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Flop-Fonds der Deutschen Bank: Schlechte Geschäfte mit dem Tod

Von und , Frankfurt am Main

Es schien eine sichere Sache für Anleger: Hunderte Millionen Euro investierten sie in Deutsche-Bank-Fonds für den Kauf von US-Lebensversicherungen. Nach dem Tod der ursprünglichen Police-Inhaber fließt das Geld. Doch die Rechnung geht nicht auf - es wird nicht so gestorben wie kalkuliert.

US-Senioren: Die Fonds kaufen Lebensversicherungen. Stirbt der ursprüngliche Inhaber, geht das Geld an die Anleger Zur Großansicht
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US-Senioren: Die Fonds kaufen Lebensversicherungen. Stirbt der ursprüngliche Inhaber, geht das Geld an die Anleger

Gisbert Soballa hat ein eher nüchternes Verhältnis zum Tod. Der 72-jährige Rentner war früher Kardiologe. Sterben sei für ihn seither "etwas völlig Normales", sagt er.

So stutzte der Arzt auch nicht, als ihm sein Berater bei der Deutschen Bank ein besonderes Geschäft mit dem Tod vorschlug. Der db Kompass Life Fonds kauft US-Bürgern deren Lebensversicherungen ab und übernimmt die Zahlung der weiteren Beiträge. Wenn die Versicherten später irgendwann sterben, fällt die gesamte Versicherungssumme an den Fonds. Ein scheinbar krisensicheres Geschäft, denn gestorben wird immer.

Soballa und seine Frau steckten zusammen 16.000 Euro in den Fonds. 2007 kam eine minimale Zinszahlung. Seitdem erhält der Rentner aus dem mittelfränkischen Bubenreuth vierteljährliche Schreiben, die bedauernd mitteilen, "dass in diesem Quartal leider erneut keine Ausschüttung erfolgen kann". Die Spekulation der Banker mit dem Ableben von Amerikanern ging nicht auf.

Vielen tausend Anlegern geht es ähnlich wie Soballa. Die Deutsche Bank hat bereits 2005 für die beiden Fonds db Kompass Life I und II bei ihren Kunden über eine halbe Milliarde Euro eingesammelt. Nun drohen hohe Verluste.

Erst ein Boom-Geschäft - dann kam die Ernüchterung

"Mir wurde in der Deutsche-Bank-Filiale gesagt, das sei ein Bombengeschäft", sagt eine 50-jährige Chefsekretärin, die eine Abfindung sicher für die Altersvorsorge anlegen wollte. Heute bangt sie um ihre Ersparnisse. Bei einem Anruf bei der Treuhändergesellschaft des Fonds habe ihr ein Mitarbeiter "sofort und unmissverständlich" klargemacht, dass in ihrem Vertrag auch die Möglichkeit eines Totalverlustes geregelt sei. Eine Warnung, die in dem dicken Verkaufsprospekt ziemlich versteckt ist.

Wie kann das sein? Eigentlich hängen die Erträge doch angeblich nur von der Lebenserwartung der ursprünglichen Versicherungsnehmer ab - einer statistisch schlichten Größe also. Dazu muss man wissen: Die Fonds übernehmen die gesamten Policen, das heißt, sie müssen auch die monatlichen Beiträge bis zum Ende der Vertragslaufzeit aufbringen. Die Versicherung zahlt erst beim Tod des Versicherungsnehmers. Davor entstehen nur Kosten.

Doch die Versicherten sterben nicht so wie kalkuliert. Offenbar hat sich die Deutsche Bank, wie viele andere Anbieter auch, in den USA zu sehr auf medizinische Gutachter und Statistiken verlassen.

Als die Deutsche Bank ihre Fonds auflegte, war die Euphorie auf dem Markt noch groß. Allein deutsche Anleger investierten 2004 und 2005 rund zwei Milliarden Euro in das Geschäft.

Doch die Ernüchterung kam bald. Viele Anbieter konnten die in Aussicht gestellten Renditen nicht erwirtschaften. Zum einen lebten viele Versicherte schlicht länger als gedacht. Zum anderen wurde der Aufkauf der Policen wegen der hohen Nachfrage immer teurer. Hinzu kam eine gesetzliche Änderung, nach der amerikanische Lebensversicherungsfonds in Deutschland erstmals steuerpflichtig wurden.

Bereits 2005 nahm der Sachsenfonds, eine Tochter der mittlerweile aufgelösten Landesbank, sein Produkt vom Markt. Wenig später folgte der Hamburger Anbieter HPC Capital dem Beispiel mit der Rückabwicklung des Fonds US Life 4.

Andere Institute machen weiter in Optimismus. Die HypoVereinsbank-Tochter WealthCap etwa legte noch in diesem Jahr den vierten Fonds für US-Lebensversicherungen auf, nachdem die anderen Produkte bislang die Prognosen übertrafen. Auch die Deutsche Bank wagte sich noch einmal an den Markt: 2008 kam die dritte, in der Struktur etwas veränderte Version des Life Kompass. In zwei Tranchen wurden 100 Millionen Dollar und 144 Millionen Euro bei den Anlegern eingesammelt.

Bei den beiden Vorgängerprodukten lief es schon da alles andere als rund. Bislang hat damit allein die Deutsche Bank ein Geschäft gemacht. Allein beim db Kompass Life I kassierten die Banker mehr als 32 Millionen Euro. Beispielsweise berechneten sie für die "Fondskonzeption" Gebühren von 3,485 Prozent. Für Eigenkapitalvermittlung gingen 9,5 Prozent vorab an die Bank.

