Folgen der Lehman-Pleite Mit Vollgas ins nächste Desaster

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers löste die größte Finanzkrise der jüngeren Geschichte aus, doch drei Jahre nach dem Fiasko hat sich an der Wall Street wenig geändert. Stattdessen schlittert die Welt in das nächste Desaster - diesmal wegen Europa.

Lehman-Zentrale am 15. September 2008: Lehren vergessen
dpa

Lehman-Zentrale am 15. September 2008: Lehren vergessen

Von , New York


Das General Motors Building in Manhattan ist vielen Touristen vertraut. Im Erdgeschoss befinden sich der Spielzeugladen FAO Schwarz und das Studio der CBS-Frühstücksshow. Unter dem Platz davor liegt der Apple Store, dessen ikonischer Glaskubus gerade renoviert wird.

Hoch oben aber, 25 Etagen über der Fifth Avenue, brüten sie über einer ganz anderen Renovierung. Hier residiert die Anwaltskanzlei Weil, Gotshal & Manges, mit 1,2 Milliarden Dollar Jahresumsatz eine der größten Rechtsfirmen der USA. Ein dicker Batzen dieses Geldes kommt von einem Klienten, den viele längst tot wähnten: Lehman Brothers.

Der Konkurs der traditionsreichen US-Investmentbank am 15. September 2008 markierte den Beginn der Finanzkrise, die die Welt nun schon seit drei Jahren in Atem hält. Doch das Abwicklungsverfahren für Lehman quält sich erst jetzt dem Ende zu. Bis dahin kassieren die cleveren Konkursanwälte von Weil, die Lehman durchs Paragrafenlabyrinth steuern, weiter kräftig ab - allein 7,7 Millionen Dollar im Juli.

Insgesamt hat Weil an der Lehman-Pleite bislang 327 Millionen Dollar Gebühren verdient. Nur die Sanierungsfirma A&M, deren Chef Bryan Marsal den Lehman-Kadaver managt, fuhr mehr ein - rund 460 Millionen Dollar.

Während der Untergang von Lehman Brothers für manche bis heute ein prima Geschäft ist, scheint die Krise von 2008 drei Jahre später fast schon kalter Kaffee. Die Lehren von damals wurden verdaut und schnell wieder vergessen, die Wall Street entkam dem Verhängnis ramponiert und reduziert, gescholten und geknebelt.

Doch grundlegend geändert hat sich nichts. Stattdessen ist die nächste Krise aufgezogen, massiver und beängstigender als bisher. Sie brodelt aber nicht an der Wall Street und in Midtown New York, sondern in Europa, wie die Amerikaner dieser Tage nicht müde werden zu betonen - in besserwisserischem Ton, doch meist zu Recht.

Diese Woche häufen sich die transatlantischen Rügen. Solange die Euro-Krise nicht gelöst sei, warnt US-Präsident Barack Obama, "wird die Weltwirtschaft weiter schwächeln". Das Weiße Haus fürchte "einen weiteren Finanzabsturz", falls Europa nicht "entschiedener handelt", meldet die "New York Times" im Seite-eins-Aufmacher. Selbst das "Wall Street Journal" verspottet Europas "Refuseniks" - die "Verweigerer".

Kein Banker hinter Gittern

Es ist bezeichnend, wie viel sich verändert hat in den vergangenen drei Jahren - und wie sehr die Situation der von vor drei Jahren immer noch gleicht. Dem Lehman-Kollaps folgte die schwerste US-Rezession seit den zwanziger Jahren, und der wiederum folgte hier die dramatischste Finanzmarktreform seit Generationen, das sogenannte Dodd-Frank-Gesetz.

Trotzdem fahren die Banker und Börsenhändler heute wieder Millionen-Boni ein. Die großen Banken schluckten ihre gescheiterten Konkurrenten und wurden noch größer. Die Gewinne sind höher als vor der Krise - obwohl die Konjunktur weiter tief im Keller steckt, die US-Arbeitslosigkeit stagniert und die Armutsquote neue Rekorde erreicht.

Sicher: Geschäfts- und Investmentbanken werden in den USA nun wieder strikt getrennt. Auch wurden die Kapitalvorschriften verschärft, und Derivate sind strenger reguliert als früher.

Viele Punkte von Dodd-Frank bleiben aber unerfüllt. So hat der Senat den designierten Direktor des neuen Verbraucherschutzamts, Richard Cordray, immer noch nicht bestätigt. Auch ist ungeklärt, was passiert, wenn erneut eine Bank kollabiert: Springt die Regierung helfend ein - oder zerschlägt sie die Bank?

"Schlimmer als Lehman Brothers"

Etliche Strippenzieher des letzten Desasters kassieren weiter ab. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan verdingt sich als "Berater" des weltgrößten Anlagefonds Pimco eine lukrative Rente. Kein einziger Top-Banker landete bisher hinter Gittern.

