Neuer Chef Joe Kaeser: Der Retter von Siemens

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Neuer Siemens-Chef Joe Kaeser: Schattenmann im Rampenlicht

Das Votum des Aufsichtsrats war einstimmig: Joe Kaeser ist neuer Chef von Siemens. Er ist in der Firma groß geworden, stand aber immer im Hintergrund und hat den Konzern schon einmal gerettet.

Am Ende gab es keinen Widerstand: Der Aufsichtsrat von Siemens hat den bisherigen Finanzvorstand Joe Kaeser, 56, am Mittwoch zum 15. Konzernchef in der 166-jährigen Unternehmensgeschichte gewählt. Es reichte ein Wahlgang, die Kaeser-Kritiker im Aufsichtsrat gaben klein bei.

Joe wer?, hatten sich viele gefragt, als der Name des drahtigen Top-Managers mit der kecken Haartolle erstmals durchsickerte. "Omar Sharif vom Wittelsbacherplatz" wurde der gebürtige Niederbayer intern früher einmal genannt - auch wegen seines eindrucksvollen Schnurrbarts. Den ließ er sich vergangenen November allerdings abrasieren. "Schattenmann" war sein zweiter Spitzname, weil er immer im Hintergrund stand - zunächst von Ex-Siemens-Lenker Klaus Kleinfeld, der den Betriebswirt im Mai 2006 an seine Seite holte, später von Peter Löscher.

Und ausgerechnet dieser Mann soll Siemens nun erneut retten? Diesmal nicht aus der Schmiergeldaffäre, sondern aus der Mittelmäßig- und Perspektivlosigkeit?

Sparen allein reicht nicht

Vermutlich gibt es in der gegenwärtigen Situation bei dem Unternehmen tatsächlich keinen Anderen für diese Aufgabe - und keinen Besseren. Wie ein Wanderprediger zieht Kaeser schon seit Monaten durch die große, weite Siemens-Welt, um seine Botschaft loszuwerden, die da lautet: Es reicht nicht, nur zu sparen. Man muss der Belegschaft auch erklären, wo die künftigen Wachstumschancen und -märkte liegen. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sehen das genauso. Deshalb haben sie Kaeser bei der Wahl auch unterstützt.

Nur bei einem stieß der Finanzchef immer wieder auf taube Ohren: seinem Vorgänger Peter Löscher. Ob der gebürtige Österreicher zu eitel war, um auf seinen Rivalen zu hören, oder keine Lust hatte, sich mit Detailfragen in den einzelnen Geschäftsbereichen zu befassen, spielt inzwischen fast keine Rolle mehr. Kaeser dagegen war fachlich immer auf der Höhe - und ließ Löscher dessen Defizite genüsslich spüren. Außerdem verfügt Kaeser über eine Gabe, die seinem Vorgänger schmerzlich abgeht: prägnant und allgemeinverständlich zu formulieren und die Menschen dabei mitzureißen.

Das war allerdings auch bei Kaeser nicht immer so. Als der Schnelldenker im Frühsommer 2006 überraschend zum Nachfolger des im Vorfeld der Korruptionsaffäre überstürzt ausgeschiedenen Finanzchefs Heinz-Joachim Neubürger ernannt wurde, hatte er rhetorisch noch Nachholbedarf. Seine genuschelten, mit Anglizismen gespickten finanztechnischen Erläuterungen waren selbst für Liebhaber gehobener Erbsenzählerei oft schwere Kost.

Doch diese Phase ist lange vorbei. Kaeser verpackt seine Botschaften heute verständlich und druckreif, zuweilen sogar feinsinnig. Und er leistet sich einen Luxus, der in den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft leider viel zu selten anzutreffen ist: Selbstironie.

Kaeser hat Siemens schon einmal gerettet

So gesehen ist es nur konsequent, dass er den eher blutleer wirkenden Löscher nun beerbt. Der ist ihm ohnehin zu Dank verpflichtet. Was viele nicht wissen: Ohne Kaesers Cleverness hätte Löscher bei Siemens womöglich erst gar nicht anzufangen brauchen.

