Studie zur Frauenquote "Es gibt die Angst, als Emanze dazustehen"

Der Bundestag hat die Frauenquote für Aufsichtsräte beschlossen. In einer Studie berichten 20 Karriere-Frauen von ihren Erfahrungen ohne Quote.

Timo Zett

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Hamburg - Den Abstimmungstermin hätte der Bundestag kaum symbolträchtiger legen können: Am Sonntag ist Weltfrauentag, an diesem Freitag hat das deutsche Parlament eine Quote für Frauen in Aufsichtsräten beschlossen.

Ab dem kommenden Jahr sollen 30 Prozent der Plätze in den Kontrollgremien großer Unternehmen von Frauen besetzt werden. Befürworter einer generellen Frauenquote setzen darauf, dass dies nur der Anfang ist.

Doch wie denken die Managerinnen und Chefinnen darüber, die ihre Karriere ohne Quote durchkämpfen mussten?

Das wollte die Forscherin Ines Imdahl wissen. Sie musste den Teilnehmerinnen absolute Diskretion versprechen. Im Gegenzug waren 20 Frauen, die es in Unternehmen und in den Medien in Top-Positionen geschafft haben, bereit, in mehrstündigen Interviews über ihre Karriere zu sprechen. Darüber, was sie auf ihrem Weg nach oben erlebt haben und darüber, was sie von einer Frauenquote halten. Aber eine Bedingung hatten fast alle Teilnehmerinnen: Die Öffentlichkeit darf nicht erfahren, dass sie bei der Studie für das Marktforschungs- und Beratungsinstitut Rheingold Salon mitgemacht haben.

Zur Person
  • Roland Breitschuh
    Ines Imdahl, Jahrgang 1967, ist Psychologin und Geschäftsführerin des Rheingold Salons. Das Marktforschungs- und Beratungsinstitut will wissenschaftliche Forschung und konkrete Unternehmensstrategien verbinden. Imdahl selbst lebt die 50/50-Quote. Sie leitet Rheingold Salon zusammen mit ihrem Mann. Auch mit der Vereinbarung von Beruf und Familie kennt sich das Paar aus - es hat vier Kinder.
SPIEGEL ONLINE: Frau Imdahl, Sie haben mit Frauen gesprochen, die es schon nach oben geschafft haben. Entsprechen die Teilnehmerinnen dem Klischee der kinderlosen Karrierefrau?

Imdahl: Die Hälfte unserer Befragten hatte Kinder, auch mehr als eins. Übrigens haben 56 Prozent der Frauen in Führungspositionen Kinder - und bei 61 Prozent dieser Frauen leben die Kinder auch noch zu Hause. Kinderlosigkeit allein bedeutet nicht Karriere, genauso sind Kinder keine Karrierekiller.

SPIEGEL ONLINE: Die Teilnehmerinnen ihrer Studie könnten stolz darauf sein, wie sie Familie und Beruf managen. Aber warum haben so erfolgreiche Frauen Angst davor, öffentlich über das Thema Quote zu sprechen?

Imdahl: Es existiert immer noch die Angst, als Emanze dazustehen. Die Frauen sagten auch, dass sie Nachteile befürchten, wenn sie offen für eine Frauenquote eintreten. Zumal sie eine differenzierte Haltung haben. Die meisten antworteten nach dem Motto: Im Kopf bin ich dafür, aber im Herzen finde ich es schade, dass es die Quote geben muss.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie herausgefunden, warum selbst Frauen ein Problem mit der Quote haben?

Imdahl: Der Widerstand entsteht unbewusst - egal ob Frau oder Mann. Denn bevor überhaupt der Sinn einer Quote diskutiert wird, wird oft über persönliche Lebensentwürfe gestritten. Frauen mit Kindern beäugen kritisch die Kinderlosen, wer Teilzeit arbeitet, fühlt sich weniger wertgeschätzt als die Kollegen mit Vollzeit. Jeder sagt: Mein Lebensmodell ist das Beste, aber ich werde nicht genügend anerkannt.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um die Angst, dass jemand bevorzugt wird?

