrichter (Rating-Agenturen) auswählen und auch noch bezahlen. Mehr noch: Die Spieler schauen sich vor dem Spiel verschiedene Schiedsrichter an und lassen sich von ihnen Angebote machen, bevor sie jenen aussuchen, der ihnen am besten gefällt. Dass hier Unabhängigkeit und Unparteilichkeit mehr als gefährdet sind, darf niemand ernsthaft überraschen.

Das alles ist nicht neu - aber noch immer aktuell: Denn seit der Finanzmarktkrise hat sich an der Rolle der Rating-Agenturen wenig geändert. Trotz der Mitverantwortung beim Entstehen der Finanzmarktkrise und trotz ihres Versagens, zu deren Lösung beizutragen, gehören sie unverändert zu den wichtigsten Akteuren der Finanzmärkte.

Das hat sich in der vergangenen Woche wieder einmal gezeigt: Die Herabstufung Griechenlands durch Standard & Poor's auf Ramschniveau löste an den Finanzmärkten Panik aus. Die neue Einschätzung reflektiere die "politischen, wirtschaftlichen und haushaltspolitischen Herausforderungen für die griechische Regierung", hieß es bei S&P. Weil gleichzeitig auch Spanien und Portugal schlechtere Noten erhielten, drohte sogar ein europäischer Flächenbrand. Nur die Aufstockung der üppigen Hilfen für Griechenland konnte den Ausbruch des Brands verhindern. Zumindest vorerst.

Die Kritik ist berechtigt

Erneut haben die Rating-Agenturen also mit ihren Bewertungsänderungen zur Krisenverschärfung und nicht zur Krisenverhinderung beigetragen. Wieder einmal haben sie politische Reaktionen erzwungen, die Politik konnte nur mit staatlichen Hilfen reagieren. Und auch dieses Mal konnte - wer auf den zu erwartenden Pawlow'schen Reflex der Politik setzte - mit Wetten auf Kosten der Steuerzahler viel Geld verdienen.

Deshalb ist die aktuelle Kritik an den Rating-Agenturen weder fadenscheinig noch wird hierbei der Überbringer schlechter Nachrichten geprügelt - wie es die Anbieter gerne suggerieren. Nein, die Kritik ist voll und ganz begründet. Ganz offensichtlich sind Rating-Agenturen nicht in der Lage, ihren Aufgaben gerecht zu werden.

Sie liefern keine brauchbaren Informationen zur Früherkennung von Problemen. Sie sehen Krisen nicht im Voraus und sie reagieren nur im Nachhinein. Zudem droht die Gefahr, dass die von ihnen verbreiteten Informationen Krisen erst verursachen. Das sind grundsätzliche Probleme, die nur am Rande durch eine aus allen Ecken zu hörende Forderung nach besserer oder strengerer Regulierung behoben werden können. Deshalb hilft auch eine Europäisierung der Rating-Agenturen, wie sie Politiker immer als Gegenentwurf zu den angelsächsischen Anbietern vorschlagen, nicht weiter.

Analysemodelle offenlegen

Natürlich zielt die diskutierte Absicht, die Finanzierungsgrundlage der Rating-Agenturen zu ändern, in die richtige Richtung.

  • Eine vom Aktienhandel durch eine Pflichtabgabe zu erbringende Umlage, in die alle einzahlen müssen, die an Bewertungen durch unabhängige Rating-Agenturen interessiert sind und davon profitieren, könnte ein erster Schritt sein.
  • Eine Offenlegung der Bewertungsmodelle und eine strengere Aufsicht über Interessenverflechtungen der Rating-Agenturen wären weitere. Bisher ist nur grob bekannt, nach welchen Kriterien die Agenturen ihre Berechnungen anstellen - konkrete Details oder gar mathematische Formeln rücken die Agenturen nicht heraus.
  • Noch wichtiger wäre es aber, die Agenturen für ihre Bewertungen in Haftung zu nehmen. Bei nachweislichen Fehlern - zum Beispiel nach Prüfung durch eine übergeordnete Kontrollbehörde - sollten sie verklagt werden können, um Schadensersatzforderungen zu ermöglichen.
  • Besser - und längst überfällig - wäre es jedoch, die Rating-Agenturen endlich von ihrem nahezu hochrichterlichen Ross der Unfehlbarkeit herunterzuholen. Sie sollten zu ganz normalen Mitspielern auf dem Parkett der Finanzmärkte degradiert werden. Mit anderen Worten: Banken, Anleger und andere Marktakteure sollten die Rating-Agenturen einfach nicht zu ernst nehmen. Denn deren Meinung ist nur eine von vielen.

Von den Rating-Agenturen wird - das muss man zu ihrer Verteidigung sagen - etwas erwartet, das sie nicht leisten können. Sie müssen bewerten, was trotz aller komplexer mathematischer Verfahren und Modelle nicht bewertbar ist. Denn im Kern haben nicht (nur) die Rating-Agenturen versagt. Die internationalen Bilanzierungsstandards haben den Praxistest nicht bestanden und sich als ungenügender Bewertungsmaßstab erwiesen. Deshalb greift auch die Idee zu kurz, die Notenbanken an die Stelle der privaten Rating-Agenturen zu setzen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Bewertungen mit Risiken, Unsicherheit, Wahrscheinlichkeiten und Einschätzungen verbunden sind. Da helfen weder mathematische Modelle noch Standardisierungen weiter. Im Gegenteil: Sie täuschen eine Genauigkeit und Verlässlichkeit vor, von der sich zu viele haben täuschen und verführen lassen. Das hat auch damit zu tun, dass bei der Bewertung der Fokus auf den einzelnen Sachverhalt, das einzelne Unternehmen oder das einzelne Kreditinstitut konzentriert ist.

