Schiefergas made in Germany: Das Märchen von der deutschen Erdgas-Bonanza

Von manager-magazin.de-Redakteur Nils-Viktor Sorge

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Schiefergas-Förderung (in den USA): Zweifelhafter Nutzen für die deutsche Wirtschaft

Amerikas Schiefergas-Rausch nährt auch in Deutschland den Traum von billiger Energie. Heimischer Brennstoff könnte die Stromkosten der Industrie senken und nebenbei die Energiewende retten, verheißen Konzerne wie Exxon. Doch in der Fachwelt glaubt daran fast niemand.

Hamburg - Zwischen Weiden und Gewächshäusern quälen sich die Pferdeköpfe von zwei Erdöl-Tiefpumpen auf und nieder. Die Farbe blättert, die Fördermenge ist rückläufig - lange sind die Anwohner in Hamburg-Reitbrook davon ausgegangen, dass sich die Öl- und Gasförderindustrie bald nicht mehr für den Stadtteil interessiert.

Weit gefehlt: Kürzlich hat das Bergamt einer Tochterfirma des Energie-Multi Exxon Mobil Chart zeigen erlaubt, das Gebiet auf Öl- und Gasvorkommen zu untersuchen. Die Bevölkerung ist seither in Aufruhr. Sie befürchtet, dass Exxon eines Tages Schiefergas mit der umstrittenen Fördermethode Fracking zu Tage fördern will - was das Unternehmen nicht ausschließen mag.

Landauf, landab inspizieren Konzerne wie Exxon, BNK Petroleum, Wintershall und BG International derzeit den deutschen Untergrund. Angesichts des Schiefergas-Booms in den USA wollen sie herausfinden, ob sich hierzulande ebenfalls ein unterirdischer Milliardenschatz verbirgt. "Deutschland ist ein spannender Markt", sagt eine Exxon-Sprecherin.

Die Vorkommen sollen zugleich eine Art Frischzellenkur für die gesamte deutsche Wirtschaft sein, die Angst hat vor steigenden Strompreisen durch die Energiewende. Profitieren würden "auch Verbraucher und Industrie von niedrigen Energiepreisen", trommelt Exxon in einer Kampagne.

US-Gasanalyst: "Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Mehr deutsches Schiefergas bringt sinkende Gas- und Strompreise - die Gleichung scheint so logisch, dass sie in der Öffentlichkeit kaum hinterfragt wird. In der Fachwelt geht jedoch fast niemand davon aus, dass sie stimmt.

Tatsächlich dürfte das Schiefergas wenig zur Lösung der deutschen Energieprobleme beitragen. Das liegt nicht nur am Widerstand der Anwohner gegen die in Deutschland bisher nicht erprobte Fracking-Methode, bei der ein Bohrer horizontal ins Schiefergestein eindringt und mit Hilfe von Wasser und Chemikalien das Gas aus dem Boden gepresst wird.

"Die deutschen Vorkommen sind ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt der US-Gasanalyst Charles Blanchard von Bloomberg New Energy Finance mit Blick auf die Preisbildung. "Die Schiefergas-Story wird in Europa übertrieben."

Vor allem ist es die weltweite Gasflut, die das deutsche Schiefergas marginalisiert. Lieferanten wie Katar schiffen ihr Flüssiggas (LNG) nach Asien und Europa anstatt in die überversorgten USA. Zudem flutet Australien ab 2015 den Markt. Das alles senkt den Gaspreis.

Die in Deutschland teure Gasgewinnung hingegen wird den Preis vielen Fachleuten zufolge kaum drücken. "Wer außerhalb der USA auf eine Schiefergas-Revolution wartet, wird enttäuscht werden", stellte die Deutsche Bank 2011 in einer Studie fest. An dieser Einschätzung habe sich auch für Deutschland nichts geändert, sagt Co-Autor Michael Hsueh.

Märchenhafte Berichte aus den USA

In Deutschland fällt die Botschaft vom billigen Gas dennoch auf fruchtbaren Boden, vor allem angesichts der märchenhaften Berichte aus den USA. Dort ist der Gaspreis abgestürzt, seit die Förderkonzerne Schiefergas mit Fracking gewinnen. Das lockt energieintensive Unternehmen aus aller Welt an. "Es ist denkbar, dass in den USA ein neues Zentrum für die Petrochemie entsteht", sagt Unternehmensberater Sven Mandewirth von Camelot Management Consultants.

