Angebliche Unterwanderung durch Kreml Fracking-Gegner verlangen Beweise vom Nato-Chef

Nato-Generalsekretär Rasmussen wirft Europas Anti-Fracking-Bewegung vor, sie werde vom Kreml unterwandert. Das lassen die Schiefergas-Gegner nicht auf sich sitzen: In einem Brief fordern 45 Initiativen aus zehn Ländern Beweise - oder eine Entschuldigung.

Von

Anti-Fracking-Protest in Brünen (Nordrhein-Westfalen): Aktion gegen Schiefergas-Förderung
DPA

Anti-Fracking-Protest in Brünen (Nordrhein-Westfalen): Aktion gegen Schiefergas-Förderung


So einig wie in ihrer Empörung über Anders Fogh Rasmussen sind sich Europas Umweltschützer lange nicht mehr gewesen. Nachdem der Nato-Generalsekretär erklärt hat, Russland unterwandere Europas Anti-Fracking-Bewegung, fordern nun 45 Organisationen und Bürgerinitiativen aus zehn Staaten von Rasmussen Belege für seine Vorwürfe.

"Da die Arbeit der Nato stark auf detaillierter und präziser Informationssammlung basiert, hoffen wir, dass Ihre außergewöhnlichen Behauptungen durch außergewöhnliche Beweise gestützt sind", heißt es in dem offenen Brief. "Deshalb rufen wir Sie auf […], entweder Belege für diese Anschuldigungen anzubieten oder sich öffentlich für diese Falschbehauptung zu entschuldigen."

Rasmussen hatte am Donnerstag gesagt, Verbündete hätten ihm berichtet, "dass sich Russland als Teil seiner ausgeklügelten Informations- und Desinformationstätigkeiten aktiv mit sogenannten Nichtregierungsorganisation engagiert - also Umweltschutzorganisationen, die gegen Schiefergasförderung vorgehen". Ziel der Moskauer Regierung sei es, "Europas Abhängigkeit von importiertem russischen Gas aufrechtzuerhalten".

Fracking-Gegner sind empört

Seit Jahren toben in Europa Diskussionen über die Schiefergasförderung, die mithilfe neuer Technologien erheblich ausgeweitet werden könnte. Befürworter verweisen auf die USA, die Russland mithilfe des Frackings als weltgrößten Erdgasproduzenten überholt haben. Gegner befürchten erhebliche Belastungen des Grund- und Trinkwassers sowie die Zerstörung von Natur und Landschaft. Sie haben sich in Hunderten von Protestgruppen auf dem ganzen Kontinent organisiert. Rasmussens Äußerungen, dass der Kreml sie steuere, sorgen europaweit bei ihnen für Entrüstung.

"Solche Anschuldigungen sind nicht neu, aber existierten bis jetzt nur als substanzlose, perfide Gerüchte", heißt es in dem Schreiben der Vereinigungen aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Irland, Frankreich, Belgien, Schweden, Rumänien und Tschechien an Rasmussen. "Europäische Autoritäten wie die EU-Kommission und Wissenschaftler überall auf der Welt haben schon mehrere Studien veröffentlicht, die auf die hohen Risiken der Fracking-Industrie verweisen. Glaubt Generalsekretär Rasmussen, dass diese Institutionen und Individuen alle russische Tölpel sind?"

NGO als Staatsfeinde klassifiziert

Auch Parlamentarier verlangen nun Aufklärung. Die Umweltsprecherin der Grünen in der niederländischen Abgeordnetenkammer, Liesbeth van Tongeren, kündigte an, sie werde Außenminister Frans Timmermans am Dienstag im Plenum eine Erklärung über Rasmussens Aussagen abfordern.