Das Produkt ist so kompliziert aufgebaut, dass es selbst Fachleute nicht verstehen. Die Kompass-Fonds wurden von Londoner Bankern der Deutschen Bank aufgelegt, die offenbar vor allem den eigenen Profit im Blick hatten. Die Anleger waren schlicht überfordert und verließen sich auf das Urteil ihrer Berater. Unterm Strich wurden die Hauptrisiken den Anlegern untergejubelt, während die Finanzmanager von Gewinnen profitierten.

Anleger werden aufmüpfig

Mit dem Geld der Anleger des db Kompass Life I wurden Lebensversicherungen gekauft, die eine Ablaufleistung von insgesamt 770 Millionen Dollar haben. Bis Ende Januar 2009 wurden indes erst drei Policen ausgezahlt. Rund 20 Millionen Euro kamen in die Fondskassen. Das Geld wurde "für die verauslagten Prämienaufwendungen sowie sonstige Kosten verwendet", erfuhren die Anleger lapidar.

Die Zeit drängt: Bereits 2015 endet die Laufzeit des Fonds. Die Deutsche Bank London muss dann den Anlegern die noch laufenden Policen zu 80 Prozent der Anschaffungskosten abkaufen. "Durch die Auszahlung dieses Betrages, der erheblich geringer ist als die Ablaufleistungen dieser Policen, würden den Anlegern finanzielle Nachteile entstehen", heißt es dazu im Prospekt.

Die Investoren werden deshalb langsam aufmüpfig. "In welche dunklen Kanäle verschwindet mein Erspartes?", heißt es in der E-Mail einer Anlegerin. Ein anderer schreibt: "Ich habe inzwischen ein sehr ungutes Gefühl, dass ich meine eingesetzten 10.000 Euro nie wiedersehe."

Einer von ihnen will eine außerordentliche Gesellschafterversammlung durchsetzen. Das Ziel: Ein unabhängiges Gutachten. Es soll klären, ob sich die Deutsche Bank bei der Fondskonzeption fahrlässig verrechnet hat. Es gibt nur ein Problem: Wer sich zusammentun will, muss sich erst einmal kennen. Und Namen und Adressen der Mitgesellschafter sind nur dem Fondsbetreiber bekannt.

Der Anleger, der seinen Namen öffentlich nicht lesen will, nervt die Fondgesellschaft deshalb schon seit Monaten. Die berief sich auf den Datenschutz. Schließlich wurde ein Brief an alle Anleger versandt: Ein Mitgesellschafter nehme "die bisherige wirtschaftliche Entwicklung des Fonds zum Anlass", um die Übermittlung ihrer Daten zu bitten. Dutzende Mitleidende haben sich direkt gemeldet. Ein Anwalt ist mittlerweile eingeschaltet und eine Internetseite ins Netz gestellt.

Das Fondsprospekt beschreibe die Risiken der Anlage zwar relativ ausführlich, argumentiert Anwalt Karl-Georg von Ferber. Doch das Dokument suggeriere, "dass das alles nur Statistik und Versicherungsmathematik ist". Viele Anleger haben die hochkomplizierte Produktbeschreibung sowieso nur überflogen.

Mediziner Soballa hat sich damals vor allem auf den Rat seines Beraters verlassen. "Der macht mir sonst einen sehr verlässlichen Eindruck", sagt er. Vielleicht habe der Banker in diesem Fall selbst nicht genau gewusst, was er empfahl.

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Forum - Geschäft mit der Sterblichkeit?
insgesamt 61 Beiträge
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1.
Gebetsmühle 31.08.2009
Zitat von sysopEin scheinbar todsicheres Geschäft: Hunderte Millionen Euro an Anlegergeldern sammelte die Deutsche Bank für den Kauf von US-Lebenspolicen ein. Sobald der ursprünglichen Inhaber stirbt, fließt die Versicherungssumme in die Fonds. Doch die Rechung geht nicht auf, die Renditen sind bislang mies. Was halten Sie vom Geschäft mit der Sterblichkeit?
eine bestialische schweinerei. so etwas sollte verboten werden.
2.
lupenrein 31.08.2009
Zitat von Gebetsmühleeine bestialische schweinerei. so etwas sollte verboten werden.
Staatlich sanktionierter Betrug !!
3.
M@ESW, 31.08.2009
Wenn sie sich verkalkuliert haben ist es deren Pech, an der Sache an sich sehe ich grundsätzlich nichts problematisches
4.
AndyH 31.08.2009
Zitat von sysopEin scheinbar todsicheres Geschäft: Hunderte Millionen Euro an Anlegergeldern sammelte die Deutsche Bank für den Kauf von US-Lebenspolicen ein. Sobald der ursprünglichen Inhaber stirbt, fließt die Versicherungssumme in die Fonds. Doch die Rechung geht nicht auf, die Renditen sind bislang mies. Was halten Sie vom Geschäft mit der Sterblichkeit?
Was haben sie gegen Lebensversicherungen? Haben sie keine? Würden sie es nicht verkaufen wenn sie Geld brauchen? Der Rest ist Statistik, wie Versicherungen üblicherweise.
5. Widerlich
lemming51 31.08.2009
Zitat von sysopEin scheinbar todsicheres Geschäft: Hunderte Millionen Euro an Anlegergeldern sammelte die Deutsche Bank für den Kauf von US-Lebenspolicen ein. Sobald der ursprünglichen Inhaber stirbt, fließt die Versicherungssumme in die Fonds. Doch die Rechung geht nicht auf, die Renditen sind bislang mies. Was halten Sie vom Geschäft mit der Sterblichkeit?
Na ja, bei diesen Profitstrebern wundert mich rein garnix mehr. Sollte man vielleicht Auftragskiller für Ackermann werden, was...??!!
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