Im Gegenteil: Die Protagonisten von damals treten schon wieder so selbstgerecht auf wie zuvor. Etwa Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan Chase Chart zeigen und einer der wenigen, die ihren Spitzen-Posten über die Krise retteten: In einem Interview mit der "Financial Times" torpedierte er kürzlich die unter dem Stichwort Basel III geplanten strengeren Eigenkapitalvorschriften für Banken als "offenkundig antiamerikanisch".

Die Herren von der Wall Street sehen die Probleme derzeit ohnehin nicht bei sich selbst. Merrill Lynch, das nach der Finanzkrise zur Tochter der Bank of America Chart zeigen eingedampfte Brokerhaus, befragte jüngst 286 Fondsmanager nach dem größten Risiko für die Weltwirtschaft: 64 Prozent nannten Europa. "Die Krise", unkt Star-Investor George Soros in der "New York Times", "hat das Potential, viel schlimmer zu werden als Lehman Brothers".

Die Bank, die alles auslöste, steht kurz vor ihrem endgültigen Begräbnis. Ende August bewilligte das zuständige Konkursgericht den Lehman-Gläubigern rund 65 Milliarden Dollar - knapp ein Fünftel dessen, was sie investiert hatten.

insgesamt 21 Beiträge
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Baikal 15.09.2011
1. Genau umgekehrt:
Zitat von sysopDie Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers löste die größte Finanzkrise der jüngeren Geschichte aus, doch drei Jahre nach dem Fiasko hat sich an der Wall Street wenig geändert. Stattdessen schlittert die Welt in das nächste Desaster - diesmal wegen Europa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,786110,00.html
Die Lehman-Pleite war schon die Folge einer Finanzkrise der Gier, des Betrugs, der Deregulierung und der viel zu starken ökonomischen Stellung der Finanzmafia in der Volkswirtschaft.
Shlomo 15.09.2011
2. Same as it ever was...
Zitat von BaikalDie Lehman-Pleite war schon die Folge einer Finanzkrise der Gier, des Betrugs, der Deregulierung und der viel zu starken ökonomischen Stellung der Finanzmafia in der Volkswirtschaft.
...und daran hat sich bis jetzt nichts geändert! Die Gründe sind weder abgeschafft noch im Griff, in der täglichen Diskussion sind vordergründig andere Finanzthemen. Niemand in der Politik fängt da mal an wo es notwendig wäre.
prologo1, 15.09.2011
3. Weil unsere unfähige Regierung auch mit Vollgas NICHTS getan hat,.....
....sie haben keine Sicherungen für die Zockerei eingebaut und alles so treiben lassen, dass wir jetzt wieder dieses Finanzchaos haben, ..... ....und diese Dilletanten und auch verantwortungslosen Regierungskoalitionäre wollen jetzt den EURO retten und für Griechenland unser Steuergeld versenken. Allesamt haben ihren Amtseid gebrochen, Deutschland vor Schaden zu bewahren, stattdessen reiten sie unser Land noch tiefer in die Finanzsche...e rein, und verschulden auch noch unsere Kinder mit Milliarden Bürgschaften! Es ist einfach fürchterlich, wenn man diesen Stümpern tatenlos zuschauen muss, wie sie unser Land ruinieren. Anstat dieses Geld für unser eigenes Volk zu infestieren, den Wohlstand zu sichern, verbraten sie es für einen bereits toten Euro.
spon-1277755831106 15.09.2011
4. es bleibt wie es ist
wenn nicht das Schlimmste eintritt, wird sich nichts ändern. Die Welt ist voller egoistischer Idioten. Leider!
snickerman 15.09.2011
5. Jaja...
Europa steckt hauptsächlich deshalb mitten in der Krise, weil es die von den angloamerikanischen Zockern (und ihren weltweiten Epigonen) verursachten Finanzbeben zu lindern versucht. Aber das Epizentrum bebt munter weiter und die Auslöser des Ganzen sitzen auf einem wackligen Pfropf mitten auf dem Vulkanschot und zeigen auf die Probleme bei uns, während schon aus allen Vulkanspalten heiße, stinkende Gase herauszischen und sich der ganze Berg aufbläht... Wer wie die USA finanztechnisch bis zur Oberkante Unterlippe in der Schei... braunen Brühe steckt, sollte die Klappe nicht so weit aufreißen! Es ist fast wie beim Ausbruch des Mount St. Helens, die Geologen schreien sich heiser, die Seismologen rennen weg, aber alle machen weiter wie immer... Nur das diesmal die Brocken, die uns allen um die Ohren fliegen werden, weltweit noch größere Verwüstungen anrichten werden, während der davon ausgelöste Finanztsunami alle Dämme, Deiche und Rettungsschirme einfach wegspülen wird.
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