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Privatinsolvenz durch Franken-Freigabe: 2800 Euro Einsatz, 280.000 Euro Verlust

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Euro- und Franken-Münzen: "Risiko vollkommen unterschätzt"

Die plötzliche Aufwertung des Schweizer Franken schockte die Finanzmärkte - und kostete deutsche Kleinanleger viel Geld. Ein 26-jähriger Ingenieur steht nun vor dem Bankrott.

Bis zum 15. Januar 2015 verläuft das Leben von Frank Müller in sehr geordneten Bahnen. Der 26-jährige Ingenieur, der in Wirklichkeit anders heißt, hat eine nette Freundin und nach dem Studium einen gut bezahlten Job bei einem mittelständischen Unternehmen für Elektrotechnik gefunden.

Einen Teil des Geldes, das er jetzt verdient, legt er seit einiger Zeit auf eigene Faust an, an der Börse oder dem internationalen Devisenmarkt. Sparbücher und Festgeldanlagen bringen schließlich ohnehin kaum noch Rendite, und Müller investiert immer nur Summen, deren Verlust er im schlimmsten Fall verkraften kann. Glaubt er.

Auch als er am 12. Januar bei einem Broker 2800 Euro auf bestimmte Kursdifferenzen des Schweizer Franken setzt, hält Müller das Risiko für kalkulierbar. Drei Tage später steht er vor dem Ruin. Sein Broker verlangt von Müller, 280.000 Euro nachzuschießen.

Für Laien ein unkalkulierbares Risiko

Denn völlig unerwartet gibt die Schweizer Notenbank an diesem Tag den Wechselkurs des Schweizer Franken zum Euro frei: Die Untergrenze, nach der ein Euro nicht weniger als 1,20 Franken wert sein durfte, gilt nicht mehr. Kurz nach der Entscheidung schießt der Wert der Schweizer Währung binnen Minuten um 20 Prozent nach oben - und dieses Drama kostet nicht nur viele Banken und Profizocker ein Vermögen, sondern auch Privatanleger wie Frank Müller.

Seine Geschichte wirft ein Schlaglicht auf die irrwitzigen Produkte, die Finanzmakler und Broker Laien auch nach der Finanzkrise noch verkaufen.

Die Zeitbombe, in die Müller sein Geld gesteckt hat, heißt "Contract for Difference" - kurz CFD. 2013 lag das Marktvolumen solcher Verträge, die auf bestimmte Kursdifferenzen von Aktien, Devisen oder Rohstoffe wetten, bei 1,1 Billionen Euro.

Das Verlockende bei solchen Geschäften ist die sogenannte Hebelung. Dabei stockt der Broker das Investitionskapital des Investors zusätzlich auf - er gibt seinem Kunden also quasi Kredit. Dessen Gewinnchancen steigen dadurch erheblich. Allerdings auch das Verlustrisiko.

In Müllers Fall ist das Produkt im Verhältnis 1:400 gehebelt. Der Ingenieur weiß im Prinzip, dass das gefährlich ist. Wer auf die Website von IG Markets klickt, erhält schließlich am unteren Bildrand einen grau hinterlegten Hinweis: "Der Handel mit CFDs birgt ein hohes Risiko und kann nicht für jeden Anleger angemessen sein."

Ein schneller Verkauf war nicht mehr möglich

Doch Müller geht davon aus, dass er im schlimmsten Fall ein paar Tausend Euro über seinen Einsatz hinaus verlieren könnte. Schließlich liegt der Euro-Franken-Kurs nur knapp über der von der Schweizer Notenbank gesetzten Mindestgrenze von 1,20, als Müller sein Geschäft abschließt. Und noch im Dezember hat der Notenbankchef der Eidgenossen erklärt, man werde diese Grenze auch weiter "mit allen Konsequenzen durchsetzen".

Für alle Fälle hat Müller außerdem noch einen sogenannten Stopp gesetzt: Wenn der Euro-Kurs entgegen allen Erwartungen doch unter die Marke 1,1998 Franken rutschen sollte, soll der Broker seinen Kontrakt sofort am Markt weiterverkaufen.

In normalen Zeiten wäre das wahrscheinlich auch kein Problem gewesen.

