Gescheiterte Regierungsbildung Finanzmärkte wegen Italienkrise unter Druck

Die ungewisse politische Lage in Italien hat europaweit für Turbulenzen an den Finanzmärkten gesorgt. Bankaktien und Staatsanleihen gerieten schwer unter Druck. Notenbanken warnen vor einem Vertrauensverlust.

Börse in Mailand
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Börse in Mailand


Die politische Krise in Italien wirkt sich immer stärker auf die Finanzmärkte aus. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen stieg mit bis zu 3,388 Prozent auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren.

Das ist ein Krisensignal, weil Investoren italienische Staatsanleihen verkaufen - sie fallen im Kurs, und die Renditen steigen. Die Renditen von zweijährigen italienischen Staatsanleihen notierten zeitweise um einen ganzen Prozentpunkt höher als am Vortag. Das ist eine für den Anleihemarkt sehr starke Bewegung, die in ihrer Intensität an den Höhepunkt der schweren Eurokrise 2011/12 erinnert.

Die Werte für die zehnjährigen Staatsanleihen indes sind noch weit vom Niveau der Eurokrise entfernt.

Auch am Aktienmarkt gab es Turbulenzen: Der europäische Bankensektor rutschte um 2,61 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2016. Aktien der Deutschen Bank fielen am Dienstag erstmals seit Oktober 2016 wieder unter die Marke von 10 Euro: Sie rutschten um 3,81 Prozent auf 9,90 Euro ab.

Zuletzt beruhigte sich die Lage jedoch wieder etwas, was auch an Stützungskäufen der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen könnte. Nach wie vor kauft die EZB im Rahmen ihrer geldpolitischen Lockerung Staatsanleihen aus der Eurozone.

EZB-Vize: "Wir werden sehen, was nun passiert"

EZB-Vizepräsident Vitor Constancio warnte Italien vor einer neuen Staatsschuldenkrise. "Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen", sagte der scheidende Vize der EZB dem SPIEGEL. "Wir werden sehen, was nun passiert."

Ob die EZB im Notfall eingreifen und Italien vor einer Zahlungsunfähigkeit retten würde, ließ Constancio offen. Jede Intervention müsse "der Erfüllung unseres Mandats dienen" und "bestimmten Bedingungen" folgen. "Italien kennt die Regeln. Sie sollten diese vielleicht noch einmal genau lesen."

Sorgen vor einer weiteren Spaltung Europas belasteten auch die Anleihen anderer Länder. Portugiesische Bonds mit zehnjähriger Laufzeit stiegen mit bis zu 2,4 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Herbst 2017. In Spanien erhöhten sich die Renditen ebenfalls, wenngleich weniger stark als in Italien und Portugal. Auch der Euro geriet unter Druck, er fiel teils auf rund 1,15 Dollar.

Italienischer Notenbankchef warnt vor Vertrauenskrise

Auch die italienische Notenbank warnte vor einem Vertrauensverlust. "Wir dürfen niemals vergessen, dass wir immer nur ein paar Schritte von dem sehr ernsten Risiko eines Verlusts des unersetzbaren Guts von Vertrauen entfernt sind", sagte Ignazio Visco, Gouverneur der italienischen Notenbank, am Dienstag in Rom. Eine Finanzkrise müsse vermieden werden. Visco bestimmt auch im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über die Geldpolitik mit.

Nach der gescheiterten Regierungsbildung droht in Italien ein institutioneller Zweikampf zwischen den beiden populistischen Kräften Fünf Sterne und Lega einerseits sowie Staatspräsident Sergio Mattarella andererseits. Die Fünf Sterne streben ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten an, weil er aus ihrer Sicht mit der Weigerung, den Euro- und Deutschlandkritiker Paolo Savona zum Finanzminister zu ernennen, gegen die Verfassung verstoßen habe. Außerdem haben die Populisten zu einer Großdemonstration aufgerufen.

hej/ssu/dpa-AFX/Reuters



insgesamt 33 Beiträge
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mwroer 29.05.2018
1.
Zum einen: Ja, selbst wenn, und weiter? Zum anderen: Wenn jedes kleine Problem sofort zur Krise für den Euro und die EU wird sollte man sich ggf überlegen ob das ganze Konstrukt nicht einfach untauglich ist und was neues bauen. Was kommt als nächstes? 'Zu milder Frühling, der Euro ist in Gefahr !?'
omop 29.05.2018
2. Finanzmärkte müssen eben immer eine andere Sau...
durchs Dorf jagen. Eine Versachlichung würde der ganzen Entwicklung guttun. Bisher sprechen wir nur von einer Gefahr einer zunehmenden Verschuldung Italiens. Deutschland wäre ggf. gut beraten, ebenfalls seine Verschuldung deutlich hochzufahren, damit es für die Südländer keine Anreize mehr gibt, bei der Haushaltskonsolidierung auf den "reichen" Norden zu hoffen.
stefan1904 29.05.2018
3. Die EU ist schuld, nicht der Euro
Italien braucht keine Abwertung der Währung und ist wettbewerbsfähig. Insgesamt wirft die italienische Wirtschaft gemessen am investierten Kapital mehr Rendite ab als die deutsche. Die Dramatik der italienischen Depression wird deutlich, wenn man weiß, dass vor der Finanzkrise jeder € private Nettoinvestition 6€ Privatkonsum mit sich brachte. Ohne die Politik, zu der Italien seit 2010/11 gezwungen wurde, würde es dem Land besser gehen. Eine Jahrhundertdepressionen mit sinkendem Kapitalstock gab es in Europa wahrscheinlich seit den 1930er-Jahren nicht mehr. Europa hat Italien kaputt gemacht, nicht der Euro.
breguet 29.05.2018
4. Europa ist krank!
Wäre Europa gesund, nicht jede Krise könnte die Existenz bedrohen. Aber Europa ist krank, man könnte es als eine Immunschwäche bezeichnen, jedes Lüftchen kann den Tod bedeuten. Daran sieht man, Europa ist schlecht gemacht und fürchte jetzt wird man daran nichts mehr ändern können. Die Bankenkrise ist wieder voll in den Vordergrund getreten, was nicht weiter verwundert. Die Commerzbank hat für 9,3 Milliarden italienische Staatsanleihen, der Börsenwert der COBA beträgt im Moment etwas mehr als 11 Milliarden, dank EZB Stützungskäufen. Mehr muss man da nicht sagen glaube ich. Noch schlimmer die französischen Banken, kein Wunder dass Macron deutsche "Soidarität" fordert, und Geld meint.
Haarfoen 29.05.2018
5. hipp hipp hurra! ... dann gibt es ja wieder was zu zocken ...
Die internationale Finanzwirtschaft wird sich freuen, der Handel wird belebt. Meldet Italien Insolvenz an, greifen EU / EZB ein? Und wann? Jetzt kann wieder gewettet und Ausfallversicherungen wohlfeil geboten werden, wer hat den richtigen Riecher, wer hat die Nase vorn? Wer platziert jetzt richtig teure Überbrückungskredite und sichert sich Garantien aus Rettungsschirmen? Die Rendite steigt, aber wie lange noch? Wer hat den besten Algorithmus programmiert und wirft in Sekundenbruchteilen wieder früher ab? Ran an die Spaghetti, in Italien ist noch was zu holen! Wenn es nicht so wahr wäre ... mama mia ... aber zum Schluss wird es wieder Silvio Berlusconi richten und die Milliarden sind nicht dort angekommen, wo sie dringend gebraucht würden: Bei den armen Menschen in Italien ...
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