S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Plädoyer für das deutsche Schiefergas

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Die USA treiben die Gewinnung von Erdgas aus Schieferplatten mit unbändiger Euphorie voran. Und in Deutschland? Wird diese Chance aufgrund diffuser Umweltbedenken vertändelt. Das ist gut für die Weltwirtschaft, aber schlecht für Europa.

Die Gewinnung von Gas aus Tonsteinformationen, das sogenannte Fracking, macht mittlerweile in den USA 37 Prozent der gesamten Gasförderung aus. Laut einer Expertenschätzung hängen momentan 1,7 Millionen Arbeitsplätze an dieser Technologie, mit einem geschätzten Anstieg auf drei Millionen bis zum Jahre 2020. Der wichtigste ökonomische Effekt ist die Unabhängigkeit der USA von importiertem Gas. Die Energiepreise purzeln dort gerade, und sie werden weiter fallen.

In Deutschland plant Umweltminister Peter Altmaier, mit neuen Regeln die Förderung von Schiefergas zu erschweren. Nach dem Ausstieg aus der Atomenergie steigt man in Deutschland hier erst gar nicht ein. Man lehnt das Fracking wegen angeblicher Gefahren für die Umwelt ab. Es treten aber auch Gefahren für die Wirtschaft auf, wenn man nichts tut.

Denn was passiert ökonomisch, wenn die Amerikaner bei dieser Technologie Vollgas geben und wir auf die hydraulische Bremse drücken? Wenn es in den USA einen positiven Angebotsschock gibt, um was für eine Art von Schock handelt es sich dann bei uns?

Die deutsche Strategie könnte sogar aufgehen

Die Frage ist ergebnisoffener, als es zunächst den Anschein hat. Wenn die Amerikaner und Chinesen das Zeugs in massiven Mengen produzieren, dann werden sie es bald exportieren und damit langfristig die globalen Energiepreise drücken. Wenn wir dieser Gas-Bonanza fernbleiben, opfern wir vielleicht ein paar Arbeitsplätze im Gassektor und profitieren trotzdem von den fallenden Energiepreisen. Energie ist schließlich Teil eines globalen Rohstoffmarktes.

Auf ganz lange Sicht halte ich diese Entwicklung sogar für wahrscheinlich, aber nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre. Innerhalb dieses Zeitrahmens sind die ökonomischen Realitäten andere. Die Gaspreise werden in dieser Zeit sicher stärker schwanken als bislang, aber das Preisniveau wird sich so schnell nicht ändern.

Wie bei der Opec mit dem Öl wird es auch beim Schiefergas voraussichtlich eine Oligopolstruktur geben. Ich erwarte, dass die Amerikaner überschüssiges Gas exportieren, vielleicht sogar schon ab 2015. Aber zu wahrscheinlich höheren Preisen, als sie daheim verlangen. Diese Preisdiskriminierung hat wirtschaftliche und politische Gründe. Präsident Barack Obama hat schließlich erklärt, man wolle diese Technologie hundert Jahre lang ökonomisch ausbeuten. Mit einem Exportzoll oder mit Mengenbeschränkungen lässt sich das globale Gasangebot gut steuern - und damit der Preis. Darüber hinaus sehen die Amerikaner das Schiefergas als eine Möglichkeit, ihre geopolitische Führungsrolle aufrechtzuerhalten.

Die Amerikaner haben beim Fracking einen Know-how-Vorsprung

Wenn Energiepreise in den USA langfristig unter dem europäische Niveau bleiben, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Die fallenden Energiepreise betreffen allerdings nicht alle Branchen, die Chemieindustrie mehr, die Autoindustrie weniger. In einigen Branchen kommt es jetzt schon zu Produktionsverlagerungen dorthin, wo Energie billig ist. Ein Trend, der mit Sicherheit in den kommenden Jahren zunehmen wird.

Ökonomisch ist das eine ziemlich brisante Situation. Denn selbst wenn der Nachfolger von Peter Altmaier im Bundesumweltministerium die nächste Energiewende verkündet und plötzlich auf die Idee kommt, die Schiefergasproduktion zu fördern, dann wird es viele Jahre dauern, bis aus der Politikwende eine Preiswende entsteht. Die Amerikaner sind uns beim Fracking mittlerweile schon um etliche Jahre voraus - ein Know-how-Vorsprung, den wir nicht so schnell wieder aufholen werden.

Für die globale Wirtschaft ist diese Verlagerung von Wettbewerbsvorteilen aus Deutschland in die USA zu begrüßen. Deutschland hat einen großen Leistungsbilanzüberschuss, die Amerikaner ein Defizit. Dank des Schiefergases kommt es zu einem Ausgleich.

Momentan sieht es aber nicht danach aus, dass wir Deutschen und Europäer insgesamt von dieser Revolution profitieren werden, eher im Gegenteil. Das ist besonders schade, weil uns mit dem Schiefergas eine der wenigen Chancen entgeht, die Schuldenkrise im Euro-Raum nachhaltig zu lösen. Dazu bedarf es eines Wirtschaftswachstums, und nichts käme gelegener als ein positiver Angebotsschock durch sinkende Energiepreise.

Angesichts dieser enormen ökonomischen Auswirkungen ist es kurzsichtig, dass die Bundesregierung die Fracking-Frage allein im Umweltministerium und unter Umweltaspekten diskutiert - und so tun, als hätte man das Thema damit erschöpfend behandelt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 472 Beiträge
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1. Diffuser Umweltbedenken???
jaidru 13.02.2013
Herr Münchau sollte sich vielleicht einmal von Brüssel aufmachen nach Staufen. Dort weiß man, wie "diffus" diese Umweltbedenken wirklich sind. Völlig daneben, dieser Artikel!
2. Ein Aschermittwoch-Münchau
abita 13.02.2013
Sollte es tatsächlich nach H. Münchau gehen, dann gilt Wirtschaft alles und Umwelt nichts. Vor ein paar Tagen gab es im Fernsehen einen Beitrag über Frackingregionen in den USA und deren Folgen für die Menschen und deren Gesundheit ( in dem Fall Krankheit). Das war nicht schön anzusehen.
3.
fruchtoase 13.02.2013
Nur weil den Amerikanern mal wieder egal ist, was mit der Umwelt passiert, sollte man deshalb ja nicht gleich auf den Zug aufspringen. Schön auch, dass die Thematisierung dieser "diffusen Umweltbedenken" völlig ausbleibt. Entweder hat der Mann davon keine Ahnung, oder es ist ihm egal, ersteres wäre eine Bankrotterklärung an seine journalistischen Fähigkeiten, zweiteres an seine menschlichen.
4.
thinkrice 13.02.2013
Vergleicht man die Größe und Bevölkerungsdichte Amerikas mit der Deutschlands, sollte jedem sofort ins Auge stechen, dass enorme Unterschiede bestehen. Die Amerikaner können es sich leisten einen Teil ihres Landes durch oberirdische Atombombentests zu verseuchen. In Deutschland wäre dies unmöglich. Ebenfalls wären die Auswirkungen einer Verseuchung der Trinkwasservorräte in Amerika deutlich leichter zu handhaben als in Deutschland. Dort haben die Menschen deutlich mehr Platz zu siedeln, wenn sie sich einmal die Grundbedigungen zum Leben vernichtet haben.
5. Willkommen in der Steinzeit
rgkdgmfw 13.02.2013
Die Umwelt zerstören, um wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Ich war noch nie so sauer wie jetzt gerade. Was für ein Schwachsinn!
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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