Imdahl: Eine Teilnehmerin sagte: 'Ich will keinen Job fürs Frau-Sein bekommen, sondern für meine Qualifikation.' Eine andere sagte, sie sei zwar gegen die Quote, aber die Erfahrung sage ihr: Ohne die Quote geben die Männer ihre Pfründe nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Ein Argument der Quotengegner ist, dass sich die Gesellschaft sowieso verändert, etwa weil auch Männer Elternzeit machen. Ginge es dann nicht auch ohne Quote?

Imdahl: So schnell ändert sich die Gesellschaft nicht von allein. Die Unternehmen müssen sich ändern. Denn mit der Quote entsteht auch ein neues Männerbild. Paare würden sich Haushalt und Kinder dauerhaft anders aufteilen, nicht nur für ein paar Monate. Nur so wird sich unsere Gesellschaft von alten Rollenbildern verabschieden. Letztlich sind es Alltagserfahrungen, die die Frauen zermürben. Also ungleiche Bezahlung, leere Versprechen, Scheinposten und die Erfahrung, dass Männer nur Männer fördern.

SPIEGEL ONLINE: Familienministerin Manuela Schwesig plant ein Gesetz, das Unternehmen zur Offenlegung von Gehältern verpflichtet. Würde das Frauen nutzen?

Imdahl: Eine Studienteilnehmerin berichtete, dass ein Vorstand mal zu ihr sagte: 'Sie machen ihren Job genauer als ein Mann, aber für die Hälfte des Geldes.' Vielleicht würde Transparenz helfen, dass Frauen nicht über den Tisch gezogen werden. Ich persönlich möchte nicht, dass alle mein Gehalt kennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Unternehmen sollen mehr Frauen einstellen und auch noch besser bezahlen. Klingt teuer. Welches Interesse sollen Unternehmen haben, da mitzumachen?

Imdahl: Frauen in den Führungsetagen nutzen den Firmen auch, weil sie anders an Dinge herangehen. Das ist durch Studien belegt. Eine Untersuchung der Unternehmensberatung Ernst & Young etwa zeigt, dass Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern mehr Umsatz und Gewinn machten als rein männlich geführte Firmen.

SPIEGEL ONLINE: Rational betrachtet wäre es für Unternehmen also besser, Frauen in die Führung zu holen? Warum wehren sich die Firmen dann?

Imdahl: Weil Veränderung anstrengend ist und keiner gerne seine Posten hergibt. Um eines klarzustellen: Das Argument mit den fehlenden qualifizierten Frauen ist Quatsch. Wir haben genügend willige und auch kompetente Frauen. Aber bisher setzen sich nur die ganz Kämpferischen durch. Viele Frauen mit Potenzial scheuen sich davor, sich dem Druck als Führungskraft auszusetzen und zu Hause noch die tolle Mutter und Partnerin zu sein. Denn noch immer gibt es diese Vorstellungen, wie Frauen sein sollen: verständnisvoll und fürsorglich.

SPIEGEL ONLINE: Diese alten Rollenbilder werden also nicht nur von Männern konserviert?

Imdahl: Oft denken Frauen von sich selbst in diesem klassischen Bild: Sie müssten netter sein als Männer und ihre Sache besonders gut machen. Ähnlich sind die Erwartungen von Frauen an Kolleginnen. Und Männer wollen gerne fleißige und bescheidene Frauen in der Firma. Sie sollen Kümmerer sein. Das Attribut ehrgeizig ist bei Frauen fast nie positiv gemeint. Was bei Männern als normales Verhalten gilt, wird Frauen als aggressiv oder zickig ausgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Aber was könnte denn die Quote daran ändern?

Imdahl: Sehr viel! Denn dieses Anecken von Führungsfrauen kommt oft dadurch zustande, dass sie allein unter Männern sind. Frauen wollen schnell Ergebnisse. In Meetings stellen sie ohne Umschweife konkrete Optimierungsstrategien vor und treten dabei Männern oft unbewusst auf die Zehen. Wenn mehr Frauen in Konferenzen dabei sind, wird sich die Meeting-Kultur ändern. Dann sind Frauen mit ihrem Verhalten keine Außenseiter mehr. Und wir bekommen neue Rollenbilder von Frauen und Männern.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben es die Frauen aus Ihrer Befragung unter diesen Umständen nach oben geschafft?

