Europäischer Energiemarkt Frankreich könnte Deutschland mit Atomstrom fluten

Frankreich plant seine eigene Energiewende: Erneuerbare Quellen sollen ausgebaut, Atomkraftwerke aber kaum abgeschaltet werden. Kritiker fürchten, dass Deutschland mit billigem Atomstrom überschwemmt wird.

Atomkraftwerk in Saint-Vulbas
imago

Atomkraftwerk in Saint-Vulbas

Von , Brüssel


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als das Atomkraftwerk von Fukushima im März 2011 mit einem gewaltigen Knall in die Luft flog, reagierte die Bundesregierung prompt: Die sieben ältesten Kernkraftwerke sollten sofort abgeschaltet werden, alle anderen bis 2022. In Frankreich aber blieb man gelassen: Alle 58 Kernkraftwerke, die bis heute rund drei Viertel des französischen Stroms produzieren, blieben am Netz. Erst 2015 beschloss die Regierung in Paris, den Atomstrom-Anteil am Energiemix von fast 75 auf 50 Prozent zu senken und zugleich in erneuerbare Energien zu investieren.

Wie Frankreich seine "Transition énergétique" aber hinbekommen will, blieb offen. Das lässt die Regierung von Präsident Emmanuel Macron nun in einer öffentlichen Konsultation debattieren, die im Juni beendet sein soll. Sie droht auf eine massive Steigerung von Frankreichs Stromproduktion hinauszulaufen: Erneuerbare Energien sollen stark ausgebaut, die Atomkraft aber nur in geringem Maße abgebaut werden. Unter dem Strich stünde ein starker Anstieg der Stromproduktion - und Kritiker befürchten, dass Nachbarländer wie Deutschland künftig mit billiger Atomenergie überschwemmt werden.

Zu Beginn der öffentlichen Konsultation hatte der französische Stromnetzbetreiber RTE fünf Szenarien für die Zeit bis 2035 vorgestellt. Doch die Regierung hat mittlerweile erklärt, dass nur noch die beiden Szenarien mit den klangvollen Namen "Volt" und "Ampère" zur Debatte stünden. Sie seien die einzigen, die den Neubau von Fossilenergie-Kraftwerken und eine Erhöhung des Treibhausgas-Ausstoßes vermeiden könnten.

Warnung vor "Atom-Tsunami aus Frankreich"

Es sind allerdings auch die Szenarien, in denen die größten Atomkraft-Kapazitäten erhalten bleiben. "Das war ein bewusster politischer Akt, der die vorherige relativ faire Basis verzerrt hat", kritisiert der Grünen-Europapolitiker Claude Turmes. Frankreichs Nachbarländern, darunter Deutschland, drohe künftig ein "Atom-Tsunami" aus Frankreich.

Frankreichs 58 Atomreaktoren haben eine Gesamtkapazität von 63 Gigawatt. Im Szenario "Ampère" soll sie auf 48 Gigawatt sinken, in "Volt" auf 55 Gigawatt. Netzbetreiber RTE geht davon aus, dass die Stromexporte des Landes dadurch auf 134 oder sogar 159 Terawattstunden hochschnellen würden - rund dreimal so viel wie der Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2016, der bei 57 Terawattstunden lag.

Für Deutschland könnte das auf den ersten Blick sogar vorteilhaft sein - denn sein Stromsektor hat ein Klimaproblem. Wegen des hohen Anteils von Kohlestrom bläst Deutschland pro erzeugter Kilowattstunde rund neunmal so viel Kohlendioxid in die Luft wie Frankreich, heißt es in einer aktuellen Studie des Thinktanks Agora Energiewende.

"Damit Deutschland seine Klimaziele erreicht, muss es bis 2030 seine Stromerzeugung aus Kohle halbieren und den Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf 65 Prozent erhöhen", sagt Agora-Projektleiter Dimitri Pescia. Sollte Deutschland den Ausfall von Kohlestrom aber nicht mit erneuerbaren Energien ausgleichen können, "vergrößert sich die Abhängigkeit von Importen aus Frankreich", so Pescia.