Der europapolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Manuel Sarrazin, plant eine parlamentarische Anfrage. Die Bundesregierung solle Stellung zu Rasmussens Vorwürfen nehmen - und erklären, ob ihre Politiker dem Nato-Generalsekretär berichtet hätten, dass Russland Umweltschutzorganisationen unterwandere. "Diejenigen, die NGO als einfach so Staatsfeinde klassifizieren, stellen sich mit Putin auf eine Stufe. Wir brauchen in unserer Demokratie den politischen Diskurs", sagte Sarrazin SPIEGEL ONLINE.

Die Nato hatte sich am Freitag bereits vorsichtig von Rasmussen distanziert und erklärt, der Generalsekretär habe eine persönliche Position vertreten, nicht die des Bündnisses. Die Amtszeit des Dänen läuft Ende September aus.

Der offene Brief im Wortlaut
Hier dokumentieren wir den offenen Brief.
Text

Dear NATO Secretary-General Rasmussen,

We the undersigned are groups of citizens and environmental organizations that are concerned about fracking and shale gas drilling and that campaign against the development of unconventional fossil fuels like shale gas in Europe. We were astonished to read your comment about us in several European media outlets: “Russia, as part of their sophisticated information and disinformation operations, engaged actively with so-called non-governmental organisations - environmental organisations working against shale gas - to maintain European dependence on imported Russian gas”.

Such allegations are not new but, until now, existed only as unsubstantiated, perfidious rumors.

As NATO’s work heavily depends on detailed and precise intelligence-gathering, we hope that your extra-ordinary claim about the European anti-fracking movement is backed up by extra-ordinary evidence. We therefore call on you, as the secretary-general of an important regional military organization with global reach, to either offer proof for these accusations or to publicly apologize for this false statement.

Furthermore, we would like to draw your attention to the fact, that the European authorities, such as the European Commission, have already published several studies demonstrating the high risks involved in the fracking industry—as have leading scientists around the world. Does Secretary General Rasmussen believe that these institutions and individuals are all Russian dupes?

Ironically, as widely recognized, fracking for shale gas will neither reduce Europe’s dependency on Russian gas supplies nor will it lead to lower gas prices. Anti-fracking groups across Europe agree that Europe’s increasing reliance on imported fossil fuels like natural gas is a concern, and we are therefore convinced that an ambitious development of renewables and serious investment in energy efficiency is the best way to reduce our reliance on Russian fossil fuels. We would welcome a serious and informed discussion on the topic of energy security.

Anti-fracking groups are raising awareness about the risks of shale gas development for the climate, air, water and public health. Social movements like ours have a key role to play in nurturing a public debate about the future of European climate, environmental and low-carbon energy policies. The precautionary principle, the principle of preventive action, the ‘polluter pays’ principle are written into the Lisbon Treaty. Preserving, protecting and improving the quality of the environment and combating climate change are key objectives of the EU.

Labeling the European anti-fracking movement as infiltrated by Russian agents undermines the legitimate public debate about the risks and impacts of fracking and undermines our democratic institutions.

This is not the first time that we have been accused of being Gazprom spies or “working against the public interests of the state”. We will no longer tolerate a defamation or criminalization of our important work. If there are indeed groups that oppose fracking and that are secretly working with Russia against the interests of the European people, we would also like to know who they are.

Therefore, we look forward to receiving proof of your accusations. Or a public apology.

