Finanzskandal: Goldman-Sachs-Chef wehrt sich gegen Betrugsvorwürfe

Lloyd Blankfein schaltet in den Angriffsmodus: Der Goldman-Sachs-Chef erklärt die milliardenschweren Betrugsvorwürfe gegen seine Bank für haltlos. Doch immer neue Belege weisen darauf hin, dass die Großbank systematisch Kunden geprellt haben könnte - und dass sich die Affäre sogar auszuweiten droht.

Goldman-Chef Blankfein: "Geld für Schulen oder Straßen" Zur Großansicht
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Goldman-Chef Blankfein: "Geld für Schulen oder Straßen"

New York/Washington - Lloyd Blankfein ist für seine markigen Worte bekannt. " Banken verrichten Gottes Werk", sagte der Goldman-Sachs-Chef im vergangenen November, um sich gegen anhaltende Zockervorwürfe zur Wehr zu setzen. Sein Verbalvorstoß irritierte nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die Kirche.

Angesichts der Betrugsvorwürfe, mit denen sich sein Haus jetzt konfrontiert sieht, gibt sich Blankfein nicht weniger angriffslustig. Am Nachmittag muss der mächtige Finanzboss zusammen mit anderen Top-Managern vor dem Finanzausschuss des US-Senats aussagen. Doch schon vorab beteuert Blankfein seine Unschuld.

Er sagt, er fühle sich missverstanden, sieht sich als Opfer von Vorurteilen. "Ich verstehe, wie eine solche komplizierte Transaktion für manche Menschen aussehen muss", heißt es in einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme des Bankenchefs. "Sie fühlen sich bestätigt in ihrer Annahme, dass die Wall Street außer Kontrolle geraten ist."

Die US-Börsenaufsicht SEC wirft Goldman Sachs vor, riskante Wertpapiere mit unvollständigen Angaben vermarktet zu haben. Mehrere Anleger, darunter auch die deutsche Mittelstandsbank IKB Chart zeigen, verloren der SEC zufolge insgesamt rund eine Milliarde Dollar, während ein an dem Finanzprodukt beteiligter Hedgefonds in etwa genauso viel daran verdiente. Einem Entlastungszeugen zufolge soll das unabhängige Institut ACA davon gewusst und dennoch ein Gütesiegel für die strittigen Goldman-Hypotheken vergeben haben.

"Geld für Schulen oder Straßen"

Seit knapp zwei Wochen belastet der Vorwurf die komplette Bankenbranche. Andere Institute hatten ähnliche Finanzprodukte aufgelegt. Anleger fürchten teure Schadensersatzklagen und eine härtere Regulierung.

Blankfein sagt, die Krise habe Investmentbanken in Verruf gebracht. Es bildete sich der Stereotyp des gierigen Bankers heraus, der um seiner eigenen fetten Boni willen mit windigen Geschäften die gesamte Wirtschaft in den Abgrund reißt.

Tatsächlich aber würden seine Mitarbeiter der Regierung helfen, sagte Blankfein. Sie würden Geld für Schulen oder Straßen auftreiben.

"Wir haben sicherlich nicht gegen unsere Kunden gewettet", beteuert der Manager. Sein Haus habe keinesfalls auf fallende Immobilienpreise gesetzt; es habe keineswegs vom Leid anderer Anleger profitiert. Im Gegenteil: Goldman Sachs habe Geld verloren. Viel Geld. Rund 1,2 Milliarden Dollar.

"Es sieht ganz danach aus, als ob wir richtig Geld machen würden"

Unterlagen des US-Senats sprechen eine andere Sprache. Seit Samstag werden immer neue E-Mails öffentlich, denen zufolge Goldman in der Hypothekenkrise viel Geld verdient hat. Und Blankfein hat sich damit gebrüstet.

