Folge des Dioxin-Skandals Ausland verschmäht deutsches Fleisch

Der Dioxin-Skandal ist längst kein rein deutsches Problem mehr: Mehrere Staaten haben den Import von Lebensmitteln aus der Bundesrepublik bereits verboten. Erstmals stellten Prüfer das Ultragift auch in Fleisch fest.

Legehennen: Deutlich mehr als das Doppelte des erlaubten Dioxin-Höchstwertes
dpa

Legehennen: Deutlich mehr als das Doppelte des erlaubten Dioxin-Höchstwertes


Berlin - Der Skandal um das mit Dioxin verseuchte Tierfutter zeigt Wirkung - allerdings in Deutschland weniger als im Ausland. Während die Bundesbürger ihre Essgewohnheiten kaum ändern, verbannen immer mehr Staaten deutsches Fleisch und deutsche Eier aus dem Handel und der Weiterverarbeitung.

Mehrere Länder ergriffen entsprechende Maßnahmen. Südkorea habe den Import von deutschem Schweinefleisch ausgesetzt, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Samstag. Russland kündigte an, die Kontrollen für Fleisch aus Deutschland und anderen europäischen Staaten zu verschärfen. Die Slowakei untersagte am Samstag den Verkauf von deutschem Geflügelfleisch und von Eiern.

Im Skandal um dioxinversuchtes Tierfutter gerät der Futterfett-Hersteller Harles und Jentzsch noch stärker unter Verdacht. Es gebe Hinweise auf Betrug und Steuerhinterziehung, sagte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums dem "Westfalen-Blatt" vom Samstag.

Firma hat überhöhte Dioxin-Werte vorenthalten

Der Ministeriumssprecher sagte der Zeitung, vieles spreche dafür, dass die Firma ihre Kunden betrogen habe. Das Unternehmen verarbeitete demnach minderwertige technische Mischfettsäure zu teurem Futterfett. Für eine Tonne Industriefett hätte die Firma demnach lediglich 500 Euro erlösen können, für eine Tonne Futterfett hätten die Kunden aber 1000 Euro bezahlen müssen.

Analysen der Futterfett-Proben von Harles und Jentzsch haben erneut extreme Dioxin-Belastungen ergeben. Nach Angaben des Umweltministeriums in Kiel vom Samstag lagen sieben von acht Testwerten über dem Limit. Mindestens eine Probe überschritt dabei den zulässigen Grenzwert fast um das 73-fache.

Die acht Proben erreichten nach Ministeriumsangaben Belastungen zwischen 0,39 und 54,67 Nanogramm. Erlaubt sind maximal 0,75 Nanogramm. Von 112 Proben sind den Angaben zufolge mittlerweile 38 analysiert. 25 davon lagen über dem Grenzwert. Bereits am Freitag waren Probenergebnisse veröffentlicht worden. Dabei war die Giftdosis im schlimmsten untersuchten Fall knapp 78-mal so hoch wie erlaubt.

Angeblich unauffällige Ergebnisse

Nach Informationen des SPIEGEL hat Harles und Jentzsch staatlichen Kontrolleuren überhöhte Dioxin-Werte vorenthalten. Die Prüfer bekamen bei einem Besuch des Unternehmens am 28. Juli 2010 nicht die positiven Testergebnisse von Eigenkontrollen auf Dioxin vorgelegt. Dabei waren bei Untersuchungen am 19. März 1,60 Nanogramm Dioxin pro Kilo Fettsäure und am 21. Juni 1,40 Nanogramm pro Kilo festgestellt worden.

Die staatliche Kontrolle selbst brachte angeblich unauffällige Ergebnisse. Am 7. Oktober ergab eine Eigenkontrolle von Harles und Jentzsch hingegen erneut mit 1,44 Nanogramm Dioxin pro Kilo Fettsäure eine Grenzwertüberschreitung.

Selbst Lieferscheine mit dem Hinweis, die eingekauften Fettsäuren seien nicht für Futtermittel geeignet, machte die Prüfer bei ihrem Besuch bei Harles und Jentzsch nicht stutzig. Es seien ja auch Fette an die Papierindustrie geliefert worden, heißt es nun zur Entschuldigung.

Prüfer stellen Dioxin auch in Fleisch fest

Der Dioxin-Skandal weitet sich noch immer aus: Erstmals stellten Behörden auch in Tieren überhöhte Konzentrationen des Ultragifts fest. Bei drei untersuchten Legehennen seien Dioxin-Konzentrationen von deutlich mehr als dem Doppelten des erlaubten Höchstwertes festgestellt worden, erklärte das Bundesverbraucherministerium am Samstag.

In den Tieren seien 4,99 Pikogramm Dioxin pro Gramm Fleisch gemessen worden. Der Grenzwert beträgt zwei Pikogramm. Die Tiere stammten den Angaben zufolge aus einem Betrieb in Nordrhein-Westfalen, in dem auch belastete Eier festgestellt wurden. Das Fleisch der Tiere sei nicht in den Verkehr gekommen, so das Ministerium weiter.

Die Hühner seien getötet und das Fleisch vernichtet worden. Alle Eier des Betriebs seien von den Behörden zurückgerufen und die betroffenen Eiernummern im Internet veröffentlicht worden.

Bereits am Freitag war bekannt geworden, dass der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter viel früher begonnen hat als bislang bekannt. Bereits im März ist dem schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium zufolge in einer Probe des Futterfett-Herstellers Harles und Jentzsch zu viel Dioxin festgestellt worden. Bundesweit wurden 4700 Höfe gesperrt.

böl/AFP/Reuters

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