Airport Berlin Brandenburg: Die Kosten des Flughafen-Flops

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Airlines müssen Millionen Passagiere umbuchen, Geschäfte können nicht öffnen: Der Fehlstart des Flughafens Berlin Brandenburg stellt Hunderte Unternehmen vor ein Organisationschaos. Experten rechnen mit Kosten im zweistelligen Millionenbereich.

Berlin Brandenburg: Probepassagiere im Hauptstadtflughafen Fotos
dapd

Hamburg - Es ist ein beispielloser Reinfall: Noch nicht einmal einen Monat vor dem geplanten Start hat der Betreiber des neuen Flughafens Berlin Brandenburg den Start verschoben. Wegen Problemen mit der Sicherheitstechnik wird der Airport nicht mehr wie geplant am 3. Juni eröffnen, sondern frühestens Mitte August, vielleicht auch erst im Oktober, so genau wissen die Beteiligten das noch nicht.

Nun ist es fast schon Usus, dass große Bauprojekte länger dauern und teurer werden als ihre Bauherren es gern hätten. Selten aber wurde die Eröffnung eines Megaprojekt so kurzfristig abgesagt wie beim neuen Airport in Berlin. Nun löst die Verzögerung eine Kettenreaktion aus: Hunderte Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen fürchten hohe Kosten.


Handel: 150 Firmen sollten am 3. Juni eigentlich ihr Geschäft am Flughafen beginnen. Betroffen sind Autovermieter wie Sixt und Europcar, Gastronomiebetriebe wie Mövenpick oder die Berliner Kaffeerösterei, Ladenketten wie Wolford oder Boss und die Supermarktkette Kaiser's. Viele von ihnen haben nach Angaben des Handelsverbands Berlin-Brandenburg bereits Personal eingestellt, für das nun eine Lösung gefunden werden muss.

In den Terminals haben auch einige kleine Händler ihre Geschäfte. Die hätten teils Kredite aufgenommen, heißt es. Nun zahlen sie Kreditzinsen, haben aber keine Einnahmen. Auch Händler, die vom Flughafen Tegel in den neuen Flughafen umziehen, rechnen mit Einbußen: Sie hatten sich am neuen Standort weit höhere Erlöse erhofft. Insgesamt geht der Verband von Umsatzeinbußen in Millionenhöhe aus.


Hotels: Neben den Geschäften auf dem Gelände müssen sich auch die Betreiber von Hotels umstellen. Betroffen sind unter anderem die Firmen Holiday Inn, Leonardo und besonders die Kette Steigenberger, die das einzige Hotel direkt am Terminal eröffnet.

Ab dem 3. August sollte es Gäste beherbergen. Nun wartet das Team auf den neuen Eröffnungstermin für den Flughafen. "Klar ist: Wir werden das Hotel erst öffnen, wenn auch der Flughafen öffnet", sagt eine Sprecherin. Das Personal werde solange in anderen Berliner Ablegern der Kette beschäftigt. Gäste und Kongressorganisatoren, die bereits Räume in dem Terminal-Hotel reserviert hätten, würden ebenfalls in andere Berliner Steigenberger-Hotels umgebucht. Die Kosten ließen sich noch nicht beziffern.


Airlines: Für die Betreiber der Fluglinien Air Berlin und Lufthansa ist der Flughafen-Fehlstart ein harter Schlag, da sie mit der Eröffnung des neuen Großflughafens auch ihre Verbindung in die Hauptstadt massiv aufstocken wollten. Nun müssen sie vorerst von Tegel mit seiner alten Infrastruktur aus fliegen.

Die Betreiber rechnen mit einem erheblichen organisatorischen Aufwand. Sie müssen je bis zu einer Million Passagiere nach Tegel umleiten. Dafür benötigt man kompetentes Personal. Insidern zufolge wurde Angestellten der Airlines in Tegel aber bereits zum Teil gekündigt.