"Natürlich sind auch wir nicht von dem Hypotheken-Chaos verschont geblieben", schrieb der Boss demzufolge 2007 in einer E-Mail an die Belegschaft, die Samstag das erste Mal öffentlich wurde. Die Bank büße zwar auf der einen Seite durch den Verfall von Immobilienpreisen Geld ein, auf der anderen Seite "haben wir mehr verdient, als wir verloren haben". Denn: Das Institut spekulierte auf den Preisverfall, womit sich an der Börse viel Geld verdienen lässt.

Der hochrangige Manager Donald Mullen stellte im Oktober desselben Jahres in einer E-Mail über die Entwicklung einiger Hypothekenkredite fest: "Es sieht ganz danach aus, als ob wir richtig Geld machen würden."

Am Montag nun wurden neue Mails öffentlich. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert aus einem Schreiben eines Goldman-Angestellten aus dem Jahr 2007. Er habe ein "sehr schlechtes Gefühl" wegen einiger Geschäfte, die die Bank mit Kunden abgeschlossen habe. Der Schaden sei "beträchtlich", heißt es in der E-Mail, an Daniel Sparks, den früheren Chef von Goldmans Immobiliensparte.

Laut "New York Times" geht die amerikanische Regierung inzwischen obendrein dem Verdacht nach, dass Goldman seine Anleger nicht nur in dem einen Fall geprellt haben könnte, den die SEC prüft - sondern noch in zahlreichen anderen. Der demokratische Senator Carl Levin, der den US-Finanzausschuss leitet, habe auf einer Pressekonferenz am Montag mit einem Papier-Päckchen gewedelt, das "so groß wie zwei Brotkisten" gewesen sei. Es handle sich um Kopien von E-Mails, die belegten, dass Goldman bei mehreren Finanzgeschäften "das eigene Interesse dem Kundeninteresse vorgezogen habe, sagte Levin.

Goldman Sachs gehört zu den absoluten Spitzenverdienern der Branche. Selbst in der Krise schrieb die Bank nach einem kurzen Einbruch schnell wieder Milliardengewinne. Das machte sie zum bevorzugten Ziel von Branchenkritikern. Für Levin ist Goldman Sachs ein Fallbeispiel für das unverantwortliche Agieren der Investmentbanken, die sich auf Kosten ihrer eigenen Kunden bereichert hätten.

Reformgesetz für Finanzmärkte im Senat zunächst gestoppt

Viele Banker sind dagegen der Meinung, dass die Klage gegen Goldman Sachs politische Gründe hat. Derzeit treibt US-Präsident Barack Obama seine Finanzmarktreform voran, mit der er die Banken zügeln will. Die Branche und die oppositionellen Republikaner stehen dem Vorhaben aber im Weg.

Blankfein stellte sich ausdrücklich hinter eine Reform, die für mehr Transparenz sorgt. Er lehnte aber ein Verbot bestimmter Anlageformen ab. Vor allem die sogenannten Derivate waren in der Krise in Verruf geraten, hatten sich doch viele Investoren mit den teils sehr kompliziert aufgebauten Finanzprodukten verspekuliert. Die Steuerzahler mussten schließlich das Finanzsystem mit Unsummen vor dem Kollaps bewahren.

Der US-Senat indes hat das Gesetz zur schärferen Kontrolle der Finanzmärkte vorerst gestoppt. Eine Mehrheit der Mitglieder lehnte es am Montag ab, die Debatte über den Entwurf der Demokratischen Partei von US-Präsident Barack Obama aufzunehmen. Mit der republikanischen Seite stimmte auch ein Demokrat gegen die Vorlage. Damit müssen die Initiatoren um den einflussreichen demokratischen Senator Christopher Dodd einen neuen Anlauf unternehmen.

