Finanzwirtschaft: Rösler will weltweites Verbot von Leerverkäufen

Bundeswirtschaftsminister Rösler fordert ein generelles Verbot für ungedeckte Leerverkäufe von Aktien. Zugleich flammt die Debatte über sogenannte Euro-Bonds wieder auf: Wären sie die Rettung oder Verhängnis?

Berlin - Hochspekulative ungedeckte Leerverkäufe sollen nach dem Willen von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler künftig weltweit verboten werden. Der FDP-Politiker begrüßte, dass nach Deutschland nun auch Frankreich, Italien, Spanien und Belgien Leerverkäufe zahlreicher Finanzaktien untersagt haben. Es sei aber notwendig, "dass hochspekulative Finanzgeschäfte nicht nur in Europa, sondern auch auf der Ebene der G-7-Staaten verboten werden. Das Thema muss beim nächsten Weltwirtschaftsgipfel auf die Tagesordnung", so Rösler in der "Welt am Sonntag".

Bei Leerverkäufen setzen Investoren auf schwächelnde Kurse einer Aktie, die sie gegen eine Gebühr leihen und weiterverkaufen. Geht ihre Wette auf, können sie später die Papiere günstiger erwerben und dem Verleiher zurückgeben. Bei ungedeckten Leerverkäufen besitzen sie die Papiere nicht einmal.

Auch die Diskussion über gemeinsame europäische Staatsanleihen flammt angesichts der aktuellen Wirtschaftsturbulenzen auf: Grünen-Chef Cem Özdemir forderte die Einführung sogenannter begrenzter Euro-Bonds: Diese seien "allemal günstiger als gigantische Rettungsschirme", sagte Özdemir der "Rheinischen Post". Dem zu erwartenden Zinsanstieg bei Staatsanleihen könne man entgegenwirken, wenn "nur Anleihen bis 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts über Euro-Bonds laufen dürfen". Weitere Schulden müsse jeder Staat selbst verantworten.

Kultur der Stabilität

Dagegen sagte Rösler, statt Euro-Bonds brauche es eine langfristige Stabilitätskultur in Europa. "Deshalb habe ich in dieser Woche Ideen für einen verstärkten europäischen Stabilitätspakt vorgelegt." Dieser sieht unter anderem die Einführung einer Schuldenbremse in allen Euro-Staaten vor.

Bisher gibt es im Eurogebiet keine gemeinsame Schuldenpolitik - jeder Staat gibt eigene Anleihen heraus. Mit Euro-Bonds würde die Schuldenaufnahme - zumindest zum Teil - auf den ganzen Raum verteilt. Der Zinssatz wäre dann für alle Staaten gleich. Die Euro-Krisenländer kämen zu günstigeren Konditionen an Geld, für Euro-Länder mit starker Wirtschaftsleistung würde die Kreditaufnahme deutlich teurer. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist deshalb entschieden gegen Euro-Bonds, EU-Währungskommissar Olli Rehn dafür.

Ebenfalls gegen Özdemirs Vorschlag wandte sich Unions-Finanzobmann Hans Michelbach: "Wer den Weg für Euro-Bonds freimachen will, legt die Axt an die Stabilität des Euro." Euro-Bonds seien der Einstieg in eine Transferunion, "die am Ende alle Euro-Staaten in einen Abwärtsstrudel reißen würde". Den Nutzen hätten vor allem Großspekulanten: Sie erhielten mit Euro-Bonds einen Zugriff auch auf die Finanzen von Staaten mit Spitzenbonität.

"Die letzte Chance"

Deutschlands größte Fondsgesellschaft DWS plädierte für die Einführung von Euro-Bonds: "Wenn Frankreich weiter eskaliert, werden Euro-Bonds die letzte Chance sein", sagte Asoka Wöhrmann, oberster Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter, der "Welt am Sonntag". Der Markt werde weiter testen, wie ernst es den Regierungen mit ihrer Schuldenpolitik sei. Euro-Bonds könnten in dieser Lage für eine Beruhigung sorgen.

Für Weltbank-Chef Robert Zoellick ist die europäische Schuldenkrise weit schlimmer als die amerikanische. "Wir erleben den Anfang eines neuen und anderen Sturms - es ist nicht der des Jahres 2008", sagte er der Zeitung "The Australian". Die Sorgen über die europäischen Schulden seien sehr viel größer als die über die Herabstufung der amerikanischen Kreditwürdigkeit. Die Maßnahmen der EU blieben hinter dem zurück, was notwendig sei. Dabei sei die Lehre aus der Krise 2008: "Je später du handelst, desto mehr musst du tun."

Führende Ökonomen rechnen für den theoretischen Fall einer D-Mark-Wiedereinführung mit einer wirtschaftlichen Katastrophe. "Die Exporte würden innerhalb weniger Monate deutlich abstürzen", sagte Konjunkturforscher Gustav Horn der "Welt am Sonntag". Ähnliches erwartet der Ökonom Michael Burda: "Die wieder eingeführte D-Mark könnte innerhalb weniger Monate um 50 Prozent aufwerten", sagte er. "Das würde den deutschen Mittelstand mit einem Schlag auslöschen."

jdl/dpa

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Forum - Droht eine neue Finanzkrise?
insgesamt 1342 Beiträge
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1.
Taixinomee 06.08.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse in den wichtigen Industriestaaten stürzen ab, Währungen bröckeln, ehemals stabile Nationen stehen vor dem Ruin: Die Welt gerät ins wirtschaftliche Wanken. Droht uns eine neue, schlimmere Finanzkrise als je zuvor?
Hilft nur Militärausgaben, Entwicklungshilfe und Doppelmoral kürzen! Militär kürzen: Wozu brauchen wir eigentlich eine Bundeswehr? Wenn wir von Aliens angegriffen werden, kämpfen sowie so die Amis für uns. Stattdessen werden wir beim Afghanistaneinsatz jetzt in die Pflicht genommen, weil wir eine Armee haben. Andere Nationen schicken nur eine Horde Affen zur Minenräumung. Entwicklunghilfe/Doppelmoral: Mal ehrlich haben wir nicht genug Probleme bei uns zu Hause, dass wir uns um die ach so tolle Demokratie in anderen Ländern kümmern nur um doch wieder Panzer an die Bösen zu verkaufen? Gegen USA absichern: Das ist ein Fass ohne Boden. So sehr sie uns militärisch schützen, so sehr stürzen sie uns in die nächste Krise. Das heißt im Klartext, die Wirtschaft stärker mit finanziell stabileren Ländern zu verflechten.
2.
henningr 06.08.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse in den wichtigen Industriestaaten stürzen ab, Währungen bröckeln, ehemals stabile Nationen stehen vor dem Ruin: Die Welt gerät ins wirtschaftliche Wanken. Droht uns eine neue, schlimmere Finanzkrise als je zuvor?
Schulden sind alles worauf der westliche Wachstum in diesem kaputten System, dass irreführend als freie Marktwirtschaft propagiert wird, gebaut war. Diese Krise läuft zeitlich etwas verzögert, aber im Grunde mit den gleichen "Fehlern" ab wie die von 1929. Auch die Ursachen, Schuldenblasen (damals Aktien, heute alles), sind gleich. Erst werden Banken gerettet, dann wird gespart. Nur die Konjunkturprogramme gab es damals nicht. Der Karren wird nun (wieder) absichtlich gegen die Wand gefahren. Und wir werden die gleichen Folgen sehen. Nur ist diesmal m. E. eine andere "Lösung" vorgesehen. Eine erneute Regulierung der Finanzmärkte und harte Besteuerung der Reichen wird es diesmal nicht geben. Mit der Herabstufung durch die Hausagentur der privaten US-amerikanischen Notenbank FED, S&P, ist die Endphase der Krise eingeläutet. Wir werden bal eine neue Währung haben. Eine Währung.
3. neu?
fegefeurer 06.08.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse in den wichtigen Industriestaaten stürzen ab, Währungen bröckeln, ehemals stabile Nationen stehen vor dem Ruin: Die Welt gerät ins wirtschaftliche Wanken. Droht uns eine neue, schlimmere Finanzkrise als je zuvor?
Was denn für eine NEUE Krise?
4. Systemfehler
Seldon, 06.08.2011