Doch am 15. Januar war an den Devisenmärkten nichts normal. Nachdem die Schweizer Notenbank den Franken über Jahre künstlich niedrig gehalten hatte, schoss der Kurs nach der Freigabe so steil nach oben, dass selbst Profizocker Muffensausen bekamen. Erst nach einer Dreiviertelstunde - an den Finanzmärkten ist das eine Ewigkeit - fand sich ein Käufer für Müllers Deal. Der Euro war da nur noch 0,92 Franken wert - und der Verlust, den Müller jetzt stemmen soll, beläuft sich auf fast 280.000 Euro.

IG Markets beteuert, umfangreich aufgeklärt zu haben

"Dieses Risiko habe ich vollkommen unterschätzt", gesteht Müller mit brüchiger Stimme ein. Dass er da nicht der Einzige ist, weiß er, seit er einen Hilferuf in einem Onlineforum abgesetzt hat. Seitdem melden sich bei ihm etliche andere Anleger, denen es ähnlich erging - und die nun verzweifelt sind.

"Man weiß natürlich, dass man an der Börse Geld verlieren kann", sagt auch ein arbeitsloser Physiotherapeut, der bei einem Einsatz von 1500 Euro nun 30.000 Euro nachschießen soll. "Aber es geht um die Ausmaße." "Man muss die Frage stellen, ob solche Profiprodukte an Privatanleger verkauft werden sollten", sagt Dorothea Mohn, Finanzexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Auch der Berliner Anlegeranwalt Walther Späth findet: "Dass da so immense Verluste entstehen können, können Laien nicht erahnen." Fraglich sei auch, ob über die Risiken richtig aufgeklärt wurde.

Noch hofft Müller, sich mit seinem Broker, IG Markets, gütlich zu einigen. Ein Mitarbeiter der Firma ließ allerdings Müller kürzlich per Brief wissen, dass IG Markets deutlich auf die Risiken des Geschäfts hingewiesen habe und sich deshalb keiner Schuld bewusst sei. Müller überlegt nun, juristisch gegen den Anbieter vorgehen. "Sonst bleibt mir nur die Privatinsolvenz", sagt er.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 433 Beiträge
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1. keine Versicherung?
caine666 19.03.2015
Warum darf man solche Produkte ohne ausfall Versicherung verkaufen?
2. Ganz ehrlich?
SirWolfALot 19.03.2015
Selber Schuld! Es ist eigentlich jedem bewusst, dass man so schnell wie man Geld gewinnen kann, auch verbrennen kann. Ich habe überhaupt kein Mitleid für ihn. Ich bin auch so in dem Alter wie er, und würde mein Geld nie im Leben in so etwas riskantes einsetzten.
3. No mercy
bstendig 19.03.2015
Man muss schon wissen was man tut. Als Ingenieur weiß er doch wohl, dass es weh tun kann, wenn man den Finger in die Steckdose steckt. Und wenn es "gut" gegangen wäre hätte er gelacht über die "Idioten" die nix verdient haben. Was erwartet er jetzt? Mitleid oder ein wenig Beihilfe vom Steuerzahler? Oder einen verständnisvollen Richter?
4. Tja, so ist das Leben
genlok 19.03.2015
Wer mit Hebelprodukten spielt ohne das Risiko zu kennen oder das Risiko wissentlich ignoriert um schnell mal Kasse zu machen, dem kann man nicht helfen. Ich bleib bei meinen Call Optionen wo mir höchstens der Einsatz flöten geht. Würde mir im Leben nicht einfallen ein Produkt zu wählen wo der Verlust potenziell unbegrenzt ist. Übrigens das spricht nicht gegen die Finanzprodukte, es sind halt Instrumente für Profis. Mann lässt verschiedene Medikamente ja auch nur in den Händen von Ärzten. Bei den Finanzinstrumenten darf halt mal jeder ran, wenn er bei seinem Know Your Customer Fragebogen genug lügt und genug Erfahrung vorgaukelt.
5. Gier frisst Hirn
konradtill 19.03.2015
Hätte der arme, falsch beratene, hintergangene Herr 280T€ "gewonnen" müssten wir nun kein Mitleid mit ihm haben. Wer so hoch zockt kann eben auch verlieren. Dann wenn es in die Hosen geht sich falsch beraten "fühlen". Dumm gelaufen - mehr nicht!
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