Dodd hofft, gemeinsam mit den Republikanern einen überparteilichen Gesetzentwurf vorlegen zu können. Die Verhandlungen darüber waren wiederholt abgebrochen worden. Unter dem Eindruck der Betrugsaffäre bei der Investmentbank Goldman Sachs äußerten sich zuletzt jedoch beide Seiten optimistisch, bald eine Einigung über eine konsequentere Aufsicht zu erreichen.

ssu/dpa/Reuters

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1. Mammons Trickkiste
archelys, 27.04.2010
Zitat von sysopLloyd Blankfein schaltet in den Angriffsmodus: Der Goldman-Sachs-Chef erklärt die milliardenschweren Betrugsvorwürfe gegen seine Bank für haltlos. Doch immer neue Belege weisen darauf hin, dass die Großbank systematisch Kunden geprellt haben könnte - und dass sich die Affäre sogar auszuweiten droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,691407,00.html
Nun denn, Herr Blankfein, warten wir mal ab, ob Ihnen auch noch die Kirchen zufallen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,660075,00.html
2. nit möööglich
worm80 27.04.2010
Zitat von sysopLloyd Blankfein schaltet in den Angriffsmodus: Der Goldman-Sachs-Chef erklärt die milliardenschweren Betrugsvorwürfe gegen seine Bank für haltlos. Doch immer neue Belege weisen darauf hin, dass die Großbank systematisch Kunden geprellt haben könnte - und dass sich die Affäre sogar auszuweiten droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,691407,00.html
Kann doch gar nicht sein, daß Goldman-Sachs betrogen hat. Man hat doch nur "Gottes Werk vollbracht",(lt. GS-Chef Blankfein), und das kann doch keinesfalls Betrug sein, denn Gott betrügt doch nicht, der würfelt ja nichteinmal (lt. A. Einstein).:-))
3. Wer hätte das Gedacht
philosoph123 27.04.2010
Mit den Investmentbanken wird jetzt doch noch mal abgerechnet. Ich erinnere mich als Paul Krugmann bei der Clinton Adminstration ausgeschieden war und inoffiziell verlautet ist, dass seine Worte nach dem Abschied waren (sinngemäß): "Früher hatten Regierungen echte Probleme, Kriege und Hungersnöte. Und worum geht es heute? Nur die Wünsche eine Straße sollen erfüllt werden.." Man sollte das Bankwesen auf einen Leverage von 10 "runteregulieren" und nicht 20-60 so wie heutzutage üblich. Die fetten Profite wären dann übrigens auch dahin - laut Hilmar Koper in der legendären Sendung in der ARD (Maybrit Ilgner?) liegt die Bruttomarge bei 1% multipliziert mit einem Hebel von 10 und wir sind bei einer EK-Rendite von 10% (so ganz grob). Das hört sich dann schon eher nach einem ganz normalen Unternehmen an. Und das sind Banken ja eigentlich auch - sie sind im Einzelhandelsgeschäft tätig. Einzelhändler für Kredit und Anlageformen... Wird Zeit das diese gewöhnliche Branche nicht durch den krassen Einsatz von Leverage ihre Rendite "pimpt" und die erhöhten Risiken dieses Leverages darf dann die Allgemeinheit bezahlen....
4. lernresistent
zynik 27.04.2010
Zitat von archelysNun denn, Herr Blankfein, warten wir mal ab, ob Ihnen auch noch die Kirchen zufallen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,660075,00.html
Wirklich Besorgnis erregend ist die absolute Lernresistenz und die Unfähigkeit das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Ideologische Fanatismus gepaart mit Größenwahn: Das erinnert gerade uns Deutsche an wirklch gruselige Zeiten.
5. Gruselige Zeiten.
frank_lloyd_right 27.04.2010
Zitat von zynikWirklich Besorgnis erregend ist die absolute Lernresistenz und die Unfähigkeit das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Ideologische Fanatismus gepaart mit Größenwahn: Das erinnert gerade uns Deutsche an wirklch gruselige Zeiten.
Bitte nicht vergessen,daß Blankfein ein Goldmann (noblesse) und im Auftrag des HERRN unterwegs ist. Wartet mal, bis die Reps wieder dran unter Sarah Palin als Präsidentin... dann geht´s aber ab ! Mit den gruseligen Zeiten müssen Sie die 90er meinen :)
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Die Akteure in der Goldman-Affäre
Goldman Sachs
REUTERS
Die US-Investmentbank soll Investoren um eine Milliarde Dollar geprellt haben. Die Börsenaufsicht SEC hat eine Zivilklage gegen die Bank eingereicht. Im Zentrum der Klage: Sogenannte "collateralized debt obligations" (CDO). Die fragliche CDO trug den Namen "Abacus 2007-AC1". Dieses "synthetische" Spekulationsvehikel war nichts anderes als ein Portfolio aus weiteren Kunstprodukten: "Credit default swaps" (CDS) - virtuelle Versicherungsverträge, mit denen sich Großbanken gegen Verluste auf dem Immobilienmarkt absicherten.

Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll von Anfang an auf ein Scheitern von "Abacus" spekuliert haben - und zwar mit dem Wissen der Goldman-Sachs-Verantwortlichen. Die Bank streitet die Vorwürfe als "völlig haltlos" ab und will sich und die eigene Reputation "energisch verteidigen".

Fabrice Tourre
Der aus Frankreich stammende Manager galt als Jungstar bei Goldman Sachs - Spitzname "fabelhafter Fab". Seine Aufgabe war es unter anderem, das "Abacus"-Paket an die Investoren zu verkaufen. Nach Bekanntwerden der Klage tauchte er ab und ließ über seinen Rechtsanwalt jeden Kommentar verweigern.
John Paulson
REUTERS
Der Vorwurf der Börsenaufsicht SEC: Der legendäre Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll die Zusammensetzung von "Abacus" zu seinen Gunsten gesteuert haben. Paulson soll demnach von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert haben - und manipulierte das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend, indem er nur "schwache" CDS darin gebündelt habe. Er habe, so zitiert die SEC einen Mitarbeiter, auf ein "Wipeout-Szenario" gehofft.
Börsenaufsicht SEC
Die US-Börsenaufsicht wirft Goldman Sachs vor, Investoren hintergangen zu haben, indem die Bank ihnen die Risiken des komplexen Investmentprodukts vorenthalten habe. 22 Seiten mit vernichtenden Fakten, Indizien, E-Mails und internen Memos hat die SEC in ihrer Betrugsklage gegen die Bank und einen Vizepräsidenten zusammengestellt.
Finanzmakler ACA
Die renommierte Finanzfirma verlieh dem CDO ihr Gütesiegel. Was weder ACA noch die Investoren nach Ermittlungen der SEC wussten: Paulson habe von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert - und das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend manipuliert, indem er nur "schwache" Kreditausfallversicherungen darin gebündelt habe. Ein früherer enger Mitarbeiter soll laut TV-Berichten aber zu Protokoll gegeben haben, dass ACA über die Leerverkaufstrategie Paulsons sehr wohl informiert worden sei.
IKB
dpa
Einer der Geschädigten war die deutsche IKB. Die Mittelstandsbank investierte rund 150 Millionen Dollar in "Abacus 2007-AC1". Der Deal endete in einem Desaster. Nur Monate später waren die Anlagen wertlos. Die IKB verlor laut Börsenaufsicht SEC fast ihr gesamtes Investment.

CDO
Was sind CDOs?
Als Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, bezeichnet man eine bestimmte Klasse Finanzprodukte. In CDOs werden zahlreiche Wertpapiere zu neuen Paketen zusammengeschnürt - Papiere mit hohem Ausfallrisiko werden dabei mit sichereren Anlagen kombiniert.
Wie setzen sie sich zusammen?
CDOs werden in drei Tranchen aufgeteilt: Senior, Mezzanine und Equity. Anleger können die unterschiedlichen Tranchen kaufen und erhalten, je nach Ausfallrisiko, unterschiedliche Zinsen. Das Ausfallrisiko steigt, da die Tranchen im Falle von Abschreibungen nacheinander bedient werden: Besitzer von Senior-Tranchen erhalten vor denen von Mezzanine-Tranchen ihr Geld zurück - und diese vor Besitzern der Equity-Tranche.
Kritik
CDOs sind in der Finanzkrise massiv in die Kritik geraten, denn sie lassen risikobehaftete Kreditforderungen wie sichere Investments aussehen. Zahlreiche Anleger fielen darauf herein.