Flüchtlingshilfe Was aus den Versprechen der Wirtschaft wurde

Anfang des Jahres gründeten 36 Unternehmen die Initiative "Wir zusammen", um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Versprechen waren groß. Wurden sie auch gehalten?

Praktikant aus Eritrea in Nordhäuser Autowerkstatt
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Praktikant aus Eritrea in Nordhäuser Autowerkstatt

Von Ann-Kathrin Terfurth


Die deutsche Wirtschaft sieht Potenzial in der Flüchtlingskrise . Die Unternehmen wollen, dass aus den jungen Menschen aus aller Welt gut ausgebildete Arbeitskräfte werden. Daher nehmen viele Firmen und Verbände selbst Geld in die Hand, um die Integration in den Arbeitsmarkt voranzutreiben.

Im Februar haben 36 namenhafte Unternehmen das Netzwerk "Wir zusammen" gegründet. Die Ziele waren hoch gesteckt. Die Unternehmen verpflichteten sich, Praktikums- und Ausbildungsplätze zu schaffen, Tandems aus ihren Mitarbeitern und Flüchtlingen zu bilden oder ihre Mitarbeiter für ehrenamtliches Engagement freizustellen. Außerdem wollten sie andere Unternehmen dazu motivieren und inspirieren, sich anzuschließen. Zwei Monate sind nun vergangen. Was ist aus dem Netzwerk geworden?

"Wir zusammen" ist gewachsen, mittlerweile gehören 63 Unternehmen der Initiative an. "Weitere stehen in den Startlöchern und bereiten Projekte vor", sagt Sprecherin Marlies Peine. Wöchentlich kommen fünf bis zehn neue Mitglieder hinzu. "Das Engagement und die Dynamik sind beeindruckend, wir erleben eine richtige Aufbruchstimmung", sagt Peine. Letztes Jahr sei es vor allem um die Unterbringung der Flüchtlinge gegangen. 2016 stehe im Zeichen der Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft.

Nicht nur große DAX-Unternehmen wie Adidas , Opel oder RWE sind dabei, sondern auch Familienunternehmen oder Start-ups wie Franz der Bettenbauer . Bei dem Möbel-Start-up aus Passau macht ein Flüchtling aus Eritrea eine Ausbildung zum Schreiner. "Klein- und Kleinstbetriebe im Handwerk können Integration, nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Betriebsgröße", lässt das kleine Unternehmen auf der Netzwerk-Website wissen.

Größeres Unternehmen, mehr Möglichkeiten: 300 Flüchtlingen will der Autobauer Daimler im ersten Halbjahr 2016 ein Brückenpraktikum ermöglichen. Außerdem sollen zusätzliche 50 Ausbildungsplätze für Flüchtlinge geschaffen werden. Im Rahmen der Praktika besuchen die Flüchtlinge 14 Wochen lang einen Sprachkurs und arbeiten im Unternehmen mit. Die erste Runde endete vielversprechend. Von den 40 Teilnehmern haben laut Daimler mehr als 30 ein Angebot von einer Zeitarbeitsfirma erhalten. Sie werden in der Industrie oder im Handwerk eingesetzt. Zwei ehemalige Praktikanten beginnen im Herbst sogar eine Ausbildung bei Daimler. Den marketingförderlichen Versprechen am Anfang der Krise sind also Taten gefolgt.

Die Projekte des Netzwerks "Wir zusammen" sind vielfältig. Es geht nicht nur darum, Praktikums- und Ausbildungsplätze zu schaffen. Jedes Unternehmen macht das, wofür es steht. So bietet Langenscheidt kostenlose Wörterbücher an und die Deutsche Telekom stattet Flüchtlingsunterkünfte mit WLAN aus.

Doch reicht das? Im vergangenen Jahr kamen mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Zählt man die konkreten Versprechen auf der Website des Netzwerks zusammen, kommt man auf knapp 2000 Praktikums- und fast 250 Ausbildungsplätze. Manche Unternehmen nennen gar keine konkreten Zahlen. Es reicht also nicht. "Wir stehen erst am Anfang, aber sind sehr optimistisch", sagt Sprecherin Peine. "Auf dem aktuellen Engagement können wir aufbauen." Um weitere Unternehmen zu motivieren, läuft eine bundesweite Print- und Fernsehkampagne. Auch einzelne Unternehmen werden gezielt angeschrieben.

Und es tut sich noch mehr. Auch das Bundeswirtschaftsministerium und die Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertages setzen sich für die Integration der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt ein. Sie haben gemeinsam das Netzwerk "Unternehmen integrieren Flüchtlinge" gegründet. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks und das Bildungsministerium haben sich zusammengetan, um Flüchtlinge für Ausbildungen fit zu machen. Viele lokale Industrie-, Handels- und Handwerkskammern initiieren ebenfalls Projekte. Die Wirtschaft setzt viel daran, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.



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