Ökostrom-Boom an Land: Umweltbundesamt will Förderstopp für Hochsee-Windräder

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Laut einer Studie des Umweltbundesamts sind die Potentiale von Windenergie an Land weit größer als erwartet. Behördenchef Flasbarth fordert deshalb, die Zahl der Hochsee-Anlagen deutlich zu verringern - und die Offshore-Technologie nicht länger über das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu fördern.

Windräder in Niedersachsen: "Flächen noch und nöcher" Zur Großansicht
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Windräder in Niedersachsen: "Flächen noch und nöcher"

Hamburg - Das Umweltbundesamt bescheidet der Windenergie an Land eine große Zukunft. Man könnte in der Bundesrepublik Windräder mit einer Leistung von bis zu 1190 Gigawatt aufstellen, hat Deutschlands zentrale Umweltbehörde in einer Studie ausgerechnet, über die DER SPIEGEL vorab berichtet. Das Potential ist damit weit größer als angenommen.

Behördenchef Jochen Flasbarth fordert deshalb Konsequenzen für den Ausbau der Offshore-Windenergie. Diese verliert seiner Meinung nach "an Bedeutung". "Industriepolitische Gründe sprechen sicher dafür, die Technik weiterzuentwickeln", sagt er SPIEGEL ONLINE. Deutschland würde sich so die Option erhalten, die Technologie weltweit zu exportieren und Arbeitsplätze in Häfen und Werften zu sichern. "Das muss aber nicht unbedingt über das Erneuerbare-Energien-Gesetz geschehen."

"Ich kann mir gut vorstellen, die Offshore-Windenergie künftig nicht mehr über das EEG zu fördern", sagt Flasbarth. "Als Alternative kämen beispielsweise steuerfinanzierte Ausschreibungen in Betracht." Aus Kostengründen sei es zudem ratsam, "die Mengenziele für die Offshore-Windkraft abzusenken". Trotz der hohen Potentiale an Land bleibe die Offshore-Windkraft aber ein wichtiger Pfeiler im Energiemix.

Die Bundesregierung hat das Ziel ausgerufen, bis Ende des Jahrzehnts Hochsee-Windanlagen mit einer Kapazität von zehn Gigawatt zu errichten, das entspräche der Leistung von zehn mittleren Atomkraftwerken. Zuletzt hatte sich der Ausbau auf hoher See jedoch immer stärker verzögert; die Ökostromerzeugung an Land hingegen entwickelt sich weit besser als erwartet - und hängt die Offshore-Technologie immer weiter ab.

Fünfmal mehr Strom als Deutschland im Jahr verbraucht

Die Potentialstudie, die das Umweltbundesamt am Dienstag veröffentlichen will, macht diesen Trend besonders deutlich. Ihr zufolge könnten Windräder an Land jährlich bis zu 2,9 Millionen Gigawattstunden Strom produzieren, das wäre rund fünfmal mehr Strom als derzeit nötig; der Bruttoverbrauch der Bundesrepublik lag im vergangenen Jahr bei rund 0,6 Millionen Gigawattstunden.

Grundsätzlich sind der Studie zufolge rund 49.400 Quadratkilometer, also 13,8 Prozent der Landesfläche der Bundesrepublik Deutschland, als Standort für Windräder verfügbar, fast die Hälfte davon in den acht nördlichen Bundesländern.

Das Umweltbundesamt betont, dass dies nur eine theoretische Größe ist. Natürlich sei das Ziel nicht, mehr als ein Zehntel der Republik mit Windrädern zu pflastern. Und natürlich sei die tatsächlich nutzbare Fläche kleiner als das ausgerechnete maximale Potential.

  • So sei nicht an allen theoretisch geeigneten Standorten der Bau von Windrädern auch ökonomisch sinnvoll.
  • Auf einigen Gebieten könnten zudem schützenswerte Arten entdeckt werden, hier müsste von Fall zu Fall neu entschieden werden, ob Rotoren aufgestellt werden dürfen.
  • Manche Landesregierungen haben zudem ihre ganz eigenen Einschränkungen definiert, zum Beispiel zum Bau von Windrädern in Wäldern.
  • Schließlich basiert die Berechnung des Umweltbundesamts auf der Annahme, dass moderne, geräuscharme Windanlagen weit näher an Ortschaften herangebaut werden könnten als bislang üblich - was im Einzelfall von der Akzeptanz der Anwohner abhängen würde.

