Kritik des Betriebsrats "Das Management reagiert erst, wenn Ford das Wasser bis zum Hals steht"

Die massiven Sparpläne des US-Autokonzerns Ford wären der Belegschaft zufolge vermeidbar gewesen. Betriebsratschef Martin Hennig sagt, die Manager hätten das Geschäft jahrelang "völlig falsch eingeschätzt".

Ford-Produktionsstandort Saarlouis
DPA

Ford-Produktionsstandort Saarlouis


Der Betriebsrat der Ford-Werke in Deutschland wirft der Führungsspitze des US-Autoherstellers schwere Versäumnisse vor. "Uns ärgert, dass das Management immer erst dann reagiert, wenn Ford das Wasser schon bis zum Hals steht", kritisiert Betriebsratschef Martin Hennig gegenüber dem SPIEGEL.

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Vergangene Woche hatte Ford für Europa einen Sparplan angekündigt, verbunden mit einem massiven Stellenabbau. Auch ein kompletter Rückzug aus Europa gilt seither als nicht mehr völlig ausgeschlossen. Eine solche Krise wäre zu vermeiden gewesen, sagt Hennig: Seit vielen Jahren habe der europäische Betriebsrat immer wieder Maßnahmen vorgeschlagen, um Verluste der Automarke außerhalb der USA zu begrenzen.

Viele fürchten um ihren Job

In Russland beispielsweise, so der Betriebsratschef, habe sich Ford "viele Jahre lang völlig verkalkuliert". Statt die Nachfrage russischer Kunden nach Premium- und Billigmodellen zu bedienen, sei Ford mit mittelpreisigen Modellen wie Mondeo, Focus oder Fiesta angetreten.

Auch in Westeuropa habe Ford es vielfach nicht geschafft, sein Angebot an einzelne Märkte anzupassen, in Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich fielen deshalb Verluste an. "Die Europa-Zentrale hat das Geschäft völlig falsch eingeschätzt", sagt Hennig, "deshalb kommen wir jetzt in die Situation, auf einen Schlag viel Geld einsparen zu müssen." Ford beschäftigt in Europa 53.000 Mitarbeiter, davon 24.000 in Deutschland. Viele fürchten jetzt um ihren Job.

Einen weiteren Grund für die Probleme sieht der Betriebsratschef in den häufigen Führungswechseln: In sechs Jahren hat Hennig drei Europachefs erlebt.

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Seite 1
denon34 18.01.2019
1. wie in der Politik
wie in der Politik,erst wenns zu spät ist wird sich bewegt oder Reagiert man. Ohne Tote oder Verletzte kommt auch keine Ampelanlage an einer Kreuzung
bamesjond0070 18.01.2019
2.
Wir müssen amerikanische Unternehmen als Feinde der europäischen Bevölkerung sehen. Ihre Weltsicht ist zu jedem Preis kurzfristig gewinnorientiert. Das (noch) demokratische System der EU ist nicht mit der amerikanischen Oligarchie vereinbar.
Sleeper_in_Metropolis 18.01.2019
3.
Zitat von bamesjond0070Wir müssen amerikanische Unternehmen als Feinde der europäischen Bevölkerung sehen. Ihre Weltsicht ist zu jedem Preis kurzfristig gewinnorientiert. Das (noch) demokratische System der EU ist nicht mit der amerikanischen Oligarchie vereinbar.
Mir scheint eher, das viele amerikanische Firmen (zumindest im Automobilbereich) einfach nicht in der Lage sind zu erkennen, das nicht überall auf der Welt die gleichen Bedingungen herrschen wie in ihrem Heimatmarkt. Man versucht das heimische Geschäft mehr oder weniger 1:1 auf die ganze Welt zu übertragen, und das geht eben oft daneben. Ob beim GM, die bei Opel seit Jahrzehnten für Probleme sorgten, oder die Daimler-Crysler-"Partnerschaft", die auch nichts brachte oder jetzt eben Ford.
kelcht 18.01.2019
4.
Zitat von denon34wie in der Politik,erst wenns zu spät ist wird sich bewegt oder Reagiert man. Ohne Tote oder Verletzte kommt auch keine Ampelanlage an einer Kreuzung
Es wurde der Europa Manager ja 3 mal ausgetauscht das ist den Gewerkschaftlern die ohne Marktkenntnis rumpoltern dann auch wieder nicht recht. Hätte man bereits früher Stellen abgebaut wäre der Herr von der Gewerkschaft aus dem poltern nicht mehr herausgekommen. Produkttechnisch hat man mmn alles richtig gemacht. Ich kann keine zwei Fords auf einmal Fahren auch sind die Schnuckeligen Fiestas wohl auch nicht schlecht für Griechenland und Co. nur leider kriegt die Politik dort keine wirtschaftliche Erholung hin. Ich weiß ich hab auch kein Patentrezept zum Schuldenabbau und Wachstum.
kelcht 18.01.2019
5.
Zitat von Sleeper_in_MetropolisMir scheint eher, das viele amerikanische Firmen (zumindest im Automobilbereich) einfach nicht in der Lage sind zu erkennen, das nicht überall auf der Welt die gleichen Bedingungen herrschen wie in ihrem Heimatmarkt. Man versucht das heimische Geschäft mehr oder weniger 1:1 auf die ganze Welt zu übertragen, und das geht eben oft daneben. Ob beim GM, die bei Opel seit Jahrzehnten für Probleme sorgten, oder die Daimler-Crysler-"Partnerschaft", die auch nichts brachte oder jetzt eben Ford.
Was macht denn Ford falsch? Die Produkte sind gut vor allem der in Köln entwickelte Fiesta sagt mir zu. Soll man in Russland ausschließlich den Ka oder den Mustang anbieten? Wenn der europäische Markt nicht mehr hergibt gibt er nicht mehr her da kann Ford nicht zaubern. Aber man kann ja auch VW fahren wenn man auf eckige Autos mit Runden lichtern steht.
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