Auch deutsche Konzerne liebäugeln mit neuen Werken in den Staaten. Während in Europa nur teure Energie gute Energie sei, werde anderswo Energie billiger gemacht, sagte BASF-Chef Kurt Bock mit Blick auf das Schiefergas-Fracking. "Wenn wir dies sofort ablehnen, geraten wir international ins Hintertreffen", sagt der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo.

Doch die in Deutschland vermutete Gasmenge scheint ungeeignet, eine Preisrevolution auszulösen. Von etwa 1,3 Billionen Kubikmeter technisch förderbarem Schiefergas geht die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus. Das entspricht immerhin der 13-fachen Menge des deutschen Jahres-Gasverbrauchs, der bei etwa 95 Milliarden Kubikmetern liegt. Wie viel sich von den Gasvorräten wirtschaftlich zu Tage fördern lässt, ist aber unklar. "Es sind weitere Untersuchungen und Bohrungen nötig, damit wir ein umfassendes Bild zu den Vorkommen bekommen", sagt eine Exxon-Sprecherin. In Polen sind die Schätzungen zuletzt massiv nach unten geschraubt worden, Exxon hat sich aus dem Land zurückgezogen.

Auf drei Milliarden Kubikmeter könnte die jährlich Fördermenge steigen, erwartet die Unternehmensberatung A.T. Kearney. "Die zu erwartende Gasförderung durch Fracking spielt für den Gaspreis keine Rolle", sagt A.T.-Kearney-Energieexperte Kurt Oswald. "Fracking in Deutschland wird die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie nicht beeinflussen."

Gazprom gerät auch ohne deutsches Schiefergas unter Druck

Globale Trends sind stärker. Tatsächlich gerät Gaslieferant Russland schon jetzt unter Druck. "Gazprom Chart zeigen kapituliert beim Preis", sagt US-Analyst Blanchard. Einkäufer wie Eon Chart zeigen haben bessere Karten. Die Gaspreise müssten jedoch doppelt so hoch sein wie jetzt, damit sich Schiefergas lohne, heißt es beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Energiekonzerne wie Exxon erwarten aber, dass die Nachfrage steigt und Schiefergas dringend gebraucht wird. Ohne Fracking sei die Energiewende nicht zu meistern, sagt Exxon-Chef Gernot Kalkoffen sogar.

"Völlig abwegig", nennt der Hamburger Energiemarkt-Kenner Steffen Bukold diese These. "Falsch" heißt es auch bei einem deutschen Industrieverband.

Zitierfähig ist das aber nicht - die Fracking-Debatte ist für Teile der Industrie ein wichtiges Symbol. "Viele sind mit der Energiepolitik der Bundesregierung nicht einverstanden", sagt Unternehmensberater Mandewirth. "Die Fracking-Debatte verstärkt das energiepolitische Grundrauschen. In den strategischen Planungen der Firmen spielt das Thema aber praktisch keine Rolle."

DIHK gibt sich skeptisch

Zurückhaltend gibt sich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Um einen Preiseffekt zu erzielen, müsste man massiv in die Gasförderung einsteigen", sagt Energiereferent Sebastian Bolay. Das sei angesichts der Bevölkerungsdichte in Deutschland nicht denkbar. Zwar seien die niedrigen US-Gaspreise ein Nachteil für hiesige Firmen, sagt Bolay. "Mit unkonventioneller Gasförderung hierzulande können wir aber wenig dagegen tun."

Auf Nachfrage relativiert Exxon die Verheißungen. Eine Prognose, wie das deutsche Schiefergas den Preis beeinflussen wird, sei derzeit nicht möglich, sagt die Sprecherin. "Es kann aber gut sein, dass heimische Vorkommen ein Quäntchen Vorteil beim Preis für Gaskunden bedeuten."

Nutzlos ist die Suche nach Schiefergas in Deutschland aber nicht, sind sich die Experten Bolay, Oswald und Mandewirth einig. Schließlich verspricht der Rohstoff Einnahmen für die Staatskasse, eine breitere Versorgungsbasis und schützt immerhin ein wenig vor geopolitischen Verwerfungen.

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