Immerhin: Mit Flugausfällen rechnen die Konzerne bislang nicht. "Wir gehen davon aus, alle Flüge abzuwickeln", heißt es bei der Lufthansa. Allerdings werde es in Tegel dann wohl eine Zeitlang "etwas kuschelig". "Wir werden alle zusätzlich geplanten Flüge sicherstellen", heißt es bei Air Berlin, "einige Verschiebungen im Zeitplan können wir allerdings nicht ausschließen." Passagiere würden rechtzeitig informiert. Die Kosten ließen sich noch nicht beziffern.


Wie teuer die Verzögerung des Flughafenstarts insgesamt wird, lässt sich noch nicht beziffern. In Berliner Regierungskreisen ist von 15 Millionen Euro pro Monat die Rede; die Zusatzkosten der Airlines sind dabei offenbar noch nicht mit eingerechnet. Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongart geht von Gesamtkosten im zweistelligen Millionenbereich aus.

Möglich ist auch, dass die Baukosten höher liegen werden als geplant. Die Fertigstellung des seit rund 20 Jahren geplanten und 2,5 Milliarden Euro teuren Projekts hatte sich schon mehrfach verzögert. Offizielle Angaben zu den Kosten gibt es nicht. Die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH und die Berliner Senatskanzlei ließen entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Auch wer für die Kosten letztlich aufkommen muss, ist noch nicht klar. Dafür müssten unter anderem die vertraglichen Verbindungen zwischen dem Bauherren Flughafen Berlin Brandenburg, dem Projektsteuer WSP-CBP Beratende Ingenieure, dem Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner und den Lieferanten der Brandschutztechnik (Siemens, Bosch) genau ausgeleuchtet werden.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast fordert rasche Klarheit darüber, wer etwaige Schadenersatz-Ansprüche leisten muss. Es dürfe nicht sein, dass die "Tagträumerei" des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) den Steuerzahler teuer zu stehen komme. Tatsächlich ist der Bund mit 26 Prozent einer der größten Anteilseigner der Berlin Brandenburg.

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1. Wenn aber Flugzeuge abstürzen
zeitmax 09.05.2012
oder nicht pümktlich starten, oder Gepäcksysteme unentwirrbares Chaos verursachen - oder einfach nur Prüfstempel fehlen, ist das Geschrei - und u.U. die Gefahr für Leib und Leben - noch viel größer. Also. was solls..
2. Tegel
veremont 09.05.2012
Zitat von zeitmaxoder nicht pümktlich starten, oder Gepäcksysteme unentwirrbares Chaos verursachen - oder einfach nur Prüfstempel fehlen, ist das Geschrei - und u.U. die Gefahr für Leib und Leben - noch viel größer. Also. was solls..
Najo eben, nicht so tragisch. irgendwann wird er schon eröffnet werden. Und die Brandschutzverantwortlichen bekommen sicher ausreichend auf den Deckel für die Nummer. Ist ja nicht so, dass die Behörde erst auf dem letzten Tag sagt wie sie es gerne haben möchte. Kann man noch Tegel genießen, ein sehr schöner Flughafen wie ich finde. Und so toll gelegen! ;)
3. ausgerechnet ...
ziff 09.05.2012
... die abgewählte Fr."Tempo30" meldet sich dazu mit "Tagträumer". Ist der Ruf erst ruiniert ...
4. Willy Brandt Fluch(?)hafen...
franxinatra 09.05.2012
Wer sich noch an den Brand auf dem DüsseldorferFlughafen erinnern kann möchte dem TÜV auf Knien danken für seine Hartnäckigkeit; die Hintergründe geben bestimmt genug Stoff für ein dutzend 'Tatort' -Folgen. Die nachwehen lassen hoffen...
5.
McMacaber 09.05.2012
.. wer mal flott opportunitätskosten via schadensersatz reguliert haben möchte, sollte lieber in die usa ziehen. hand und fuß hingegen haben die im artikel angesprochenen zinsen - sofern die rahmenverträge nicht bereits kosten durch eventuelle verzoegerungen aus der haftbarkeit nahmen.
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