London Mutmaßlicher Börsencrash-Verursacher wehrt sich gegen Auslieferung

Ein britischer Aktienhändler soll den US-Börsencrash 2010 verursacht und Millionen ergaunert haben. Seine Auslieferung an die US-Behörden will er nun verhindern. Dafür muss er rund sieben Millionen Euro Kaution hinterlegen.

Firmensitz von Nav Sarao Futures in London: Aktienhändler im Visier der Justiz
REUTERS

Firmensitz von Nav Sarao Futures in London: Aktienhändler im Visier der Justiz


Der Verdacht wiegt schwer. Ein 36-jähriger Brite wird beschuldigt, den sogenannten Flash Crash verursacht zu haben: Er soll 2010 dafür gesorgt haben, dass der US-Leitindex Dow-Jones binnen Minuten einbrach. Die britische Polizei hatte den Mann am Dienstag festgenommen. Gegen einen entsprechenden Auslieferungsantrag der Vereinigten Staaten will sich der britische Aktienhändler nun zur Wehr setzen, sagte er vor einem Londoner Gericht.

Der Richter setzte eine Kaution von 5,05 Millionen Pfund fest (etwa 7,1 Millionen Euro). Der Aktienhändler muss selber fünf Millionen Pfund Kaution leisten, seine Angehörigen die verbleibenden 50.000 Pfund.

Vor Gericht erschien der Mann in einem gelben Sweatshirt und einer weißen Jogginghose. Die Sache treffe den Verdächtigen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sagte sein Anwalt. Der 36-Jährige wohnt britischen Medien zufolge bei seinen Eltern in einer bescheidenen Doppelhaushälfte mit kleinem Vorgarten. Nachbarn erzählten Journalisten, dass sie nichts von den angeblichen Betrügereien und dem Vermögen gewusst hätten.

Der Brite soll für den in Punkten gemessen stärksten Kurssturz in der Geschichte der Wall Street verantwortlich sein. Die US-Behörden werfen ihm Betrug, Manipulation und andere Vergehen vor, teilte das Justizministerium in Washington mit. Insgesamt gehe es um 22 Anklagepunkte. Dem Mann droht eine lange Haftstrafe. Auch die US-Finanzaufsicht CFTC hat ein Verfahren eröffnet.

Mit einem manipulierten Handelsprogramm soll der Händler dafür gesorgt haben, dass der Dow-Jones-Index am 6. Mai 2010 innerhalb von fünf Minuten um 600 Punkte einbrach. Kurzzeitig fiel dadurch die Börsenkapitalisierung um insgesamt eine Billion US-Dollar. Der Vorfall ging als "Flash Crash" in die Finanzgeschichte ein.

Der Brite wird auch beschuldigt, mit seiner Firma Nav Sarao Futures in großem Stil Scheinaufträge für sogenannte Indexprodukte platziert zu haben. Damit habe er die Kurse gedrückt, um Kontrakte auf Termingeschäfte, die er vorher veräußert hatte, günstiger zurückkaufen zu können, so die Ermittler. Der Händler soll auf diese Weise über fünf Jahre hinweg 40 Millionen Dollar (37 Millionen Euro) ergaunert haben. Zuletzt soll er am 6. April dieses Jahres die Märkte manipuliert haben.

bos/dpa



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citi2010 22.04.2015
1. Milionen ergaunert
Das machen doch alle Börsenmakler und Spekulanten. Lächerlich einen dafür in Haftung zu nehmen, nur weil er die Lücken im System besser verstand als andere seiner verbrecherischen Kollegen.
Immanuel_Goldstein 22.04.2015
2.
Wie kann das sein, dass man sich mit einer Kaution von Bestrafung freikaufen kann? Hier handelt es sich um schwerste Verbrechen mit Milliardenschäden. Das muss zwingend verfolgt, ermittelt und ggf. abgeurteilt werden. Alles andere widerspricht jeglicher Form eines Rechtsstaats.
Immanuel_Goldstein 22.04.2015
3. Was genau gibt es an dieser freien, grundgesetzlich garantierten Meinung zu zensieren?
Wie kann das sein, dass man sich mit einer Kaution von Bestrafung freikaufen kann? Hier handelt es sich um schwerste Verbrechen mit Milliardenschäden. Das muss zwingend verfolgt, ermittelt und ggf. abgeurteilt werden. Alles andere widerspricht jeglicher Form eines Rechtsstaats.
KarlRad 22.04.2015
4. Schlechtes System!
Ich will diese Finanzsystem ja gar nicht verstehen. Trotzdem erschreckend, wie schlecht es teilweise gesichert ist.
gersois 22.04.2015
5.
So so, da hat man nun doch einen Europäer als Schuldigen gefunden, den man hart bestrafen könnte. Vorher sah es doch so aus, als ob nur so ein armer US-Hedgefonds der Übertäter wäre. Da hätte man ja Milde walten müssen. Nebenbei, was ist das eigentlich für ein System, das sich so leicht aus der Bahn werfen lässt? Die Börsen werden wohl nur von Naivlingen beaufsichtigt.
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