Bewertungen täuschen Genauigkeit vor

Ausgeblendet bleiben systemische Risiken. Sie entstehen, wenn faule Kredite gesunde Firmen oder Finanzinstitute anstecken und mit nach unten ziehen. Wie bei einer Pandemie grassiert dann der Bazillus des Wertzerfalls, der zu überstürzten Wertberichtigungen und auch zum gleichzeitigen Kollaps vieler Unternehmen führen kann.

Wie aber lassen sich Bilanzpositionen bewerten, für die es keine aktuellen Preise gibt, weil sie nicht gehandelt werden? Beispiele dafür sind Immobilien, Anlagen, Maschinen, der Wert von Marken, Patenten und Lizenzen oder die politische und gesellschaftliche Verankerung in Netzwerken, Interessenverbänden und langjährige Vertriebs- und Kundenbeziehungen. Die Antwort lautet: nur mit Behelfsgrößen, Erfahrung und Intuition, die alle mit vielen Unsicherheiten verbunden sind. Da werden die Ermessensspielräume bei der Bewertung ein ungelöstes Problem. Da helfen strengere Regulierungen nicht wirklich weiter.

Letztlich ist nur eine Entmachtung der Rating-Agenturen zielführend. Die Rating-Agenturen dürfen für die Entscheidungsbildung auf den Kapitalmärkten nicht mehr die herausragende Rolle spielen wie in der Vergangenheit. Ihre Urteile sollen nur noch zu einer Meinungsäußerung von mehreren werden, auf die hören mag, wer will.

Zur Entmachtung gehört auch eine Zerschlagung des bestehenden Oligopols. Ein Oligopol, das den drei großen Rating-Agenturen einen Marktanteil von rund 95 Prozent sichert und hohe Gewinnmargen garantiert, muss mit wettbewerblichen Maßnahmen zerschlagen werden. Ein intensiverer Wettbewerb ist die erfolgreichere Strategie, den Einfluss der Rating-Agenturen zu brechen, als mit immer größerem Kaliber der Regulierung am eigentlichen Ziel vorbeizuschießen.

Das bedeuten die Ratings

Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
mitbürger 05.05.2010
1. Das ist schon lange im Gespräch
Ich kann mich an eine Aussage von Frau Merkel vor ca. 1 Jahr erinnern, die die Rolle der Rating-Agenturen in der Finanzkrise sehr kritische betrachtet hat. Leider ist seitdem nichts geschehen und die Geschichte hat sich wiederholt. Alles aussitzen wollen ist eben nicht immer der richtige Weg.
wander, 05.05.2010
2. stimmt
der neoliberale Schreihals Straubhaar muss endlich in die Schweiz zurückverramscht werden. Bei der NZZ findet er sicher ein Gnadenbrot, darf die Rive Reine- Konferenz moderieren und sich ab und zu in weinerlich-aggressiven "Reflexen" über den "sozialistischen Terror" der Forderung nach etwas mehr Menschlichkeit im Wirtschaftsleben auslassen.
nanokain 05.05.2010
3. Alles richtig
Nur leider wird es auch diesmal nur bei Lippenbekentnissen bleiben, so wie damals 2008 als man dahinter kam welche Rolle diese Opportunisten vor dem Kollaps des US-Immobilienmarkets spielten.
xzz 05.05.2010
4.
Der Artikel ist der Beweis: Es gibt Kommentatoren, die rein gar nicht von der Materie verstehen, über welche sie schreiben. Gut, zerschlagen wir die Ratingagenturen (den Verlust können wir sicher alle verschmerzen), und dann? Dann müssen die Anleger eben selbst die Griechenland-Anleihen bewerten (vielleicht auch nicht so schlecht), werden aber zu dem selben Ergebnis kommen und die selben Massnahmen treffen. Griechenlands masslose Misswirtschaft verbessert sich nicht dadurch, das man sie totschweigt; Bestenfalls geht ginge ein Staat wie Griechenland dann eben 'überraschend' pleite, was natürlich zu Ausfällen bei Versicherungen und Pensionsfunds (den wichtigsten Kunden für Staatsanleihen) führen würde. Was genau will der Autor denn? Eine rosarote Brille? Dann soll er doch in die Politik gehen... Rating-Agenturen sind in vielen Fällen unnütz und sollten ignoriert werden, sie können selbstständiges Denken nicht ersetzen. Sie sind aber mitnichten Schuld an einer drohenden Staatspleite Griechenlands oder ähnlichen Problemen in Portugal und Spanien.
Mischa, 05.05.2010
5. Selten so was Dummes gelesen.
Zitat von sysopGriechenland ist der Beweis: Rating-Agenturen verschärfen Krisen, statt sie zu verhindern. Weil die Anbieter ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, ist es höchste Zeit für einen radikalen Schnitt. Die Firmen müssen entmachtet und zerschlagen werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,692607,00.html
Klar und nach der nächsten Feuersbrunst sprengen wir dann die Sirenen.
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