Frage: Frau Nold, auf der Ikea-Homepage steht, dass seit der Einführung der ethischen Mindestanforderungen, dem "Iway", weltweit 100.000 Verbesserungen bei Lieferanten erreicht wurden. Lag denn so viel im Argen?
Nold: Die schiere Zahl kommt zustande, weil so viel erfasst wurde. Iway-Standards haben sehr, sehr viele Unterpunkte.
Frage: Welches sind die wesentlichen Verbesserungen?
Nold: Prävention von Kinderarbeit und Verbesserung der Arbeitsbedingungen: gesetzliche Entlohnung, Hygiene, Arbeitszeiten, Gewerkschaftsfreiheit - da haben wir sehr viel erreicht.
Frage: Ikea hat rund 1100 Lieferanten und Hersteller weltweit, die wiederum mit Zwischenhändlern arbeiten. Ist es denn möglich, die gesamte Lieferkette zu überprüfen?
Nold: Wir haben den Vorteil, dass wir bei den Herstellern direkt einkaufen und mit 29 Büros in 25 Ländern vor Ort arbeiten, die eine sehr langfristige Beziehung zu den Lieferanten haben. Wir haben außerdem unabhängige Unternehmen mit Kontrollen beauftragt. Auch Nichregierungsorganisationen (NGOs) kontrollieren, ob der Iway umgesetzt wird.
Frage: Eine Hauptkritik von NGOs ist, dass Ikea seine Lieferanten nicht preisgibt und eine externe Einschätzung unmöglich macht. Warum?
Nold: Wir haben im Gegensatz zu anderen Möbelhändlern ein eigenes Sortiment. Es ist bei uns ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, die Lieferanten, die unsere Möbel herstellen, nicht preiszugeben. Sonst öffnet man Tür und Tor, noch mehr kopiert zu werden.
Frage: Außer auf den Bio-Produkten und dem Kaffee, der das UTZ-Siegel trägt, findet man keine Herkunftssiegel bei Ikea. Warum nicht?
Nold: Ich denke, der entscheidende Punkt ist nicht ein bestimmtes Siegel, sondern ob die Anforderungen gelebt und kontrolliert werden und ob die Arbeitsweise im Unternehmen stimmt. Das Ikea-Logo steht für das, was wir tun.
Frage: Das sagen alle Konzerne. Trotzdem werden immer wieder Verstöße aufgedeckt. Auch bei Ikea. 2005: elf Fälle von Kinderarbeit in Südasien und China. 2009: Daunen von lebend gerupften Gänsen in Ikea-Kissen. Ebenfalls 2009: Arbeitsrechtsverletzungen in einer türkischen Textilfabrik. NGOs kritisieren, dass freiwillige Kodizes von Konzernen ungenügend sind.
Nold: Die meisten Dinge, die Sie genannt haben, haben wir im Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Das zeigt, dass es Kontrollen gibt. Indem wir Verstöße aufzeigen und daran arbeiten, haben wir viel mehr Chancen, uns und unsere Lieferanten weiterzuentwickeln.
Frage: Die meisten Verstöße wurden zuerst von NGOs veröffentlicht.
Nold: Wir haben sehr genau die Kinderarbeit dokumentiert. Das machen wir auch mit den Ergebnissen der Überprüfung aller anderen Kriterien.
Frage: Vor einem Jahr ist das Buch "Die Wahrheit über Ikea" des Ex-Managers Johan Stenebo erschienen. Die Vorwürfe gegen den Konzern haben in Deutschland für großes Medienecho gesorgt. Hat das Ikea geschadet?
Nold: Ich möchte die Meinung von Johan Stenebo nicht kommentieren. Ich hatte aber den Eindruck, dass sich die Presse in Deutschland das sehr differenziert angeschaut und fair berichtet hat. Wir können ja zu den Hauptpunkten, die er genannt hat, sehr viel Positives vermelden.
Frage: Ein zentraler Vorwurf von Stenebo ist, dass ein Drittel des Ikea-Holzes aus illegaler Abholzung stammt. China und Russland gehören zu Ihren größten Holz-Lieferanten, fast ein Viertel der Ikea-Produkte wird in China produziert. Laut Stenebo habe der damalige Chefförster von Ikea vermutet, dass 80 Prozent des Holzes aus China illegal gefällt wurde. Können Sie das widerlegen?
Nold: Ja! Wir haben 16 Forstexperten in den Einkaufsbüros, die sagen, sie könnten nahezu jeden Baum rückverfolgen. Wenn wir Holz angeboten bekommen, bei dem nicht klar ist, woher es stammt, dann kaufen wir es im Zweifelsfall nicht.
Frage: Die Rückverfolgbarkeit von Holz aus China liegt bei höchstens 20 Prozent. Chinesische Holzfirmen lassen illegal in sibirischen Urwäldern Bäume fällen und verkaufen sie mit gefälschten Papieren. Thomas Bergmark, Ikeas Umwelt- und Sozialmanager, sagte, man könne nie garantieren, dass jeder Baum aus einer legalen Quelle stammt.
Nold: Sie können für die allerwenigsten Dinge eine 100-prozentige Garantie übernehmen. Aber wir tun alles, damit kein illegales Holz für Ikea verarbeitet wird. Das ist in unserem Interesse. Holz ist ein Rohstoff, den wir langfristig nutzen müssen. Das schafft man nur mit einer nachhaltigen Forstwirtschaft.
Frage: Rund 60 Prozent der Ikea-Rohstoffe sind Holz. Ikea beschreibt als langfristiges Ziel, sämtliches Holz aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern zu beziehen. Wie ist das bei diesen Mengen möglich?
Nold: Wir beziehen fünf Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr, die Menge ist gesunken. 24 Prozent unseres Holzes erfüllen die Anforderungen des Forest Stewardship Councils (FSC). 98 Prozent der Herkunft können wir nachvollziehen. Das heißt, damit ist ausgeschlossen, dass wir Holz aus illegalem Einschlag und aus intakten Naturwäldern verwenden.
Frage: Und die restlichen 76 Prozent sind nicht nachhaltig?
Nold: Unser gesamtes Holz erfüllt die Mindestanforderungen. Die wichtigste ist: kein Holz aus illegalem Einschlag.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Nachhaltigkeit | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH