Jobs für Flüchtlinge Zetsches Versprechen - und was daraus wurde

"Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes": Im Herbst versprach Daimler-Chef Dieter Zetsche besonderes Engagement für Flüchtlinge. Nun zeigt sich: Viel ist aus den Ankündigungen nicht geworden.

Daimler-Chef Zetsche auf der IAA: "Zweites deutsches Wirtschaftswunder"
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Daimler-Chef Zetsche auf der IAA: "Zweites deutsches Wirtschaftswunder"

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Einen besseren Augenblick hätte sich Dieter Zetsche nicht aussuchen können, um seinen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen. Eine Hand auf dem neuen Cabrio der S-Klasse, die andere lässig in der Hosentasche, hatte der Daimler-Chef im vergangenen September auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt geduldig alle Fragen der Journalisten beantwortet. Über den Komfort der Mercedes-Autos, geplante Verkaufszahlen oder ihre Verträglichkeit mit der Umwelt - bis einer der Fragesteller auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen kam.

Andere Top-Manager hätten in dieser Situation ausweichend geantwortet, Zetsche hingegen machte eine klare Ansage: Menschen, die die gefährliche Reise nach Europa gewagt und dabei alles hinter sich gelassen hätten, kämen nicht wegen der Sozialleistungen nach Deutschland, sondern um etwas aufzubauen. Angesichts des immer drängender werdenden Fachkräftemangels könnten die Flüchtlinge helfen, ein "zweites deutsches Wirtschaftswunder" auf die Beine zu stellen. "Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes und überall in unserem Land", sagte der Daimler-Chef und bekräftigte ein kurz zuvor gegebenes Interview.

Bisher 40 Praktikanten bei Daimler

Seitdem sind knapp fünf Monate vergangen. Genug Zeit, um den Worten auch Taten folgen zu lassen. Etwas ist seitdem auch passiert bei Daimler: Im November haben 40 Asylbewerber ein sogenanntes Brückenpraktikum begonnen. Jeden Tag dreieinhalb Stunden in der Fertigung, danach dreieinhalb Stunden Deutschkurs. Dem ersten Kurs sollen in diesem Jahr noch weitere folgen, mehrere Hundert Teilnehmer würden 2016 von der Maßnahme profitieren, verspricht der Konzern. Ermuntert durch ihre Vorgesetzten, übernahmen Mitarbeiter zudem Patenschaften, um die Integration der Neuankömmlinge zu unterstützen und bei Problemen zu helfen.

Angesichts von 6500 Daimler-Lehrstellen und vor allem angesichts von mehr als einer Million Flüchtlingen im Jahr 2015 wirkt diese Initiative jedoch eher wie eine symbolische Geste. Die formalen Hürden bei der Registrierung und der Bearbeitung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis würden eine Menge Zeit in Anspruch nehmen, erklärt ein Konzernsprecher den schleppenden Start. Die Betroffenen müssten zum Teil mehrere Monate lang auf die erforderlichen Papiere warten.

Von den gleichen Schwierigkeiten berichtet auch die Deutsche Bahn, die im vergangenen Jahr ein Programm ins Leben gerufen hat, um berufserfahrene Flüchtlinge zu Facharbeitern auszubilden. Die Abstimmung mit den Behörden und der Bundesanstalt für Arbeit habe mehrere Monate in Anspruch genommen, heißt es beim Konzern. Mehrfach habe das Projekt an bürokratischen Details zu scheitern gedroht.

Anders als die Bahn, die die Kursteilnehmer direkt für den eigenen Bedarf ausbildet, denkt man bei Daimler jedoch nicht daran, die Brückenpraktikanten anschließend fest einzustellen. Sie haben allerdings die Chance, sich als Auszubildende zu bewerben. Dafür sind extra 50 Plätze bereitgestellt. Das Programm sei eher als Hilfe für die kleineren Betriebe im Großraum Stuttgart gedacht, die die teure Fortbildung nicht leisten könnten, teilt Konzernsprecher Oliver Wihofszki mit. Erfolgreiche Teilnehmer sollen nach dem Brückenpraktikum an Unternehmen, Zeitarbeitsfirmen oder in eine Berufsausbildung weitervermittelt werden. "Für Festanstellungen haben wir etablierte Bewerbungsverfahren, um allen Bewerbern die gleichen Chancen zu geben", sagt Wihofszki.

Wenig Chancen auf Festanstellung

Auch Siemens bleibt bei Festanstellungen zurückhaltend. Seit Jahresbeginn bietet der Technologiekonzern an mehreren Standorten insgesamt 100 Plätze für zweimonatige Praktika an. Voraussetzung sind lediglich rudimentäre Sprachkenntnisse und eine offizielle Registrierung. Es gehe darum, die Betroffenen möglichst schnell aus den Sammelunterkünften herauszuholen und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung anzubieten, sagt ein Siemens-Sprecher. Das sei der erste Schritt hin zu einer Integration.

Die Festanstellung in einem der großen Konzerne dürfte für die meisten Neuankömmlinge also auf absehbare Zeit sehr unwahrscheinlich sein. Dabei scheint eine große Zahl zumindest gemessen an ihrer Qualifikation durchaus in der Lage, den Anforderungen zu genügen. Einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zufolge gelten rund zehn Prozent als höherqualifiziert, weil sie mindestens zwölf Jahre die Schule besucht und einige Semester studiert haben.

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