Fragwürdige Finanzprodukte Börsenwächter klagen Goldman Sachs wegen Betrugs an

Schwerer Schlag gegen Goldman Sachs: Die US-Börsenaufsicht wirft der größten Wall-Street-Bank Anlegerbetrug im großen Stil vor. Die Klage richtet sich auch gegen einen Vizepräsidenten des Konzerns. Die Aktie stürzt um mehr als zehn Prozent ab - und zieht deutsche Finanzwerte massiv mit nach unten.

Zentrale von Goldman Sachs in New York: Eine Immobilientochter macht viel Ärger
REUTERS

Zentrale von Goldman Sachs in New York: Eine Immobilientochter macht viel Ärger


Hamburg/New York - Die US-Immobilienkrise hat ein juristisches Nachspiel für Goldman Sachs, Amerikas größte Wall-Street-Bank. Die US-Börsenaufsicht SEC erhob am Freitag Betrugsklage gegen den Finanzriesen und einen seiner Vizepräsidenten (komplette Anklageschrift: siehe linke Spalte).

Der Vorwurf: Goldman Sachs habe Investoren hintergangen, indem es ihnen die Risiken eines komplexen Investmentprodukts vorenthalten habe. Das Produkt war an die berüchtigten Subprime-Hypotheken gekoppelt, die die weltweite Finanzkrise mit ausgelöst haben sollen.

Der Schaden für die Anleger wird auf eine Milliarde Dollar beziffert. Der Konzern wies die Anschuldigungen zurück: "Die Anklagepunkte der SEC sind in jeder Hinsicht vollkommen unzutreffend. Wir werden energisch dagegen vorgehen, um unser Unternehmen und unseren Ruf zu verteidigen", teilte Goldman Sachs in einer Presseerklärung mit.

Die SEC-Vorwürfe verursachten am Freitagnachmittag ein Börsenbeben. Die Goldman-Aktie verlor zeitweise fast 15 Prozent an Wert und zog andere Finanzwerte mit in die Tiefe. An der Wall Street fiel der Dow-Jones-Index der 30 führenden Industriewerte nach vorläufigen Berechnungen um 125,91 Punkte oder 1,1 Prozent auf 11.018,66 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 34,43 Punkte oder 1,4 Prozent und schloss bei 2.481,26 Zählern. Auch in Deutschland rauschten die Bankenwerte kurz vor Börsenschluss nach unten. Titel der Deutschen Bank Chart zeigen verloren zeitweise mehr als sieben Prozent, Aktien der Commerzbank Chart zeigen fast drei. Der Dax Chart zeigen gab um 1,5 Prozent auf 6199 Zähler nach.

Im Sog der Kursverluste verlor auch der Ölpreis an Wert. Ein Fass der Sorte Fass WTI verbilligte sich um 3,3 Prozent auf 82,75 Dollar, die Sorte Brent wurde 2,6 Prozent niedriger bei 85,27 Dollar gehandelt.

Goldman Sachs soll wichtige Informationen verschwiegen haben

Es ist das erste Mal, dass die Börsenwächter bei einem derartigen Geschäft einschreiten. Für die Investmentbanken könnte das der Beginn härterer Zeiten bedeuten, denn viele von ihnen hatten ähnliche Finanzprodukte im Zusammenhang mit Hypotheken aufgelegt.

Bei der Klage, die die SEC beim New Yorker Bezirksgericht einlegte, geht es um sogenannte "collateralized debt obligations" (CDO), Kreditprodukte, die als wichtiges Refinanzierungsmittel für Banken auf dem Kapitalmarkt gelten. Im Zuge der Finanzkrise kamen sie in die Kritik, da sie sich immer mehr auf windige Investments stützten, etwa besagte Subprime-Hypotheken.

Nach Ermittlungen der SEC unterschlug Goldman Sachs wichtige Informationen über ein CDO, darunter die maßgebliche Rolle, die ein Hedgefonds bei der Portfolio-Auswahl spielte. Dieser Hedgefonds - Paulson & Co., einer der größten der Welt - habe einen Absturz dieser Werte bewusst einkalkuliert, um dann davon zu profitieren. "Das Produkt war neu und komplex", erklärte SEC-Chefermittler Robert Khuzami, "aber der Betrug und die Konflikte sind alt und simpel."

