"Forbes"-Spitzenreiter Slim Der Geld-Weltmeister und sein Bauchladen

Der Mexikaner Carlos Slim steht erneut an der Spitze der "Forbes"-Liste der Milliardäre. Der Unternehmer scheffelt sein Geld mit Monopolen - und steht stellvertretend für all das, was schiefläuft in der Wirtschaft von Mexiko und anderen Schwellenländern.

Von , Mexiko-Stadt


Am liebsten schweigt Carlos Slim. Interviews gibt er fast nie. Im Fernsehen tritt er nicht auf. Der reichste Mensch der Welt redet in der Öffentlichkeit nur, wenn er etwas erreichen will - oder wenn er sich ärgert. So wie kürzlich über die Ökonomen von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. Die hatten dem mexikanischen Multimilliardär Monopol-Praktiken vorgeworfen: Slim verlange mit seinen Telefonanbietern zu hohe Tarife für zu schlechte Leistungen, schrieb die OECD Ende Januar in einem 140 Seiten dicken Bericht.

Kaum war der Report in der Welt, rief der 72-Jährige Slim die Presse zu sich, um gegen die OECD auszukeilen: "Die Zahlen sind alt und falsch", behauptete er. Slim beschimpfte die Experten der normalerweise durchaus unternehmerfreundlichen Organisation als "Lügner".

Slim ist der Pate von Mexiko

So ist das mit Slim. Er mag keine Kritik und schon gar nicht, wenn man ihm beim Geldscheffeln allzu genau zuschaut. Niemand aber beherrscht diese Disziplin besser als Carlos Slim. Zum dritten Mal in Folge kürte das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" den Mexikaner jetzt zum Geld-Weltmeister. Keiner ist reicher als er mit seinem Vermögen von 69 Milliarden Dollar, auch wenn er im vergangenen Jahr mal eben fünf Milliarden Dollar verloren hat. América Móvil, der größte Mobilfunker Lateinamerikas und Flaggschiff der slimschen Unternehmens-Armada, hatte 2011 an Börsenwert eingebüßt.

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"Forbes"-Liste: Die reichsten Menschen der Welt
In Mexiko, der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas mit 112 Millionen Einwohnern, kontrolliert Slim mit seinem Unternehmen Teléfonos de México (Telmex) 80 Prozent der Festnetz-Linien und mit América Móvil 70 Prozent der Mobilfunkanschlüsse. Beide Unternehmen sind die Cash-Cows, auf denen sich der Reichtum des Einwanderer-Sohnes gründet. Die OECD moniert, Telmex habe eine Gewinnmarge von 47 Prozent. Deutlich mehr als Festnetzanbieter in anderen Industriestaaten. Gleichzeitig seien in keinem Land der OECD-Gemeinschaft die Pro-Kopf-Investitionen in die Telekommunikationsinfrastruktur niedriger. Beides sind ziemlich sichere Indizien dafür, dass da ein Marktführer fehlenden Wettbewerb ausnutzt, um üppige Renditen abzuschöpfen.

Aber Slims Imperium ist nicht nur auf Telekommunikation gebaut. Es gibt kaum eine Branche der mexikanischen Wirtschaft, in der er nicht - im wahrsten Sinne des Wortes - Aktien hat. Die Mexikaner schlafen in Betten aus Slim-Kaufhäusern. Für das Internet nutzen sie den Slim-Provider. Sie gehen in den Restaurants seiner Ketten essen. CDs, Konzertkarten, Billigflieger, Krankenhäuser - immer verdient Slim. Selbst das Geld dafür kommt oft aus seinen Geldautomaten. Slims Unternehmen repräsentieren neun Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Der reichste Deutsche, Karl Albrecht von Aldi Süd, kontrolliert weniger als ein Prozent der deutschen Wirtschaft.

Slims Aufstieg ist die Geschichte eines Wirtschaftsgenies, das aus Krisen Kapital schlägt wie kein anderer. Aber es ist auch eine Geschichte über Macht und Monopole, wie sie nur in Mexiko zu einer Erfolgsstory wird. Hier teilen sich wenige Mächtige das Land auf, und es gibt niemanden, der sie bremst.

Mit 25 hat Slim bereits seine erste Million verdient

Am 28. Januar 1940 kommt Carlos Slim Helú als fünftes von sechs Kindern zur Welt. Sein Vater war 1902 aus dem Libanon nach Mexiko eingewandert und hatte es hier mit einem Gemischtwarenladen zu einem kleinen Vermögen gebracht. Carlos Slim studiert Bauingenieurswesen. Er ist 25, da gehört ihm eine Immobilienfirma. Die erste Million hat er verdient. Es folgen: ein Zigarettenhersteller, eine Kupfer-Mine, eine Druckerei. Während des Finanzcrashs zu Beginn der achtziger Jahre fliehen alle Investoren aus Mexiko, Slim aber kauft zu Billigpreisen: eine Stahlfirma, einen Reifenhersteller, Baufirmen, Versicherungen und Hotels, sogar Bäckereien und Fahrradfabriken. Manche Unternehmen bekommt er zu ein oder zwei Prozent des Buchwertes.

