Fusion von EADS und BAE Der Klügere denkt nach

In Deutschland empört sich die Politik bereits über die geplante Mega-Fusion der Rüstungskonzerne EADS und BAE, doch seltsam: In Frankreich schweigt die Regierung. Man ist in Paris klug genug, erst einmal die Folgen der Fusion für die nationalen Industrieinteressen zu analysieren.

Trikolore vor der Airbus-Zentrale in Toulouse: Französische Standorte werden eher gestärkt
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Trikolore vor der Airbus-Zentrale in Toulouse: Französische Standorte werden eher gestärkt

Von Tanja Kuchenbecker, Paris


"La Grande Muette", die große Stumme, wird Frankreichs Armee oft genannt - weil nichts aus ihr nach außen dringt. In diesen Tagen scheint das für die gesamte französische Politik zu gelten, jedenfalls zum Thema der geplanten Fusion der beiden Rüstungriesen EADS und BAE Systems.

Während sich deutsche Politiker bereits lautstark für und gegen die Fusion positionieren und über die Zukunft einzelner deutscher EADS-Standorte verhandeln wollen, sagt man in Paris - nichts.

Was für ein Gegensatz zu sonstigen französischen Gepflogenheiten. Schließlich ist Industriepolitik in Frankreich liebster Politikersport, und gerade bei internationalen Großfusionen wird normalerweise ebenso machtbewusst wie lautstark die Wahrung französischer Interessen eingefordert.

Diesmal hingegen gab es nur eine verhaltene Reaktion aus dem Finanzministerium, man nehme eine mögliche Annäherung zu Kenntnis und werde sich im geeigneten Moment zu den Absprachen äußeren. Was Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici dann bei einem London-Besuch sagte, klang noch zögerlicher. Das Vorhaben erfordere eine "vertiefte Prüfung" durch die betroffenen Regierungen. Das Projekt werfe viele Fragen auf, insbesondere bezüglich "strategischer Interessen" oder "Auswirkungen auf Industrie und Arbeitsplätze". Eine wirkliche Einschätzung zum geplanten Zusammenschluss hat er damit nicht gegeben. Aber er hat die Stichworte genannt, die auch in Frankreich im Fusionsfall EADS-BAE für Bedenken sorgen.

Paris will seine Privilegien schützen

Der französische Staat, über die Holding Sogeade mit 15 Prozent an EADS beteiligt, will offenbar auch nach der Fusion Anteilseigner bleiben. Paris fürchtet laut Kennern der französischen Position einen schwindenden Einfluss in dem Großkonzern. Denn nach der Fusion käme Frankreich nur noch auf neun Prozent Anteil. Paris will vor allem seine Privilegien gegenüber den anderen beteiligten Regierungen schützen. Wenn auch die Regierungen in London und Berlin im neuen Konzern wie angeboten über "goldene Aktien" weitreichende Veto- und Mitspracherechte bekommen, hat Paris als Anteilseigner nicht mehr allein dieses Privileg.

Die Verwässerung des französischen Staatsanteils kommt außerdem einer zunehmenden Privatisierung gleich - und in Frankreich wird das unter einer sozialistischen Regierung nicht leicht zu erklären sein. Zumal sich die konservative Oppositionspartei UMP gegen eine Fusion sperren und auf französische Souveränität in Rüstungsfragen pochen könnte.

Auswirkungen einer Fusion auf die Arbeitsplätze

Sorgen um die französischen EADS-Standorte wurden in Frankreich dagegen bisher noch nicht laut. Der wichtigste Airbus-Produktionsstandort Toulouse wurde von Thomas Enders erst kürzlich gestärkt. Die Konzernzentrale der EADS-Hubschrauberfertigung Eurocopter sitzt bei Marseille. Bei Paris werden in der Astrium-Weltraumsparte Teile der Ariane-Weltraumraketen gebaut. Astrium ist allerdings auch strategisch für Frankreich bedeutsam, weil dort Frankreichs M51-Atomraketen produziert werden.

Die Zurückhaltung der Politik liegt also nicht daran, dass Frankreich auf einmal seine nationalen Interessen zugunsten der freien Marktwirtschaft hintenan stellt. Sondern eher daran, dass die französischen Politiker klugerweise erst einmal die Auswirkungen der Fusion prüfen. Wie Paris weiter reagiert dürfte davon abhängen, ob die französischen Standorte im fusionierten Konzern gestärkt oder geschwächt werden, ob Frankreich im Konzern auch weiterhin einen stärkeren Einfluss als London und Berlin hat und ob Frankreichs Militärgeheimnisse wirksam geschützt werden.

Gedanken muss sich die französische Regierung auch über die Folgen der Fusion auf die übrige Wirtschaft machen, denn mehrere nationale Champions wären betroffen. Für den Rüstungselektronik-Spezialisten Thales, den Flugzeugbauer Dassault und den Triebwerkshersteller Safran würde es deutlich schwieriger gegenüber dem neuen Rüstungsriesen EADS-BAE konkurrenzfähig zu bleiben. Experten gehen davon aus, dass als Reaktion auch die übrigen französischen Rüstungsunternehmen ihre Zusammenarbeit verstärken könnten. Thales träumt schon seit längerem von einer Fusion mit Safran. Der Zusammenschluss von EADS und BAE dürfte dafür neue Argumente liefern.



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wibo2 20.09.2012
1. Was soll das wieder? Wem soll das nutzen? Major Tom (Enders) im Größenwahn?
Zitat von sysopAFPIn Deutschland empört sich die Politik bereits über die geplante Mega-Fusion der Rüstungskonzerne EADS und BAE, doch seltsam: In Frankreich schweigt die Regierung. Man ist in Paris klug genug, erst einmal die Folgen der Fusion für die nationalen Industrieinteressen zu analysieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,856588,00.html
Es wird Zeit den Major Tom Enders alternativlos von seinerFunktion zu suspendieren. Wahrscheinlich wollen sich Investmentbanken auf Kosten der Staaten und Anleger bereichern. Die Aufgabe einer Aktiengesellschaft ist es, Gewinne für die Aktionäre zu erwirtschaften. Und nicht Machtgelüste einesManagements zu befriedigen. Was soll der Quatsch? Ich sehe nicht wie diese Fusion dem gemeinen Volk nützen soll. Es reicht gemeinsame Projekte auf Kosten der Steuerzahler zu machen. Konkurrenz ausschalten bringt nichts. DerNeoliberalismus treibt seltsame Blüten. siehe Songtext: Peter Schilling - Major Tom Lyrics (http://www.magistrix.de/lyrics/Peter%20Schilling/Major-Tom-16024.html)
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