Frankreichs AKW sollen mehr als 40 Jahre laufen

Ob die aber so groß wären wie in den RTE-Szenarien berechnet, ist keineswegs gewiss - denn laut Pescia ist der Netzbetreiber "sehr optimistisch" in seinen Annahmen - sowohl was die technischen Möglichkeiten des Stromexports als auch die künftigen CO2-Preise betrifft, die eine wichtige Rolle für die Strompreise spielen werden. Selbst wenn Frankreich seine AKW-Kapazität von derzeit 63 auf 50 Gigawatt eindampfte, würde das den Strompreis nach Agora-Berechnungen so niedrig halten, dass sich die Investitionen in die Laufzeitverlängerung der AKW nicht mehr rentierten. Zugleich würden auch die Einnahmen aus erneuerbaren Energien so weit fallen, dass sie sich zum Teil nicht mehr rechneten.

Frankreichs Chancen, Strom im großen Stil zu exportieren, könnten auch durch einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien in anderen EU-Ländern sinken. "Das hat RTE bei seinen Berechnungen nicht ausreichend berücksichtigt", sagt Pescia, der zuvor als Wirtschaftsattaché für Energie und Rohstoffe in der französischen Botschaft in Berlin tätig war. RTE sei davon ausgegangen, dass sich der Anteil der Erneuerbaren im Strommix der Nachbarländer bei etwa 50 Prozent einpendeln würde. Doch Deutschland plant bis zum Jahr 2030 bereits einen Anteil von 65 Prozent, Österreich visiert sogar 100 Prozent an. Auch Spanien und Portugal denken über eine Erhöhung ihrer bisherigen Ziele nach.

Deutschland und Frankreich, so das Fazit von Agora, müssten deshalb dringend ihre Strommarkt-Strategien aufeinander abstimmen. Sollte Frankreich dagegen weiterhin viel Atomenergie produzieren, hätten zwar die deutschen Verbraucher etwas davon: Die Strompreise würden hierzulande weniger schnell steigen oder sogar leicht sinken. Die Kehrseite: Die meisten französischen Reaktoren blieben bis 2030 am Netz - und viele hätten dann weit mehr als 40 Jahre auf dem Buckel.

Zusammengefasst: Frankreich will die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen ausweiten - zugleich aber die meisten seiner Atomkraftwerke am Netz lassen. Das würde zu einem starken Anstieg der Stromproduktion führen. Kritiker fürchten, dass Deutschland und andere Länder mit billigem Atomstrom überschwemmt würden. Sie fordern, dass beide Länder ihre Energiepläne aufeinander abstimmen.



insgesamt 262 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mehrleser 30.04.2018
1. Ideale Lösung
Ist doch ideal, in Deutschland gibt es bei jeder Art der Energieerzeugung Proteste, weil Vögel durch PV-Anlagen geblendet, weil Feldmäuse durch Infraschall der Windräder gestört und überhaupt weil der Wutmichel dagegen ist - gleichzeitig aber auf Verivox den günstigsten Anbieter haben will. Wenn die Franzosen schlau sind, verpacken sie ihren Atomstrom als Ökostrom - wenig CO2 - und wir freuen uns dannn über guten Strom aus der Steckdose.
bookwood74 30.04.2018
2.
Es die Wahl zwischen extremen CO2 Ausstoßes (D) und radioaktiver Gefahren (F). Die Italiener machen das seit Jahren ganz gut. Sie kaufen französischen Atomstrom und müssen sich nicht um die Endlagerung scheren.
soulbrother 30.04.2018
3.
Frankreich kann in Zukunft nur "im großen Stil" Atomstrom exportieren, wenn es seine völlig veralteten AKW wesentlich länger als geplant laufen lässt; auf Kosten der Sicherheit. Ob sie sich das leisten werden? https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nuklearanlagen_in_Frankreich
helmut_tholen 30.04.2018
4. Freie Wirtschaft
Das heißt, wir werden mit billigem Atomstrom zugeschaufelt, der dem Endverbraucher (Bürger dieses Landes) aber trotzdem zu Höchstpreisen verkauft wird?
Fackus 30.04.2018
5. ja und ?
Kritiker fürchten... dass Deutschland mit billigem Atomstrom überschwemmt wird. Was soll die versteckte Polemik? Das wäre doch das beste was uns und der Umwelt passieren könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.