Den entscheidenden Schritt macht Slim zehn Jahre später, als die mexikanische Regierung 1990 zahlreiche Staatsbetriebe privatisiert, darunter die Telefongesellschaft Teléfonos de México, Telmex. Unabhängige Buchprüfer schätzen den Wert des Festnetzmonopolisten auf zehn bis zwölf Milliarden Dollar. Slim erhält an der Spitze eines Konsortiums den Zuschlag - für 1,76 Milliarden.

Mexiko ist heute nicht mehr ohne Slim denkbar

Heute telefonieren 241 Millionen Kunden in 19 Ländern mit den slimschen Handys. Nur China Mobile und Vodafone haben mehr Klienten. Daheim schöpft Slim sein Monopol aus und verteidigt es. Wer ihn daran hindern will, den bekämpft er. Sobald die Regulierungsbehörde versucht, die Festnetz-, Mobil- und Internetmärkte in Mexiko zu liberalisieren, schickt der Multimilliardär seine Anwälte los und überzieht die Behörde mit einstweiligen Verfügungen.

Schuld habe nicht Slim, sondern der Staat, räumen selbst Slim-Kritiker ein. Der Staat sei zu schwach, wettbewerbsfeindliche Wirtschaftsimperien zu verhindern. Dafür sorgen auch die engen Verbindungen und persönlichen Beziehungen zwischen Politikern und Wirtschaftselite. Regierende und Abgeordnete kümmern sich lieber um die Interessen von Freunden und eigenen Unternehmen als um Verbraucherinteressen. Mexiko ist heute nicht mehr ohne Slim denkbar. Aber Slims Aufstieg war eben auch nur möglich in einem Land wie Mexiko. Der reichste Mensch des Planeten ist in gewisser Weise das Symbol für die Probleme in Mexiko und vielen anderen Schwellenländern.

In Mexiko ist Slim bei weitem nicht der einzige Unternehmer, der vom schwachen Staat und dem fehlenden Wettbewerb profitiert. Mit Billigung der Politik entstanden noch andere Monopole und Duopole in der Hand großer Magnaten. Lorenzo Zambrano und sein Weltkonzern Cemex etwa treiben die Zementpreise in Mexiko hoch. Den Fernsehmarkt dominieren Emilio Azcarraga und Ricardo Salinas mit ihren Unternehmen Televisa und TV Azteca - Sport und Telenovelas rund um die Uhr. Selbst die illegale Wirtschaft bringt in Mexiko Monopol-Imperien hervor. Ganz hinten auf Platz 1053 der Forbes-Liste findet sich Joaquin Guzman Loera, genannt "El Chapo", mit einem Vermögen von rund 1 Milliarde Dollar. Guzmán ist der flüchtige Boss des Sinaloa-Drogenkartells, des mächtigsten Clans der mexikanischen Rauschgiftmafia.

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symolan 08.03.2012
1.
"Unabhängige Buchprüfer schätzen den Wert des Festnetzmonopolisten auf zehn bis zwölf Milliarden Dollar. Slim erhält an der Spitze eines Konsortiums den Zuschlag - für 1,76 Milliarden." Das klingt nach einem fantastischen Deal. Spannend wäre zu erfahren, wie da noch wo Geld hingeflossen ist. Üblicherweise verkauft man Dinge nicht zu einem Bruchteil ihres Preises... honni soit qui mal y pense.
Vox libertatis 08.03.2012
2. Reichtum in Entwicklungsländern
Es ist eine traurige Tatsache, dass viele Entwicklungsländer keine funktionierende marktorientierte Wettbewerbspolitik haben. Zusammen mit den oft hohen Zöllen, die ausländische Produkte künstlich verteuern, oder willkürlicher Lizenzvergabe können sich so in vielen Sektoren (v.a. Telekommunikation, Zementproduktion, Stahl, Bau) Monopole oder Kartelle herausbilden, die einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommen, während die Konsumenten überhöhte Preise zahlen. Fazit: In vielen Entwicklungsländern gibt es neben den vielen Armen eine geringe Zahl von Reichen, deren Reichtum unermesslich ist, selbst wenn man sie mit den Reichen in den Industriestaaten vergleicht.
senn-heist-er 08.03.2012
3. wer die meiste Kohle hat..
..weiß zu verhindern, das die neugierigen Medien dies lauthals ausplappern. Interessanter ist jedoch wer die meiste Macht inne hat, dieser brauch die viele Kohle nicht um sich alles leisten zu können. Ab einer bestimmten Summe ist sich alles leisten zu können, uninteressant und langweilig. Mehr Spaß macht es da ganze Völker zu steuern, in den Ruin zu treiben oder die Welbevölkerung nach seiner Nase tanzen zu lassen. Das macht doch mal so richtig Spaß, gell. Die Forbesliste ist ein Witz - gemacht für die Neider unter den Proleten.
kuchenjohnny 08.03.2012
4. Danke, Forbes
Wer sind nun aber die wirklich reichsten Männer?
steelman 08.03.2012
5. ###
Nichts wirklich neues. Irgendwann wird aus jemandem, der Werte schafft, einer, der seine Gesellschaft schier erstickt um des Profites willen. Nun, auch sein letztes Hemd wird keine Taschen haben (War das jetzt wider typisch deutscher Neid in einer ansonsten neidlosen Welt?).
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