Goldman habe einem Klienten - dem besagten Hedgefonds - erlaubt, das CDO-Portfolio zu beeinflussen, obwohl der Investor dagegen gewettet habe, schreibt die SEC in der Klage. "Zugleich habe man anderen Investoren versichert, dass diese Kreditprodukte von einer unabhängigen, objektiven dritten Partei ausgewählt worden seien."

Weitere Klagen möglich

Bei dem angeklagten Goldman-Vizepräsidenten handelt es sich um Fabrice Tourre, der für die inkriminierte CDO (intern als "ABACUS 2007-AC1" bekannt) verantwortlich gewesen sein soll. Tourre habe angeblich von der doppelten Agenda Paulsons gewusst, so die SEC.

Die Goldman-Klage ist Teil eines breiten Ermittlungsvorstoßes der SEC gegen die Wall Street im Zusammenhang mit der Kreditkrise. SEC-Abteilungsleiter Kenneth Lench kündigte weitere Klagen "gegen Investmentbanken und andere" an: Die Behörde untersuche derzeit alle komplexen Hypotheken-Finanzprodukte, die in jener Zeit zum Absturz der gesamten Branche geführt hätten.

Es ist bereits das zweite Mal in zwei Tagen, dass Negativnachrichten über Goldman Sachs die Anleger schockieren. Laut "Financial Times Deutschland" hat ein Fonds der Großbank nahezu sein gesamtes Eigenkapital in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar verloren. Als Grund für den gigantischen Verlust nannte die Zeitung die mit hohen Krediten finanzierten Käufe von Immobilien gerade auch in Deutschland. Die Bundesrepublik sei nach den USA das zweitgrößte Zielland bei dem im Jahr 2005 aufgelegten Fonds gewesen.

pit/ssu/dpa-AFX



Forum - Hat die Wall Street nichts gelernt?
insgesamt 477 Beiträge
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Seite 1
Hartmut Dresia, 19.10.2009
1.
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was sollte sie denn lernen? Dass der Staat im Zweifel die Rechnungen begleicht, das konnten auch die deutschen Banken aus der Krise lernen. Und dass Politiker Geld ohne jede Gegenleistung geben. Warum ist das so? Es gibt da viele Thesen: Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/) Aber was sollen Banken auch von Politikern halten, wenn man sich zum Beispiel die Besetzung von Vorstandsposten bei der Bundesbank durch die Politik anschaut: Thilo Sarrazin - eine glatte Fehlbesetzung in der Bundesbank (http://www.plantor.de/2009/thilo-sarrazin-eine-glatte-fehlbesetzung-in-der-bundesbank/)
founder 19.10.2009
2. Ein Stoßdämpfer für die Börsen
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was passiert wenn bei einem Auto die Stoßdämpfer kaputt sind? Schlechte Straßenlage, längerer Bremsweg, es wird extrem gefährlich damit zu fahren. Stoßdämpfer sind Schwingugsdämpfer. Ohne Schwingungsdämpfung schaukelt sich das Auto auf Bodenwellen zu immer größeren Schwingungen auf, bis es unkontrollierbar ins Schleudern gerät. Eine Börsentransaktionssteuer wäre ein Stoßdämpfer für die Börse.
londoneye 19.10.2009
3. Wie blöd muss man eigentlich sein?
Der Kerl hat schon 1,3 Mrd US Dollar Privatvermögen und betreibt Insiderhandel, um an weitere 20 Mio USD zu gelangen! Das ist nicht nur raffgierig, sondern auch extrem dämlich.
Ghost12 19.10.2009
4. Nicht ein paar Profiteure, sondern
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Die Verantwortung der Exzesse, die momentan noch schlimmer sind als bei Beginn der Finanzkrise, trägt derjenige, der die Blasen aufbläht- das ist Ben Bernanke. Mit Unterstützung von Geithner und Obama, die ihn bei seinem Kurs unterstützen.
Sackaboner 19.10.2009
5.
Es ist schon mehr als merkwürdig, dass Leute, die eigentlich mehr als genug Kohle für ein sorgefreies Leben bis an ihr Ende haben, immer noch weiter raffen müssen. Das kann nur eine Krankheit sein, da jede Logik und Vernunft darin fehlen. Dumm, wenn man dann noch der amerikanischen, alttestamentarischen Rachejustiz in die Hände fällt.
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