Die Geldberge werden ja deshalb nicht in der "Realwirtschaft" investiert, weil hier keine entsprechende Geldvermehrung erwartet wird. Und das zu Recht. Die Überproduktion der "Realwirtschaft" ist schon jetzt gegeben. Wohin sol das sinnvoll noch wachsen? Was wollen Sie denn mit den Mrd.-Investitionen noch alles (zusätzlich) produzieren und v.a., wer soll das Ganze dann konsumieren (und vorher möglichst noch bezahlen...)? "Was niemand wahrhaben will: Die materiellen Produktionskapazitäten sind über die gesellschaftliche Form der Kapitalverwertung hinausgewachsen. Deshalb greift auch das Argument zu kurz, dass wir es nun mit einer Sozialisierung der Verluste auf Kosten der Steuerzahler zu tun hätten. Das würde immer noch eine intakte reale Verwertung voraussetzen. Tatsächlich sind aber die Kreditblasen als Vorgriff auf eine imaginäre zukünftige Wertschöpfung zur fragilen Basis des gesamten Weltsystems geworden. Nimmt man die gesellschaftlichen Produktivkräfte als Maßstab, dann leben die meisten Menschen weit unter ihren Verhältnissen. Während nach internationalen Statistiken die globale Massenarmut weiter steigt, ist das Dasein der viel beschworenen Mittelschichten auch in den Schwellenländern vom aufgeblähten nationalen und transnationalen Kredit abhängig. Davon nährt sich beispielsweise der aktuell bejubelte Exportboom der Autoindustrie. Das Hinauszögern einer Marktbereinigung durch immer neue Bürgschaften und Umschuldungen ist nichts anderes als der Versuch, die Produktivkräfte weiterhin in die substanzlos gewordene Verwertungslogik einzubannen. Aber die Löcher im Finanzsystem werden nur gestopft, um neue aufzureißen. Die nächste Finanzkrise ist durch die aufschiebenden Maßnahmen selbst programmiert, egal wo sie ihren Ausgang nimmt. Es ist die kapitalistische Produktionsweise selbst, die längst über ihre eigenen Verhältnisse lebt." Kurz (http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=0&posnr=484) Wachstum geht nur noch durch wachsende Verschuldung auf allen Ebenen, also durch einen immer größeren Vorgriff auf zukünftigen Mehrwert, der real nicht mehr eingelöst werden kann, weil die Produktivitätssteigerung die Wertsubstanz aushöhlt. Bereits in den 80er Jahren begann sich der „Finanzüberbau“ von der realen Mehrwertproduktion zu entkoppeln. Globale Massenarbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Prekarisierung einerseits und die Expansion von „fiktivem Kapital“ andererseits bildeten die Kehrseite derselben Medaille. Seit den 90er Jahren begann der Prozess eines Recyclings von Finanzblasen-Kapital in die Realökonomie. Produktion und Konsum wurden immer weniger von realen Profiten und Löhnen getragen, sondern zunehmend von Einkommen aus fiktiven Wertsteigerungen auf der Zirkulationsebene (Kaufen und Verkaufen von Finanztiteln). Mit der jetzigen neuen Qualität der Finanzkrise wird auch in dieser Hinsicht ein Kulminationspunkt erreicht. Die sich vollziehende „Kernschmelze“ des Kreditsystems erschwert das Aufblähen von neuen Finanzblasen oder macht sie ganz unmöglich. Die neue Geldschwemme der Notenbanken füttert nicht mehr indirekt die Konjunktur, sondern verwaltet nur noch die Konkursmasse der Finanzblasen-Ökonomie. #590 (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=2865902&postcount=590)
5.
tom_hwi, 06.08.2011
Zitat von fegefeurerWas denn für eine NEUE Krise?
Stimmt, ist immer noch die ALTE Krise, wo sich das "Zwischenhoch" so langsam aber sicher wieder verabschiedet. Notenpressen anwerfen, um neue Schulden zu machen, konnte ja auf Dauer nicht gut gehen. Die Anzeichen stehen mal wieder für einen schwarzen Montag, der die Börsen erschüttern wird. Man darf wirklich gespannt sein, ob man endlich mit der Grundreinigung anfängt oder mal wieder nur oberflächlich über den Dreck hinwegwischt.
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