Unterzeichner
Food and Water Europe BI Lebenswertes Korbach e.V. BI Fracking freies Hessen Schaliegasvrij Nederland Ecologistas en Accion Romania Fara Ei Supported by Josh Fox Attac France Les Amis de la Terre / Friends of the Earth France Collectif citoyen, Pézenas, Castelnau de Guers et environs ( France ) Collectif du Céressou ( France) Fracking Free Ireland - Brussels (Belgium) Collectif GAZPART-02 Soissons- (France) Collectif Stop gaz de schiste Anduze (30-France) Collectif Non au gaz et huile de schiste (47-France) Collectif Gaz de Schiste NonMerci - Clapiers (34-France) Fracking Free Clare Heaven Or sHell, Sweden Activists Without Borders Climaxi, Belgium Friends of the Earth Scotland Koalice Stop HF, Czech Republic Asociatiei „Romania fara ei” Fracking Free Ireland / Brussels Keep Ireland Fracking Free (KIFF) Collectifs Isérois STOP GHRM 38 ( France) Collectif Hainaut 59 (France) collectif Roynac 26 (France) Collectif Citoyen du Narbonnais Non Gaz et Pétrole de Schiste (France - 11) Collectif d’Anduze (30) France Collectif Montpellier littoral contre les huile et gaz de schiste (France-34) Collectif Bassin de Thau (France - 34) Collectif de Sète (France - 34) Collectif “Eco’lectif Dégaze de Gignac et Environs”( France -34) Fracking Free Ireland Collectif 07 Stop au Gaz et Huiles de Schiste (France-07) Collectif “Non gaz de schiste” Florac ( France - 48) Collectif 91 non au gaz et petrole de schiste (France) Collectif Ile-de-France contre les pétrole et gaz de schiste (France) Collectif stop gaz de schiste Roquedur-Le Vigan (France - 30) Collectif de Campagnan (34 - France) Collectif stop gaz de schiste 69 (France) Collectif Basta! Gaz Alès (France - 30) Collectif Vigilance Plaine d’Alès Camis-gaz (France - 30) Collectif Houille-ouille-ouille 59/62 (France)



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
beta23 21.06.2014
1. Erfolg der Lobbyarbeit
Es ist erschreckend mit welchen "Argumenten" die Anti- Fracking Bewegung mundtot gemacht werden soll. Ich mag mir gar nicht vorstellen mit welch intensiver Lobbyarbeit Hr. Rasmussen von der Industrie bearbeitet worden sein muss um solch einen Blödsinn von sich zu geben. Unser Trinkwasser ist zu kostbar um es den Gefahren dieser Gasgewinnung auszusetzen.
EvaBaum 21.06.2014
2. Seit wann brauchen Kriegstreiber Beweise?
Fehlende Beweise werden schlicht und einfach gefälscht, PR- Fachkräfte sorgen darüber hinaus für die richtige Stimmungslage in der Bevölkerung. Sollte dieser Nato- Falke einen Rat brauchen : Einfach George Bush fragen! PS Unter halbwegs vernunftbegabten Menschen sollte Gift ins Trinkwasser zu pumpen überhaupt nicht zur Diskussion stehen.
holik 21.06.2014
3. Die NATO tut sich definitiv kein gefallen
mit dieser Person an der Spitze. Bis September ist noch viel Zeit für ihn. Da lässt sich noch Schaden anrichten. Falls es aber doch nicht seine "persönliche Meinung " war, dann bin ich wortlos. Dann hat die Verteidigungsbündnis was zu erklären. Viel Vergnügen.
henningr 21.06.2014
4.
Zitat von holikmit dieser Person an der Spitze. Bis September ist noch viel Zeit für ihn. Da lässt sich noch Schaden anrichten. Falls es aber doch nicht seine "persönliche Meinung " war, dann bin ich wortlos. Dann hat die Verteidigungsbündnis was zu erklären. Viel Vergnügen.
An der Spitze der NATO sind IMMER US-Generäle. Rasmussen ist ein besserer Pressesprecher, nichts weiter. Die NATO ist eine US-Veranstaltung. Rasmussen ist zwar Generalsekretär, dabei aber viel mehr Sekretär als General...
derbarde 21.06.2014
5. Es ist eine unglaubliche Anmaßung ..
... dass sich die NATO nun aufschwingt, Menschen, die von ihrem guten Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, zu diffamieren. Hinzu kommt, dass Herr Rasmussen offenbar keine Kenntnis davon haben will, dass auch amerikanische Wissenschaftler inzwischen vor dieser Technologie warnen. Sehr geehrter Herr Rasmussen, darf auch ich mutmaßen? Dann würde ich dringend um den Nachweis bitten, dass die NATO nicht von Fracking-Lobbyisten unterwandert ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.