Imdahl: Zunächst einmal sind sie alle sehr kompetent, und sie sind hartnäckig. Sie haben trotz Zweifeln und Niederlagen nicht aufgegeben. Was mich aber schockiert hat: Auch wenn sie sehr erfolgreich sind, suchen diese Frauen Fehler oft bei sich. Sie zermürben sich mit Selbstzweifeln. Wir haben aber auch festgestellt: Die Frauen haben Taktiken entwickelt, wie sie nach oben kommen.

(Eine Erläuterung zu diesen Taktiken finden Sie hier in der Fotostrecke)

Fotostrecke

4  Bilder
Top-Frauen: Die Strategie zählt
SPIEGEL ONLINE: Dann kann man also in der Männerwelt als Frau doch Erfolg haben. Man muss eben nur die richtige Strategie haben.

Imdahl: Aber keine dieser Strategien funktioniert so richtig. Die Befragten sagten uns: Egal, wie wir uns verhalten - wir fühlen uns nie richtig an. Darum setzen sie auf die Quote. Eine Teilnehmerin sagte: Die Quote muss her, denn man kann keiner Frau das zumuten, was mir widerfahren ist. Wo mehr Frauen sind, müssen sie sich nicht mehr den Männern anpassen. Alle Seiten müssen lernen, mit den neuen Rollen umzugehen. Frauen müssen dann lernen, auch mal etwas taktischer vorzugehen. Und Männer sind gezwungen, mal schneller zum Punkt zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Frauenquote fanden Ihre Befragten denn gut?

Imdahl: Die Rede ist ja oft von 30 Prozent. Manche sagten: 'Warum eigentlich nicht gleich 50 zu 50?' Und andere meinten: 'Lasst uns doch wenigstens mit der Flexi-Quote anfangen.'

SPIEGEL ONLINE: Aber den Stempel der Quotenfrau werden die Vorkämpferinnen dann nicht mehr los.

Imdahl: Das haben die Teilnehmerinnen unserer Studie ganz entspannt gesehen. Denn wenn viele Frauen im Team sind, weiß am Ende keiner mehr, wer denn da eigentlich die Quotenfrau war.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 213 Beiträge
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Seite 1
Niederbayer 06.03.2015
1. Einseitig?
Wie ist das eigentlich mit dem Gesetz? Steht da nur drin das 30% des Aufsichtsrats mit Frauen besetzt sein müssen? Oder heißt es logischerweise auch das weitere 30% mit Männern besetzt sein müssen? Die restlichen 40% wären dann frei besetzbar. Kann ja eigentlich nicht anders sein, sonst würde ja die Möglichkeit bestehen einen Aufsichtsrat zu 100% mit Frauen zu besetzen und das kann ja wirklich nicht im Sinne der Gleichstellung sein.
tadel 06.03.2015
2. Makel
Gerade in der Chefetage dürfte jeder Frau die es nach Einführung der Quote hierhin schafft ein erheblicher Makel abhängen. Sie wird nie wissen, ob sie wirklich die Beste für den Job war. Das gleiche gilt für Ihre geschäftlichen Gegenüber.
Paul Panda 06.03.2015
3. Gleichmacherei
Sozialistische Gleichmacherei. Wenn nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht eingestellt wird, bedeutet dies das Ende der Wirtschaftsmacht Deutschland.
Badischer Revoluzzer 06.03.2015
4. Kein Problem als
Emanze dazustehen zu müssen. Wir machen ein Gesetz, daß das nicht sein darf. Und gut ist.
crazy_swayze 06.03.2015
5.
Selbst Frauen sind gegen die Quote, weil diese einfach Unsinn ist. Zitat SPD (leider nur in Bezug auf eine etwaige Männerquote): "Denn allein aus der Feststellung, dass ein Geschlecht in einem bestimmten Bereich in der Minderheit sei, folge noch keine tatsächliche Benachteiligung." Warum sollte das bei Frauenquoten anders sein?
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