Tatsächlich sei also nur ein Teil der theoretisch nutzbaren Flächen verfügbar, schreibt das Umweltbundesamt. Doch selbst wenn man alle Einschränkungen berücksichtigt, sei das Potential noch immer gewaltig.

20-mal mehr Flächen als nötig

In einer früheren Studie war die Behörde davon ausgegangen, dass 60 Gigawatt Windstrom für eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien reichen. Das liegt unter anderem daran, dass Deutschland neben Windrädern, die bei Flaute keinen Strom produzieren, noch andere Energiequellen braucht.

Schon etwa ein Zwanzigstel der laut Bundesumweltamt verfügbaren Fläche für Windräder würde also ausreichen, um den deutschen Bedarf an Onshore-Windenergie zu decken.

Die Potentiale der Windenergie an Land sind in der Vergangenheit immer wieder unterschätzt worden. So ging das Deutsche Windenergie-Institut vor gut zehn Jahren davon aus, dass bis 2030 Rotoren mit einer Kapazität von gut 17 Gigawatt an Land gebaut werden könnten - dann seien die verfügbaren Flächen so gut wie aufgebraucht.

Schon jetzt ist die Kapazität fast doppelt so hoch - Tendenz steigend. Deutschland hat für die Energiewende weit mehr Landflächen zur Verfügung als bislang gedacht, und die Landesregierungen haben längst begonnen, diese zu nutzen. Sie wollen vom Ökostrom-Boom profitieren und erlauben auf immer größeren Gebieten das Aufstellen von Rotoren. Baden-Württemberg etwa will bis 2020 zehn Prozent seines Stroms mit Windrädern produzieren; Schleswig-Holstein hat die Fläche für Onshore-Wind kürzlich verdoppelt.

"Es gibt so große Potentiale, dass die Energiewende sich auf vielfältige Weise gestalten lässt", sagt Flasbarth. "Da müssen Bund und Länder ran - und möglichst kostengünstige und umweltverträgliche Pfade festlegen."

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insgesamt 398 Beiträge
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1.
Ruhri1972 10.06.2013
Richtig so - Offshore wollen eh nur die großen Energiekonzerne und haben deshalb kräftig Lobbyarbeit dafür betrieben.
2. Potential
darthmax 10.06.2013
Windräder an Land liefern Strom etwa 15 % der Zeit, auf See mehr als 50 %. Man möge sich selbst ausrechnen, wo mehr Versorgungssicherheit steckt und wo rechenbare Energie zur Verfügung stehen kann. Das hat nun nichts mit der Preisstellung oder Fördergeldern zu tun. Wenn in den vergangenen Tagen insbesondere die grösseren Anlagen sn Land stillstanden, mangels Wind, so mussten wohl andere Kraftwerke Strom erzeugen. Leider kann man die nicht nach Belieben ein oder ausschalten ohne deren Wirtschaftlichkeit zu beeinflussen.
3. keine Windräder auf Teufel komm raus
schon,aber 10.06.2013
Zitat von sysopDPALaut einer Studie des Umweltbundesamts sind die Potentiale von Windenergie an Land weit größer als erwartet. Behördenchef Flasbarth fordert deshalb, die Zahl der Hochsee-Anlagen deutlich zu verringern - und die Offshore-Technologie nicht länger über das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu fördern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/flasbarth-will-offshore-wind-aus-eeg-verbannen-a-904401.html
Na klar, das wird halt das Land mit den kommenden 300-m-Umgetümen vollgestellt. Natürlich auch in landschaftlichen Vorzugsgebieten. Leute, lasst es nicht soweit kommen, kämpft für eure Heimat. Wenn die versaut ist, gibt es keine zweite! Windradfreies Voralpenland - Test (http://www.windradfreies-voralpenland.de/index.html)
4. Speicher
günter1934 10.06.2013
Ob dem Herrn Flasbarth das Speicherproblem bewusst ist? Ohne Stromspeicher helfen auch die schönsten Windräder an Land nichts. Und preiswerte Massenspeicher wird es nicht geben. Am besten und am billigsten ist es, erst mal alles stoppen.
5. planung
sitcom 10.06.2013
gibt es in dieser Bundesregierung NICHT... erst voranstürmen... und Firmen investieren lassen... .. dann verzögern... und dann alles wieder stoppen und Firmen pleite gehen lassen. Das ist die real existierende Wirtschaftskompetenz der aktuellen Bundesregierung...
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