In den wahren Chaostagen bei Siemens nämlich, zwischen April und Juni 2007, als der Konzern unter der Korruptionsaffäre ächzte, Firmenchef Kleinfeld abgelöst wurde, der Neue allerdings noch nicht da war, hatten Investoren begonnen, eine Wandelanleihe aufzukaufen, die zum Umtausch des Papiers in Siemens-Aktien berechtigte. Der Aggressor hätte sich beinahe bis zu zehn Prozent der Anteile sichern und zusammen mit anderen Großaktionären versuchen können, den Multi gewinnbringend zu zerschlagen. Doch Kaeser und seine Mitarbeiter entdeckten die Invasion frühzeitig und schlugen den Angriff zurück, indem sie die Anleihe auf einen Schlag zurückkauften.

Eine Prämie oder Belohnung erhielt Kaeser für seinen Einsatz damals nicht. Aber vielleicht bekam er ja auch deshalb zuletzt mit mehr als vier Millionen Euro fast eine Million Euro mehr Gehalt als seine Vorstandskollegen. Nun ist sogar noch einiges mehr drin. Löscher hatte zuletzt fast acht Millionen Euro verdient.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Wenn das große Einkaufen losgeht,
mielforte 28.07.2013
also das Freihandelsabkommen in Kraft tritt, sollte Siemens in einem Zustand sein, um dafür nicht allzu viele Papierdollars auf den Tisch legen zu müssen. Es soll ein Zustand erzeugt werden, der die rettende Übernahme zwingend und vernünftig erscheinen lässt. Gleiches Prozedere wird es in anderen Old-Germany-Unternehmen geben. Freihandel = friedliche Übernahme.
2. Bitte achten Sie auf ihre Wortwahl
Schlangenzung 28.07.2013
Zitat von sysopLöscher hatte zuletzt fast acht Millionen Euro verdient.
Muss natürlich heißen: Löscher hatte zuletzt fast acht Millionen Euro eingenommen.
3. Der Wundermanager
roskipper 28.07.2013
Zitat von sysopEr steht kurz vor dem Ziel: In wenigen Tagen wird der Finanzchef von Siemens, Joe Kaeser, die Nachfolge des glücklosen Peter Löscher antreten. Er ist bei und mit Siemens groß geworden, stand aber immer im Hintergrund und hat den Konzern schon einmal gerettet. Finanzvorstand Joe Kaeser gilt als Retter von Siemens - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/finanzvorstand-joe-kaeser-gilt-als-retter-von-siemens-a-913561.html)
Dieser Buchhalter und Erbsenzähler ist so eine Art von Wundermanager der Deutschen Industrie wie es Pepe Guardiola beim FC Bayern München als Coach ist. Es gab schon mal die Legende von Mr. Siemens, der eitle Industrieberater der Kanzlerin aka Heinrich von Pierer, dessen Ruf schon lange zu Staub geworden ist. Die Visionen die Löscher entwickelt hat ( Wiindkraft etc und Solartechnik) mit denen konnte man bei Siemens leider kein Geld verdienen, das war sein Problem. Sowas können die Chinesen billiger machen. Der alte NEUE selbst an der Talfahrt als Stratege beteiligt gewesen, kann nur durch weiteres Niedriglohndumping den Laden profitabel machen und die letzten guten Deutschen Ingenieure von Siemens vertreiben. Dann ist Siemens am Ende. Mission accomplished. ...wir können nicht einmal mehr einen gescheiten Deutschen PC bauen oder ein gestyltes Handy liefern. Von IC's die pünktlich mit Airconditioning geliefert werden, gar nicht zu sprechen.
4. Wieder kein Naturwissenschaftler?
mundi 28.07.2013
Der Industriekonzern Siemens wird schon seit Jahren von Kaufleuten von Juristen regiert. Es ist so, als wären im Vorstand einer Großbank nur Ingenieure. Kein Wunder, dass nicht neue Produkte, sondern Personalabbau als Mittel das alleinige Rezept für Gewinnmaximierung gesehen wird. Wichtig ist, dass man mal in den USA war und Englisch beherrscht.
5. Vom Wettbewerb "da oben" keine Spur
donnerfalke 28.07.2013
Die Märchen vom Wettbewerb und freier Wirtschaft werden nur einem Arbeitnehmer erzählt. Die Manager sind nur Attrappen aus der Finanzmafia die von einem "Nest" in das Andere springen.
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